Zeitung Heute : Das Frustprinzip

Torsten Hampel[Frankfurt Oder]

Nicht dass sie sich groß aufgeregt hätten in der Stadt Frankfurt, als die PDS letzte Woche einen ehemaligen Stasi-Mann, einen hauptamtlichen, zum Bürgermeisterkandidaten machte. Eigentlich haben nur die von der SPD ein wenig gemeckert. Das liegt daran, dass unser Frankfurt, schon klar, an der Oder liegt. Und daran, dass hier alles nicht so einfach ist. Das mit der Stasi, und das, was jetzt noch kommt, erst recht.

Genau genommen war es nicht nur die PDS, die Axel Henschke, 49, aufgestellt hat, sondern ein Wählerbündnis, an dem die PDS bloß beteiligt ist. SPDler sind da auch drin und einige von der CDU. Sie werden von ihren Parteien beargwöhnt, aber eine politische Debatte gibt es deshalb nicht in Frankfurt. Das brächte zu viel Aufregung. Im Februar könnte Henschke für die Gruppe 2002 - so heißt das Bündnis - gegen die Kandidaten von CDU, SPD und FDP die Wahl gewinnen.

Henschke sitzt in seinem Büro in der Frankfurter PDS-Geschäftsstelle und hat gerade ein paar Sachen erledigt: Er ist jetzt nicht mehr PDS-Fraktionschef im Stadtparlament und auch nicht mehr der Kreisvorsitzende. Keiner soll zweifeln, dass er tatsächlich für die Gruppe 2002 antritt - und nicht doch bloß für die PDS. Im Gegenteil, er wird als OB-Kandidat die Parteilinie komplett vergessen können. Schon wegen Bernd Horn.

Horn, 38, CDU, ist Chef der Gruppe 2002, er hat sie gegründet und er bestimmt, wo es langgeht. Und er weiß natürlich, dass Henschke als junger Kerl von 19 Jahren seinen Wehrdienst beim MfS geleistet hat. Henschke hat als Rekrut eineinhalb Jahre das Frankfurter Stasi-Gefängnis bewacht, dann hat er gekündigt und ist FDJ-Funktionär geworden. In dem Beruf hat er etliches erlebt und darüber dann "natürlich auch berichtet", sagt er. Er nennt seinen Lebenslauf eine "klassische DDR-Biografie", und er hat ihn nie verheimlicht.

"Wir können ja mal zu Horn rübergehen", sagt Henschke. Der wartet auch schon, ein paar Meter die Straße runter, da steht er in der Tür, kommen Sie rein, da hinten ist der Besprechungsraum. Horn hat eine Beratungsfirma, er hilft Unternehmen, die bauen wollen in Frankfurt, und hat Erfolg damit. Das kann man sehen. Mercedes-Schlüssel auf dem Tisch, Porsche und Jaguar im Hof.

Horn, ein Hüne, ein Türsteher-Typ, nehmen Sie Platz, erzählt als Erstes von seiner Firma. Will gar nicht aufhören, auf kommunale Auftraggeber zu schimpfen, die ihn schlecht bezahlten. Henschke sitzt dabei, schweigt, schaut, kramt ein bisschen in seiner Jacke und geht raus. Er leidet, er hat das alles schon dutzende Male gehört, und er weiß, dass nach dem Reden über die Firma die Politik dran ist. Horns Politik, auf die er sich wird einlassen müssen.

Also, Herr Horn, warum sind Sie Politiker geworden? Na, weil er hier Geld verdienen will, sagt er, und da braucht er eine funktionierende Wirtschaft in der Stadt. Und seine Partei, die CDU, die tut nichts, also hat er sich am 1. Mai auf ein PDS-Volksfest gestellt und sein Programm verteilt. "Wohltaten, Volksbeglückung, die die Stadt nicht bezahlen kann, wird es mit mir nicht geben", hat er den Menschen damals gesagt. Ausgerechnet mit der PDS hat sich der Geschäftsmann Horn eingelassen, warum? Er sagt, die PDS-Leute in Frankfurt seien noch die Pragmatischsten, die anderen Parteien hätten keine Ideen.

Mit der CDU gehe es nicht. Und mit der SPD auch nicht. Die hat sich ja das mit der Fluchthilfe ausgedacht. Der Kragen ist ihm geplatzt, als er das gehört hat. Jeder junge Mensch, der Frankfurt verlässt, bekommt vom Arbeitsamt 5000 Mark Starthilfe für das Leben in der Fremde. Das ist sehr nett vom Arbeitsamt, weil den Jungen in Frankfurt wenig anderes übrig bleibt, als wegzugehen. Aber so regiert man natürlich keine Stadt.

Die Stadtverwaltung dagegen, sagt Horn, die könnte man getrost aus Frankfurt wegjagen. Die Beamten holten sich dauernd Beratungsfirmen ins Haus, die ihnen ihren Job erklären müssten, sagt er. "Aber wenn die Verwaltung nichts selber kann, dann muss man sie qualifizieren oder rausschmeißen." Henschke ist seit einer Weile wieder mit am Tisch, er schaut jetzt an die Decke.

Überhaupt die Stadtflucht, 2000 Menschen würden Frankfurt in diesem Jahr verlassen. Das müsse man umkehren, sagt Horn. Man müsse zum Beispiel den Berlinern klarmachen, dass sie sich hier fürs gleiche Geld größere Grundstücke leisten könnten als daheim. Und dass sie auf der Oder Boot fahren könnten. Dort gibt es, im Gegensatz zum Wannsee, keine Geschwindigkeitsbegrenzungen.

Später beim Essen in einem Restaurant auf der Karl-Marx-Straße muss Horn kauen und kann nicht reden. Henschke sieht ihm beim Muschel-Schlürfen zu und sagt, jaja, um mit dem zusammenzuarbeiten, da braucht man schon gehöriges Frustpotenzial. Dennoch lässt er sich darauf ein, weil er weiß, dass er auf Horns Anhänger, die von den großen Parteien genug haben, angewiesen ist.

Gibt es etwas, etwas Inhaltliches, das Sie verbindet, meine Herren? Ja, der öffentliche Personennahverkehr, der muss kostenlos werden, sagt Horn. Das rechne sich. Man brauche dann kein Geld für Fahrscheinautomaten mehr, kein Geld für die Leute, die die Tickets abrechnen, Parkplätze müssten nicht gebaut werden, Straßen nicht ausgebessert. Henschke nickt. Außerdem brauche Frankfurt dringend einen Zwangsverwalter.

Vorhin in seinem Besprechungszimmer hat Horn davon erzählt, wie es in den nächsten Tagen weitergehen wird. Das Wahlprogramm müsse jetzt geschrieben werden, hat Horn gesagt, damit er seine eigenen Anhänger, die Geschäftsleute, guten Gewissens zu Henschke schicken könne. Und Axel Henschke, der aussichtsreichste Kandidat für den Bürgermeisterposten in der Stadt Frankfurt, hat daneben gesessen. Die Ellbogen auf den Tisch gestemmt, die Hände ineinander gepresst, die Finger verkrampft.

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