Zeitung Heute : Das Gegenteil

Robert Ide

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Am Wochenende habe ich meine Schwester gesehen. Ich saß in einem Bus der Berliner Verkehrsbetriebe, in dem gerade der an einer Stange befestigte Fahrkartenautomat auf den Boden fiel, als ich plötzlich durch das Fenster ein Motorrad vorbeifahren sah. Das blaue Gefährt rauschte an meinem stotternd haltenden Nahverkehrsmittel vorbei, in dem sich unter den Insassen gerade etwas Aufregung wegen des Fahrkartenautomaten breit machte. Ganz anders draußen: Das Motorrad legte sich geschmeidig auf die Seite, um die Spur zu wechseln und mit eleganter Rasanz seinem fernen Ziel entgegenzujagen. Gerade konnte ich noch den silbernen Helm mit dem schwarzen Muster erkennen – es war der meiner Schwester. Das hat mich ein wenig neidisch gemacht.

Am Abend war ich im Kino, und aufgrund eines Tumults an der Kinokasse, der jenem im Bus recht nahe kam, ursächlich aber damit zusammenhing, dass der als depressiv-aber-witzig annoncierte Streifen „Broken Flowers“ ausverkauft war, gelangte ich an eine Karte für einen Film mit dem Titel „Zwei ungleiche Schwestern“. Darin geht es um ein Geschwisterpärchen, dass sich in Paris trifft und nach einigen Tagen auf die Nerven geht, weil die eine alles Einfache aufregend findet, und die andere alles Aufregende einfach so hinnimmt. Das fand ich witzig, aber irgendwie hat es mich auch deprimiert. Endet Geschwisterliebe immer im Streit um die Unterschiede?

Natürlich ist die Sache bei meiner Schwester und mir eine ganz andere, versuchte ich mich zu beruhigen. Wir beide gehen gerne zusammen zu Hertha oder zu Coldplay, und unseren Eltern schenken wir immer gemeinsam ein Geschenk zum Geburtstag. Aber wir führen zwei gegensätzliche Leben, gestand ich mir auf dem Heimweg mit der rumpelnden U-Bahn ein.

Gestern hat mir meine Schwester eine SMS geschickt: „gehen wir mal wieder ins kino?“ Ich habe sie gleich angerufen und gefragt, ob sie mich mit ihrem Motorrad abholen will.

Beide Filme laufen unter anderem im Kino in der Kulturbrauerei. Für „Broken Flowers“ empfiehlt sich das International am Alex. Das Kino ist groß und deshalb selten ausverkauft.

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