Zeitung Heute : Das falsche Versprechen Glück für alle – das war die Lüge des Sozialismus. Der Kapitalismus übernahm sie,

und kaum jemand hat es bemerkt. Von Jochen Schimmang

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Peinlich berührt war die Mehrzahl der professionellen Beobachter politischer Kultur noch vor kurzem, dass die so genannte Affäre um die Bonusmeilen mitten im Wahlkampf einen solchen Stellenwert einnahm. Das Unbehagen darüber war gewiss berechtigt; der Tatbestand selber verwies aber vielleicht auf ein grundlegenderes Phänomen, das sich so formulieren ließe: Entweder gibt es im deutschen politischen Streit keine ernsteren Fragen, oder sie sind so ernst, dass niemand sie wirklich berühren mag.

Ich neige zu der zweiten Annahme. Zum einen, weil es natürlich immer die ernste Frage gibt, in welcher Art Gesellschaft wir wie leben wollen, zum anderen, weil diese Frage lange entschieden schien und sich nun herausstellt, dass sie neu gestellt werden muss. Gegen Ende der ersten Regierung Schröder und unabhängig davon, ob es eine zweite geben wird oder nicht, scheint ein Glaube gestorben zu sein, der die Mehrzahl von uns seit 1989 getragen hat. Man könnte ihn den Glauben an das Modell eines aufgeklärten Kapitalismus nennen, zu dem es scheinbar keine Alternative gab.

Dieser Glaube hatte und hat seine guten Gründe. Dass ein wie auch immer gearteter Sozialismus langfristig nicht nur zum Bankrott, sondern auch zur moralischen Zerrüttung führt, ließ sich nach 1989 vielfach studieren, in Europa am erschütterndsten vielleicht in Rumänien. Nur die hart gesottensten Dogmatiker konnten solche Entwicklungen weiterhin primär auf die Aktivitäten des Klassenfeindes schieben.

Es gab nur noch Gewinner

Zu beobachten war und ist außerdem, dass die postsozialistischen Länder, wenn auch unter großen Mühen und mit vielen Härten verbunden, sich aus ihrer Lethargie und ihren maroden Zuständen befreiten und dies auch ihrer moralischen Verfassung zugute kam. Parallel dazu durchlebte die Mehrzahl der Länder des „alten Kapitalismus“ in den 90er Jahren gute, stabile, teilweise blühende Jahre, und der Gedanke an die Krise schien endgültig obsolet geworden zu sein.

Auf solcher Basis musste zwangsläufig ein Glaube entstehen, den man bei näherem Hinsehen nur als Kinderglauben bezeichnen kann. Ich spreche nicht von der Illusion einer sich immer weiter nach oben schraubenden Spirale, eine Illusion, die doch wesentlich auf eine begrenzte Anzahl von Startup-Kapitalisten beschränkt war und ganz gewiss nicht einmal von der Mehrzahl der Shareholder-Fraktion geteilt wurde. Dass Werte etwas mit Wertschöpfung zu tun haben und nicht wesentlich mit der Börsennotierung von Firmen zusammenhängen, wird selbst der Mehrzahl derjenigen Kleinanleger klar gewesen sein, die sich Ende der 90er Jahre kurzfristig in den Aktienrausch gestürzt haben und nun teilweise in Katerstimmung sind.

Der Kinderglaube, der in diesen Wochen und Monaten so fundamental enttäuscht wird, reichte tiefer. Ihm erschien am Horizont das Bild einer Gesellschaft, die irgendwann keine Verlierer mehr kennen würde, sondern nur Gewinner unterschiedlicher Größenordnung.

