Zeitung Heute : Das Fürchten lernen

Sonja Niemann

Wie eine Neuberlinerin die Stadt erleben kann

Tilmann und ich haben diese Woche damit verbracht, das Berlinale- Programmheft auswendig zu lernen. Die kurzen Inhaltsangaben machen die Entscheidung nicht sehr leicht, für welchen Film man sich morgens ab acht für drei Stunden anstellen möchte.

„Wollen wir ,13 Lakes’ sehen?“, frage ich. „Im Programmheft steht: ‚Avantgarde-Dokumentarist James Benning porträtiert 13 amerikanische Seen in jeweils einer Einstellung von mehreren Minuten Länge.’ Oder hier, auch schön : ‚Ice/Sea: Found-Footage-Collage, deren Bilder im Kontext von Meer, Sonne und Eis stehen.’ Oder wollen wir einen Gender-Problem-Film anschauen?“ Tilmann wür- de lieber „Ten skies“ sehen: „Der jüngste Film des amerikanischen Avantgarde-Dokumentaristen James Benning. Zehn Himmel in Südkalifornien, gefilmt in zehn langen starren Einstellungen. James Benning betrachtet seine Landschaftsarbeiten als Antikriegs-Kunstwerke.“

Wir haben uns für Kubricks „Shining“ in der Retrospektive entschieden. Kein Antikriegs- Kunstwerk, aber immer wieder eine wichtige Erinnerung daran, dass das Leben auf dem Land gefährlich ist und man froh sein soll, in Neukölln zu leben. – Fällt jemandem ein Horrorfilm ein, der in der Großstadt spielt? Horrorfilme spielen ja immer in Einöden, tristen Kleinstädten oder Texas, manchmal auch in texanischen Einöden oder Kleinstädten.

Ich schreibe diese Zeilen unter dem Eindruck der kürzlich gesehenen, natürlich ausverkauften Dokumentation „Inside deep throat“, die sich mit der kulturgeschichtlichen Bedeutung des erfolgreichsten Pornofilms aller Zeiten beschäftigt. Der wurde vor allem berühmt wegen der im Titel angedeuteten, außergewöhnlichen Fähigkeit der Hauptdarstellerin. Wer „Inside deep throat“ sieht, hofft stark, dass es sich dabei um einen Kameratrick mit Spiegeln handelt.

Inzwischen haben Bekannte angerufen, um mir alle Horrorfilme aufzuzählen, die in der Großstadt spielen: Zombie-Filme, japanische Schocker, vieles mehr. Mist. Nirgendwo kann man sicher sein. Außer vielleicht im Himmel über Südkalifornien.

„Dumplings“, ein „postfeministischer Horrorfilm“, spielt angeblich in der Großstadt Hongkong. Morgen um 23 Uhr im Colosseum und am 19. Februar um 21.30 Uhr im Zoo Palast.

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