Das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer : Der Schatz im Archiv

Was ist uns das Leben der Flüchtlinge im Mittelmeer wert? Wir haben es alle gewusst, dass sie zu hunderten ertranken. Und was haben wir unternommen? Unser Autor zieht eine bittere Parallele. Ein Kommentar.

Sie riskieren ihr Leben, um ihrem Elend zu entfliehen. Flüchtlinge versuchen von diesem Bootswrack aus das Ufer der griechischen Insel Rhodos zu erreichen.
Sie riskieren ihr Leben, um ihrem Elend zu entfliehen. Flüchtlinge versuchen von diesem Bootswrack aus das Ufer der griechischen...Foto: Reuters

Wann fängt das Entsetzen an? Bei 100? (Lächerlich). Bei 200? (Kaum der Rede wert). Bei 300? (Ooops! Ist aber nicht schön). Jetzt sind über 800 Menschen abgesoffen, weil sich die europäische Völkergemeinschaft, oder sagen wir lieber, die europäische Völkergemeinschaftselite, lieber hemmungslos besäuft an den eigenen Handlungsplänen. Und nun bricht sich das Entsetzen eine Bahn. Mehr eine Schneise, eine riesige Schneise, durch die alle rennen, die es natürlich immer schon gewusst haben. Die kluge Kollegin Hatice Akyün hat gerade einen Witz gemacht, einen bitteren Sarkasmus und der geht so: „Mama, warum habt ihr damals eigentlich nichts unternommen, als Flüchtlinge im Meer ertrunken sind?“ „Kind, wir wussten es nicht.“

Die Entschuldigung war schon vor 70 Jahren erlogen, sie taugt erst recht heute nicht zur Entschuldung. Denn wir wissen es ja heute, wir wissen es alle und wissen alles, und seitdem auf einen Schlag 800 Menschen in den Wellen unserer Urlaubsbadewanne Mittelmeer ertranken, überschlagen wir uns, auch und gerade wir Medien, dass wir doch immer schon aufs Problem hingewiesen haben.

Claus Kleber, der Anchorman des ZDF, brachte es am Montag im „heute- journal“ auf den Punkt. Nach der Katastrophenberichterstattung wies er aufs Archiv von ZDF.de hin: „Da hat sich ein Schatz zum Thema angesammelt.“

Ein Schatz? Ist ein Schatz nicht etwas Feines, Funkelndes, Geheimnisvolles und Erhabenes, egal, ob der Schatz wertvoll ist? Im ZDF-Archiv, wie in nahezu allen Archiven, findet sich zum Thema aber nichts Funkelndes, nichts Prickelndes. Nur Grausamkeiten, Tatenlosigkeit, bestenfalls noch Ohnmacht. Und Zynismus, wie die Meldung, dass die EU den Golfplatz in der spanischen Exklave Melilla unmittelbar am Grenzzaun zu Marokko mit 1,4 Millionen Euro bezuschusst hat.

Wir haben es immer gewusst, wir alle haben alles gewusst. Dass wir uns jetzt kollektiv auf die Schulter klopfen für diese frühen Warnungen und schonungslosen Aufklärungen, erinnert arg an den früheren Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich von der CSU, der auch immer behauptet, frühzeitig gewarnt und zum Handeln aufgerufen zu haben. Und so kramen wir in den Archiven, werden fündig und beruhigen unser Gewissen: „Ja, wenn ihr damals schon auf mich gehört hättet …“ Hat aber keiner. Stattdessen sind jetzt auf einen Schlag 800 Menschen vom Wasser verschluckt worden. Entsetzlich. Und nun zum Wetter.

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