Es gab verschiedene Spielarten dieses Glaubens, von der so genannten neoliberalen Version bis zum zwar freien, aber doch kontrollierten Spiel der Kräfte. Diesen verschiedenen Spielarten war das „alles wird gut, wenn man es nur lässt“ gemeinsam, der Glaube an die „invisible hand“, wie Adam Smith sie in seiner Untersuchung über den Wohlstand der Nationen gesichtet hatte. Natürlich konnte nicht jeder Bill Gates sein. Denkbar war aber auf lange Sicht eine Ordnung, in der es keine Verdammten dieser Erde mehr gab und damit die Erfüllung eines Versprechens, bei der der Sozialismus versagt hatte. Nicht zufällig entwickelten sich die Träume von einer neuen Weltordnung just zu der Zeit, als der Kapitalismus als Lebensform ohne Alternative endgültig gesiegt zu haben schien.

Adam Smith war nicht nur Nationalökonom, er war auch Moralphilosoph und hatte längere Zeit den entsprechenden Lehrstuhl an der Universität Glasgow inne. Sein Vertrauen in die Selbstregulierung entsprang einem bestimmten Menschenbild und einer Theorie sozialen Handelns. Klugheit, als wohlverstandenes Eigeninteresse definiert, war bei ihm gebunden durch Normen der Gerechtigkeit und durch Güte. Zur Gerechtigkeit gehörte die – meist staatliche – Garantie von Leben, Freiheit, Eigentum, Vertragstreue, anders gesagt: Rahmenbedingungen, die es dem Einzelnen erst sinnvoll und der Mühe wert erscheinen lassen, zu planen und zu handeln.

Genau so ist der Kinderglaube an den aufgeklärten Kapitalismus verfasst, und in Zeiten der Prosperität scheint er vielfach bestätigt. Seine gleichsam moralphilosophische Komponente ist der Wunsch, dass es eines Tages nur noch Gewinner geben möge. Der homo oeconomicus wäre dann zugleich auch der, der sich nichts sehnlicher wünscht als soziale Gerechtigkeit, auch wenn der Begriff selber nicht nur veraltet scheint, sondern fast ein wenig verpönt ist.

Das sage ich ohne alle Ironie, denn das war das Bild, das die Gewinner der 90er Jahre von sich selber hatten und von der Ordnung, der sie ihren Erfolg verdankten. Dieses Bild hatte zweifellos große Überzeugungskraft auch bei denen, die nicht unbedingt zu den ganz großen Gewinnern gehörten, sich aber auch nicht unter die Verlierer rechnen mussten. Die Rahmenbedingungen schienen vorhanden zu sein, dass jeder seines Glückes Schmied sein konnte. Noch in der Schröderschen Wahlwerbung („Wie viel jeder lernen will, ist seine Sache; dass er es kann, unsere Sache“) lebt dieser Glaube fort.

Die veritable Wirtschaftskrise, in der wir uns befinden, lässt ihn jedoch nachhaltig verblassen. Sie schafft nicht gerade Situationen, in denen außer der Beförderung des Eigeninteresses auch noch das Prinzip der mitmenschlichen Güte dominiert, das für Smith zu den drei Elementartugenden gehörte. In diesem Kontext ist die Posse um die Bonusmeilen gleichsam ein Stellvertreterkrieg gewesen. Was stellvertretend und damit unausgesprochen abgehandelt wurde, lässt sich so formulieren: Sollte Gerhard Schröder bei seinem Bemühen scheitern, für eine weitere Legislaturperiode die Regierung zu führen, so hauptsächlich deshalb, weil es ihm nicht gelungen ist, das Versprechen des aufgeklärten Kapitalismus und sozialer Gerechtigkeit einzulösen.

