Zeitung Heute : „Das Firmenkonzept muss zum Gründer passen“

Wirtschaftsprofessor Faltin erklärt, wie man sein eigenes Geschäftsmodell entwickelt und warum BWL-Kenntnisse entbehrlich sind

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Herr Faltin, in einer aktuellen Studie* über Unternehmensgründungen in 35 Ländern kommt Deutschland auf Platz 23. Gibt es hier kein gutes Klima für Gründer?

Im Prinzip schon, aber in Deutschland steht die Vermittlung von betriebswirtschaftlichen Kenntnissen, die Entwicklung eines Businessplans und Finanzierungshilfen im Vordergrund. Aber das sollte nicht zu Beginn einer Unternehmensgründung stehen. Am Anfang steht die Idee oder besser ein Ideenkind, das noch lange reifen muss. Das muss keine neue Erfindung sein. Es können auch bestehende Geschäftsmodelle neu kombiniert werden. Die Gebrüder Albrecht haben den Supermarkt nicht erfunden. Sie haben neue Wege entwickelt, die Kosten radikal zu reduzieren und haben Aldi so zu einem der erfolgreichsten Unternehmen in Deutschland gemacht.

In der Studie heißt es, deutsche Gründer seien eher „Existenzsicherer“ als „Selbstverwirklicher“. Was ist damit gemeint?

Das ist eine sehr gute Unterscheidung. Wer ein Unternehmen gründet, um der Arbeitslosigkeit zu entfliehen, und dann ein paar Monate lang Fördergelder bekommt, hat wenig Chancen auf Erfolg, wenn er sich nicht intensiv um ein gut durchdachtes Geschäftsmodell bemüht. Ein Entrepreneur, also ein wirklich innovativer Unternehmer, braucht ein Geschäftsmodell, das zum Markt, aber auch zu seiner Persönlichkeit passen muss. Es sollte ihm Spaß machen, sein Unternehmen zu führen. Wenn ich den fünften Copyshop in der Straße eröffne, ist das eher nicht der Fall.

Sie haben selber ein Unternehmen aufgebaut, die Teekampagne. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Viele haben mir gesagt: ’Das wird nicht funktionieren’. Aber das Unternehmen arbeitet seit 20 Jahren mit großem Erfolg. Wir verschicken Darjeeling in Großpackungen direkt an den Verbraucher, unter Umgehung des Zwischenhandels. Dadurch können wir sehr gute Preise anbieten. Das war keine Neuerfindung des Rades, aber das Prinzip hatte noch keiner auf den Teehandel angewandt. In unserem „Labor für Entrepreneurship“ sind schon mehrere Unternehmen entstanden, die sich daran orientiert haben, zum Beispiel ebuero. Das ist ein Büroservice, der sich auf die Kernfunktionen beschränkt und bei dem die Kunden bis zu 90 Prozent Kostenersparnis haben.

Fast jede Bank und Sparkasse bietet heutzutage eine Gründerberatung an. Wenn Deutschland bei Gründungen so weit zurück liegt, ist dann die Beratung falsch?

Das kann man nicht pauschal sagen. Grundsätzlich ist die Ausrichtung zu BWL-lastig. Die betriebswirtschaftswirtschaftlichen Inhalte sind heute viel zu komplex, als dass man sie ohne intensives Studium durchschauen könnte. Nehmen Sie nur das Steuerrecht oder das Arbeitsrecht, wer sich das nebenbei aneignen will, wird immer ein Dilettant bleiben. Man muss das auch gar nicht können, solche Arbeiten kann man an Profis delegieren.

* Global Entrepreneurship Monitor (GEM): www.gemconsortium.org

Günter Faltin (61) , Professor für

Wirtschaftspädagogik an der Freien Universität Berlin, Leiter des

Arbeitsbereichs

Entrepreneurship.

Die Fragen stellte

Alexander Visser

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