Zeitung Heute : „Das Frühstücks-Ei dürfen Sie salzen“

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Brigitte Neumann, 41, ist DiplomÖkotrophologin und Mitarbeiterin des Europäischen Institutes für Lebensmittel- und Ernährungwissenschaften.

Frau Neumann, viele Ernährungsberater empfehlen, möglichst wenig Salz zu essen. Leben wir dadurch gesünder?

Die Gesundheitsgefärdung durch Speisesalz wird massiv übertrieben. Bei Menschen, die unter Bluthochdruck leiden, kann eine Reduktion sinnvoll sein. Aber selbst da kann nur bei etwa zehn Prozent der Patienten eine leichte Absenkung des Blutdrucks nachgewiesen werden. Eine Kochsalzrestriktion für alle Menschen macht keinen Sinn. Bevor ich jemandem empfehle, auf etwas zu verzichten, muss ich nachweisen können, dass es ihm schadet. Die Studien, die dies für Salz versucht haben, sind bis heute umstritten.

Können wir also bedenkenlos zum Salzstreuer greifen?

Wichtig ist, dass man sich ausgeglichen ernährt. Wer nur stark Gesalzenes isst, tut das natürlich nicht. Aber abgesehen von den Risikogruppen wie Bluthochdruckpatienten oder Nierenleidenden gefährdet ein normaler Konsum die Gesundheit nicht. Die Empfehlung, nicht mehr als fünf Gramm Salz pro Tag zu sich zu nehmen, hat keine wissenschaftliche Grundlage. Sie dürfen ihr Frühstücksei ruhig salzen.

Wie erklären Sie sich, dass Salz so lange als gesundheitsgefährdend eingestuft wurde?

Gesundheitspolitiker haben ein Interesse daran, klare Empfehlungen abzugeben und der Zusammenhang von hohem Salzkonsum und hohem Blutdruck klang anfangs plausibel. Auch für Ernährungsberater ist es bequem, mit Richtwerten zu arbeiten, an die sich die Konsumenten halten sollen.

Gibt es auch Personengruppen, die unter Salzmangel leiden?

Das kann bei Schwangeren, Kleinkindern und älteren Menschen zum Problem werden. Die frühe re Empfehlung der Weltge sundheitsorganisation für Schwangere, sich salzarm zu ernähren, wurde zurückgenommen. Bei Kleinkindern kann dauerhafter Salzmangel in Verbindung mit zu hoher Flüssigkeitszufuhr, was zum Teil auf falsche Ernährungsberatung zurückgeht, zur Entstehung von Ödemen führen. Bei älteren Menschen kann der Mangel zu Krämpfen und daraus resultierenden Stürzen führen. Auch Sportler und Menschen, die viel Schwitzen brauchen viel Salz. Daher ist eine generelle Warnung davor falsch. Jeder Ernährungsplan muss auf den Einzelnen abgestimmt werden.

Der Handel wirbt für Salz aus dem Meer oder dem Himalaya. Ist das gesünder als Siedesalz?

In diesen Produkten sind mehr Spurenelemente enthalten als im herkömmlichen Salz. Doch das spielt sich in einem feinstofflichen Bereich ab, der jenseits der wissenschaftlichen Nachweisgrenze liegt. Aus wissenschaftlicher Sicht kann ich dieses Salz nicht empfehlen. Andererseits spricht auch nichts gegen diese Produkte, wenn man bereit ist, den höheren Preis zu zahlen.

Die Fragen stellte Alexander Visser

Mehr zum Thema Salz heute auf Seite S6,

Essen&Trinken.

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