Ein schärferes Bild als die popligen Bonusmeilen ergeben die Gehälter und die Abfindungen für Top-Manager. In Zeiten allgemeiner Prosperität werden sie mit einem Achselzucken quittiert. Rückt dagegen das Bild von der verliererfreien Gesellschaft in weite Ferne, schärft sich wieder das Bewusstsein, dass es schlichtweg keine Leistung geben kann, die solche Bezahlungen rechtfertigt. Ihr per se unmoralischer Charakter tritt zutage, umso schärfer, als die Begünstigten das elementare Gefühl der Scham nicht zu kennen scheinen. Der aufgeklärte Kapitalismus ist aber gerade mit moralischem Anspruch gekoppelt. Kommen dann noch strafbare Handlungen dazu, wie bei den massiven Bilanzfälschungen und Täuschungen im Wirtschaftsleben der Leitmacht USA, ist das Bild der schönen neuen Welt endgültig beschädigt.

Vor anderthalb Jahren noch war nicht abzusehen, dass die Frage sozialer Gerechtigkeit heute verdeckt und offen eine so große Rolle in der gesellschaftlichen Debatte spielen sollte. Sie ist im Gegenteil noch nach dem 11. September 2001 ein halbes Jahr lang durch den Kampf gegen das absolute Böse verdrängt worden, in dem die inneren Gegensätze so klein wie möglich gehalten werden und die Helden umso leuchtender strahlen. Von Freud wissen wir jedoch, dass das Verdrängte mit Macht wiederkehrt und den Verdrängern zuweilen das Genick bricht.

Zusätzlich nimmt die Depression in Gestalt der großen Flut auch noch die Form der Naturkatastrophe an. Was die Frankfurter Allgemeine am 15. August titelte – „Hunderte Existenzen vernichtet“ –, gibt die Stimmungslage umfassender wieder, als es hier gemeint war. Das Wort Insolvenz hat schließlich gute Chancen, zum Wort des Jahres zu werden. Dass das Desaster – nicht die Flut, sondern die allgemeine Lage – den Regierenden angelastet wird, versteht sich von selber. Das geschieht umso mehr, als der Kanzler selbst lange Zeit der Fleisch gewordene Repräsentant des aufgeklärten Kapitalismus zu sein schien. Nun, da sich herausstellt, dass er für soziale Gerechtigkeit nicht so hat sorgen können, wie es sein ganzer physischer Gestus versprach, wird er unter Umständen empfindlich dafür bestraft.

Auch wenn es die Strafenden vielleicht nicht wissen: Die Bestrafung gilt weniger dem Versagen als dem Versprechen selber. Nur weil es von einem realitätsnäheren Menschenbild ausgeht, ist das Modell des aufgeklärten Kapitalismus nicht weniger totalitär als das des Sozialismus. Alle umfassenden gesellschaftlichen Entwürfe sind per se totalitär, insofern sie umfassende Lösungen versprechen.

Der demokratische Politiker, wenn er erfolgreich sein will, hat selbstverständlich keine andere Wahl, als eben das Versprechen umfassender Problemlösung zu geben. Populismus beginnt nicht bei Pim Fortuyn, sondern ist ein Grundzug der Werbung um den Wähler.

Kein blühender Osten

So essenziell diese Werbung zum demokratischen Prozess gehört, so sehr ist zugleich klar, dass sie ohne die Gestalt der Lüge, zumindest des Verschweigens nicht auskommt. Was wissentlich verschwiegen wird und was auch das Wahlvolk eigentlich weiß, ist dies: Es gibt gesellschaftliche Probleme, die nicht lösbar sind. Im Verhältnis zu den lösbaren Problemen überwiegen sie vielleicht nicht zahlenmäßig, bestimmt aber in ihrer Bedeutung. Nicht nur einzelne gesellschaftliche Fraktionen auf nationaler Ebene, sondern ganze Teile der Welt sind längst von allen Prozessen abgekoppelt, längst aufgegeben.

„One World“ ist ein Benetton-Slogan. Er entspricht keiner aktuellen und keiner künftigen Realität. Das gilt im Weltmaßstab ebenso wie auf der jeweils regionalen Ebene. Der Osten wird noch lange nicht blühen. Die Zahl der Arbeitslosen wird nicht wesentlich zurückgehen, bei welchem Ansatz auch immer. Das so genannte Zuwanderungsproblem wird sich verschärfen und wie die anderen als permanent behandelbar, aber nicht als prinzipiell lösbar erweisen. Geld, das man nicht hat, kann man zwar ausgeben, man kann aber nicht im gleichen Zug die Staatsverschuldung abbauen.

