Zeitung Heute : Das Gedächtnis der Steine

Es gibt echte und falsche Mauerstücke, sagt Alwin Nachtweh, der bis heute von ihrem Verkauf lebt – doch die Konkurrenz auf dem Souvenirmarkt sieht das nicht so eng

David Ensikat

Seinen Vollbart hat er noch, den kann er gar nicht abrasieren. Es ist doch der Nachtweh-Bart. Nähme er ihn ab, wer sollte da noch glauben, dass er es selbst ist, der da auf den Fotos an der Mauer meißelt? 13 Jahre sind die Bilder alt, der Bart ist inzwischen kürzer, genauso wie die Haare oben auf dem Kopf. Aber in Alwin Nachtwehs Leben geht es immer noch vor allem anderen um das elende Betonding, das das Land mal teilte, an dem er sich so oft die Finger blutig gehauen hat. Um die hässliche Mauer, die es beinah nicht mehr gibt, und deren kümmerliche Reste, wer weiß, womöglich noch zum Weltkulturerbe erklärt werden. Und es geht um die Wahrheit und die Lüge, und darum, wie man das eine vom anderen trennt.

Alwin Nachtweh hat dafür seine Fotos. Die beweisen: Alwin Nachtweh mit dem Bart hat die Berliner Mauer kaputtgehauen, damals. Die bunten Betonbrösel auf seinem Verkaufstisch am ehemaligen Checkpoint Charlie hat er selbst abgeschlagen, sie stammen von der echten Mauer in der Innenstadt, auf ihnen ist echte Vor-Mauerfall-Farbe. Vor Mauerfall – das ist wichtig, denn der Kalte Krieg dauerte bis zum Mauerfall, und die Touristen wollen Kalten Krieg, wenn sie bunte Steine kaufen, da ist sich Nachtweh sicher.

Ein amerikanischer Tourist tritt an den Stand, sein Sohn will gern ein Mauerstück. Der Vater fragt: „How much are these?“ „Oh, they are expensive“, ist Nachtwehs schnelle Antwort. Will er sie gar nicht verkaufen, seine teuren Stücke? Oh doch. Aber er kennt die Konkurrenz. Er erklärt dem Touristen, dass er ruhig nach dort hinten gehen könne, dort bekomme er bunten Beton in ähnlicher Größe für einen Spottpreis, bitte, er solle doch hingehen, wenn ihm die historische Wahrheit, „the historical truth“, Schnuppe sei. Hier, an diesem Stand würde er nicht übers Ohr gehauen, deshalb koste hier das Mauerstück 30 Euro. Das echte Mauerstück. „Look at the photo! That’s me, with the beard.“ Nachtwehs Konkurrenten verkaufen die Mauerstücke für ein Viertel, aber die können auch nicht beweisen, dass sie echt sind.

Der Amerikaner versteht nicht, er wusste nicht, dass es echte und falsche Mauer gibt. Und dass die historische Wahrheit extra kostet, darüber hat er sich auch noch keine Gedanken gemacht. „Hm, 30 Euros“, sagt er langsam. „For you 30, for your son zehn Euros“, ergänzt Nachtweh, um einem Schacher zuvorzukommen. Der Vater reicht dem Sohn zehn Euro, und wieder verschwindet ein Stück historisches Berlin nach Übersee.

So schlimm ist das nicht. Ums Weltkulturerbe steht es besser, als man meinen möchte. In Nachtwehs Keller stapeln sich noch zentnerschwere Kartons, voll mit Buntbeton – so viel, wie er nie verkaufen wird.

