Zeitung Heute : Das ganze Bild

Die begehbare Stasi-Zentrale, O-Töne vom 17. Juni ’53 und Robotron-Technik. Im Internet lebt die DDR weiter

Kurt Sagatz

Kann man einem heute zwölfjährigen Kind begreifbar machen, was die DDR darstellte oder was an jenem 17. Juni 1953 in Berlin und anderen großen Städten der Deutschen Demokratischen Republik passierte? Kaum, lautet die Antwort. Zwar überbietet sich derzeit das Fernsehen im Bemühen, die Vorgänge jener Tage im Juni mit Filmen wie „Der Aufstand“ wieder lebendig werden zu lassen. Doch so eindrucksvoll das Geschehen dort präsentiert wird, so schnell ist es wieder vergessen. Das Internet präsentiert sich dagegen als dauerhaftes, lebendiges Archiv der Zeitgeschichte, das seine Informationen auf Abruf preisgibt.

Bester Ausgangspunkt für Recherchen zum Volksaufstand ist die Seite www.17juni53.de . Die Chronik mit ihren ausführlichen Tagesdarstellungen umfasst nicht nur jene Juni-Tage, sondern auch den Zeitraum vor und nach dem Aufstand. Wichtige O-Töne wie die Rede Ulbrichts im Friedrichstadtpalast am 16. Juni, diverse Rias-Reportagen und vor allem die Zeitzeugenberichte vermitteln ein anschauliches, multimediales Bild.

Eine der besten Linklisten findet sich im Internet-Angebot „Die DDR im WWW“. Von der Alltagskultur über private Erinnerungen an das Stasi-Schnüffelsystem bis zu historischen Kriminalfällen der DDR und technischen Meisterleistungen wie den Robotron- Rechnern werden rund 100 Internet-Adressen thematisch geordnet aufgelistet, die die DDR dreizehn Jahre nach ihrem Untergang zu einem anschaulichen Mosaik zusammenführen.

Um ein solches Mosaik handelt es sich beispielsweise bei dem ineinander verschachtelten 360-Grad-Panorama von Mielkes Reich. Der Bürotrakt der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße wirkt auf den begehbaren Bildern, als warte Mielkes Schreibtisch auf den baldigen Dienstbeginn.

Der typische Google-Vergleich führt indes zu keinem auswertbaren Ergebnis. So zeigt der Aufruf der Suchbegriffe DDR gegen BRD (3,99 Millionen zu 1,4 Millionen) nicht nur, dass das bundesrepublikanische Landeskürzel seltener benutzt wurde. Bei näherer Betrachtung der Suchergebnisse wird zudem klar, dass die DDR keineswegs so prominent ist, wie die Trefferquote nahe legt. Denn unter dem Begriff „DDR“ existiert seit einigen Jahren ein Computerchip mit dem ausgeschriebenen Namen Double Data Rate. Und da dieser Chip in nahezu jedem Computersystem eingebaut wurde, entfallen darauf auch die meisten DDR- Treffer.

Zurück zum 17. Juni. Bei der Adresse der Seiten von bstu.de handelt es sich um echtes Understatement. Hinter den vier Buchstaben steht die „Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR“, die frühere Gauck- Behörde, die nun von Marianne Birthler geführt wird. Etwas versteckt unter „Die Karte zum Thema: Neues zum 17. Juni“ und dann weiter über den Link „mehr zum 17. Juni 1953“ findet sich eine Aufarbeitung des Aufstandes, die allein schon wegen der Texte über die Rolle der Staatssicherheit in diesen Juni-Tagen unbedingt lesenswert ist. Insgesamt gilt: Die DDR ist Geschichte, und wie jede Geschichte lebt sie von Erzählungen. Das Internet ist voll davon.

Die DDR im Netz:

www.17juni53.de

www.ddr-im-www.de

www.tagesspiegel.de/17juni53

www.bstu.de

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