Mit einem Wort: Es gibt Widersprüche, mit denen man leben muss, und sie stellen sich für die einzelnen Fraktionen der Gesellschaft verschieden dar. Wo Gewinner sind, gibt es zwangsläufig Verlierer. Die „invisible hand“ wird die einen streicheln, die anderen aber verprügeln. Es ist unseriös zu behaupten, dass wir alle gemeinsame Probleme haben, die wir, wenn wir sie gemeinsam anpacken und die richtigen Rezepte befolgen, auch lösen können. Genau das aber ist die Grundaussage jeder um Wähler buhlenden politischen Gruppierung. Dass sie immer wieder vorübergehenden Erfolg hat, liegt daran, dass die tiefe Sehnsucht, sie möge wahr sein, uns in unseren schwachen Stunden dazu verleitet, daran zu glauben. Das Modell des aufgeklärten Kapitalismus und des global village, in dem alle einen menschenwürdigen Platz finden, hat die gesamten neunziger Jahre lang genug Faszination ausgeübt, um die vorhandenen Widersprüche zu verdecken. Erst die Ereignisse der letzten beiden Jahre – die sich kurz unter dem Titel „Pleiten, Pech und Pannen“ zusammenfassen ließen, wenn man ihnen damit nicht etwas zu Schicksalhaftes andichtete – haben den Glauben daran erschüttert. Die jetzt entstehenden Gegenbewegungen haben selbstverständlich, soweit sie ihrerseits die Probleme zu lösen versprechen, einen nicht minder totalitären Charakter.

Was bliebe dann zu tun? Es geht mir nicht darum, Politiker zu mehr Aufrichtigkeit zu ermahnen, die ihnen der politische Betrieb einfach nicht erlaubt. Auch möchte ich mich nicht in die langweilige Reihe der Kritiker des Machbarkeitswahns einreihen, und schon gar keinen Sinn hat es meiner Erfahrung nach, den homo oeconomicus um die Zügelung seiner Gier zu bitten.

Als nicht totalitäres Modell möchte ich vorschlagen, Politik bewusst in den Rahmen der Brüchigkeit und Begrenztheit unserer Handlungen und unserer Existenz zu stellen. (Dafür ist das Hochwasser natürlich ein so kraftvolles Sinnbild, dass man sich fast schämt, es zu benutzen.) Der französische Strukturalismus, insbesondere in seiner ethnologischen Abteilung, hatte den Menschen als einen Mitbewohner des Planeten verortet, mehr nicht. Das bewahrte ihn ziemlich zuverlässig vor dem Glauben ans künftige, menschengemachte Paradies. Es bewahrte ihn sogar nach Foucault davor, „etwas zu hoffen“.

So weit müssen wir nicht gehen. Es ist jedem von uns erlaubt zu hoffen. Anders lässt sich vielleicht gar nicht leben. Wir sollten nur die Einlösung unserer Hoffnungen nicht an den öffentlichen Raum koppeln. Das ist kein Aufruf, ihn zu verlassen und sich zurückzuziehen.

Aber für unser Glück („auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen“, wie Adorno eine Gestalt davon beschrieben hat) kann die Politik nicht sorgen. Dass Glück eine gesellschaftliche Kategorie sei, war die Lüge des Sozialismus. Der aufgeklärte Kapitalismus hat sie klammheimlich übernommen, und kaum jemand hat es bemerkt. Nun ist der Glaube an seine Glücksversprechen im Großen und Ganzen zusammengebrochen, und die Aufräumarbeiten können beginnen. Mit irgendwelchen Bonusmeilen muss man sich dabei nicht aufhalten.

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