Und dann gibt es ja noch Volker Pawlowski. Der hat zwar keine Fotos von sich als Mauerspecht, dafür ist er Profi. Alwin Nachtweh, sagt er, sei kein Profi. Der sei ein Heimwerker und ein Querulant. Volker Pawlowski hat noch 40 vollständige Mauersegmente, Marke „Stützwandelement UL 12.11“, 3,60 Meter hoch, 1,20 breit, 2750 Kilogramm schwer, ursprünglicher Verkaufspreis: 359 Mark der DDR. 45000 Stück davon standen mal um West-Berlin herum, Pawlowski hat seine vom Recyclinghof gerettet, wo man sie zerschreddern wollte. Er ist einer, der gern „im großen Stil“ sagt. Zur Zeit des Kalten Krieges war er Trockenbaumonteur, dann fiel die Mauer, und Volker Pawlowski stieg „im großen Stil“ ins Souvenir-, also auch ins Mauergeschäft ein. Wozu sollte er sich selbst die Finger wund kloppen? „Es gab doch genug Mauer auf dem Markt, überall haben sie das Zeug im großen Stil verkauft“. Pawlowski hat es angekauft, verarbeitet, weiterverkauft und viel Geld damit verdient. Bei ihm geht es um die Verarbeitung, um die Verpackung vor allem. Pawlowski sagt: „Der Mauerstein an sich ist wertlos. Der ist letztlich nur so was wie die Schleife auf der Verpackung.“ Mauerverpackung ist normalerweise aus Plexiglas, da gibt es Bogen, Schachteln, Ständer. Und dann gehört noch unbedingt das Echtheitszertifikat dazu. Denn das, was beim Querulanten Nachtweh die Fotos sind, sind bei Pawlowski die Zertifikate. Er hat sie selbst entworfen, es steht drauf, in Englisch oder Deutsch, dass dies Stück zur Mauer (1961 - 1989) gehörte, und eine Registriernummer verleiht dem Ganzen vollends die Aura des amtlich Beglaubigten.

Pawlowski führt Zweifler gern auf den Hof in Bernau, wo seine Segmente stehen, alles echt, alles totalitäres oder weltkulturelles Erbe, ganz nach Belieben. Die Idee mit dem Weltkulturerbe findet er absurd, weil sie so spät kommt: „Ist doch kaum noch was da von der Mauer.“ Dann besinnt er sich seiner Bestände: „Obwohl, wenn se noch Mauer brauchen, ick hab’ ja jenuch.“

Dass Pawlowski, der Profi, genug Mauer hat, bezweifelt Nachtweh, der Querulant nicht. Aber was Pawlowski mit der Mauer macht, das ginge doch nicht. Wie gesagt, der Kunde will ja Kalten Krieg kaufen, und die Farbe auf den Mauerstücken macht die Dinger erst verkäuflich. Was aber, wenn die Farbe frisch ist? Neue-Weltordnungs-Farbe sozusagen. Volker Pawlowskis Stützwandelemente sind nämlich eigentlich nackt, sie stammen aus abgelegenen Gegenden, in die nie ein Sprayer vorgedrungen ist. Also lässt er sie frisch besprühen, mit leuchtenden Farben. Erst dann kommt der Mann mit dem Presslufthammer und trägt die obere bunte, die verkäufliche Schicht ab.

Dass Alwin Nachtweh das für Schwindel hält, ist ihm selbst durchaus nicht gut bekommen. Er hat sich’s nämlich nicht nur mit Pawlowski verdorben, sondern auch mit Rainer Hildebrandt, dem Chef des Checkpoint-Charlie-Museums. Dort hatte Nachtweh seinen Verkaufsstand – bis zum 13. August 1998, denn da gab Nachtweh ein Interview, in dem er verkündete, dass einige Mauerelemente im Museum, genauer die Bemalung darauf, nicht „echt“ seien. Hildebrandt warf ihn heraus, Nachtweh ging vor Gericht und gab schließlich auf – „wegen des beschissenen Karmas den so ein Stressprozess verbreitet“.

Nun ist er verschuldet, steht aber seit ein paar Wochen wieder schräg gegenüber dem Museum mit seinem Stand, will den vergrößern und nicht nur Mauersteine verkaufen. Nachtweh merkt ja, dass sich die Leute, die hier aus den Bussen geschüttet werden, für die Mauer interessieren, dass sie Fragen haben. Drum will er Monitore aufstellen, mit Multimediashow und Video. Damit alle sehen, wie sie einmal aussah, die echte Mauer. Er sagt: „Es glaubt einem ja keiner, was hier mal los war. Aber wenn die Leute das in der Glotze sehen, dann halten sie’s für wahr.“

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