Zeitung Heute : Das geheime Styling

Mit einer „Personal Shopperin“ unterwegs: Sie ist Verbündete, Beraterin – und manchmal Freundin auf Zeit

Jeannette Krauth

Die Tour beginnt auf den grünen Samtsofas des Grand Hyatt am Potsdamer Platz: „Mmh, lecker!“, sagt Mirela Münzing, senkt die Lippen in den Latte- Macchiato-Schaum und zwinkert ihrer Kundin zu. Was sie sich denn wünsche, für diesen Tag, fragt sie. „Frischer, nicht so abgearbeitet aussehen“, sagt die Frau im braunen Nadelstreifenanzug. Judith Voß ist eine Frau über vierzig, attraktiv, mit geschwungenen Augenbrauen, vollem Haar. Nicht gerade der Typ, der unbedingt aufgemöbelt werden müsste. „Es geht immer noch etwas“, sagt Mirela Münzing. Sie selbst steckt obenherum in einem schwarzen Kostüm mit Halstüchlein (sprich: konservativ), doch an den Füßen trägt sie spitze Pumps mit metallenem Stiftabsatz (ganz schön gewagt).

Mirela Münzing ist eine professionelle Styling-Beraterin, die ihre Kunden dorthin führt, wo sie das gewisse Etwas für einen perfekten Auftritt bekommen. Heute geht sie mit Judith Voß erst zum Friseur, danach einkaufen. Die Kundin arbeitet als Managerin der IT-Branche unter vielen Männern. Still wirkt sie, und wenn sie spricht, dann leise mit sehr warmer Stimme. Meistens stecke nicht nur das Anliegen, ein Outfit zu optimieren, hinter dem Besuch bei der „Personal Shopperin“, erzählt Münzing, es gäbe oft die Geschichte dahinter: eine Geliebte des Mannes oder Mobbing im Beruf.

Deshalb geht es nicht nur um Mode. Mirela Münzing hat ein Unternehmen, „Shopping Guide Management Europe“, gegründet, das sich seit 2003 aus ihrer Ich-AG entwickelt hat. Mittlerweile beschäftigt sie 123 Mitarbeiter. Für jeden Menschen den idealen Berater, so sieht das Konzept aus. Da ist der Japanisch-Muttersprachler, ein Student, der „das angesagte Café und die besten Läden für ’7 for all Mankind’-Jeans kennt“, oder die Ex-Geschäftsführerin eines Modelabels im Rentenalter, die Benimmunterricht erteilt. Das Beste aus sich herausholen, an den individuellen Defiziten feilen, darum geht es. Einem jungen Kunden „haben wir mal graue Strähnchen verpasst“, weil er für seinen Job erwachsener wirken wollte.

Im Salon der amtierenden Friseur-Weltmeisterin Jana Eichler, nur eine Ecke weiter am Potsdamer Platz, erklärt Mirela Münzing die Wünsche der Kundin: „Es soll mehr schwingen.“ Sie spricht für sie, beschützt und erklärt, ist phasenweise Freundin, Mutter, Styling-Profi. Die Kundin lächelt sanft. Mal nicht selbst für sich verantwortlich zu sein, das scheint ihr zu gefallen.

Mirela Münzings Kunden sind Botschaftergattinnen, Managerinnen, Hausfrauen. Aber auch Männer: Auf ihrem Nachttisch liegt gerade Thomas Brussigs „Wie es leuchtet“, und als Widmung steht darin: „Für die stilsichere Dame der Mode, Frau Münzing“. Um die 1000 Euro kostet ein komplettes „Profiling“, also die Typberatung mit Friseurbesuch plus Kosmetikerin plus Shopping. Gekaufte Kleidung und Frisur werden extra berechnet, Snacks und Kaffee sind inklusive.

Die Friseurin verstreicht Highlighter, weißen Puder, unter den Augenbrauen von Judith Voß: Heller Lidschatten passe ab einem gewissen Alter besser, mache das Gesicht weich. Judith Voß dreht sich im Spiegel, die Haarspitzen hüpfen. Nur wenige Zentimeter sind abgeschnitten, ein paar Stufen sind hinzugekommen. „Sieht das toll aus!“ sagt Mirela Münzing, beugt sich vor und strahlt. Sie ist eine begeisterungsfähige Frau und nimmt ihre Kundin mit: Die lächelt jetzt und hat ein wenig mehr Stolz im Blick.

Später, im Geschäft „St. Germaine“ in der Friedrichstraße, möchten die Verkäuferinnen mitberaten: Sie geben Tipps („Spitze trage ich da doch auch immer drunter!“) oder tragen ein Kleid („Das ist doch ein Traum!“) zur Kundin. Die schaut zaghaft nach gedeckteren Hosenanzügen. Mirela Münzings Einsatz: „Herzlichen Dank, das ist wirklich wunderbar, aber ...“. Sie ist der Puffer, die Kommunikatorin, die Vermittlerin. Sie schifft ihre Kundin durch die Wogen von berlinernden Verkäuferinnen, macht Mut zum Anfühlen der Kleider, hält bei Laune und nimmt es der Kundin ab, „Ja“ und „Nein“ zu sagen. Es sieht nicht aus wie ein leichter Job. Wenn man Mirela Münzing fragt, was für einen Trick sie habe, um selbst stets ausgeglichen zu bleiben, dann sagt sie: „Mir geht es einfach selbst gut. Ich bin glücklich verheiratet und habe zwei tolle Kinder.“ Als wollte sie auf keinen Fall zugeben, dass sie insgeheim auch mal tief durchatmen muss. So läuft das Geschäft: Münzing ist die Verbündete, die Sorgen hört und Outfit-Tipps gibt, aber niemals eine negative Emotion über ihre Kundinnen preisgeben würde.

Judith Voß findet schließlich einen dunkelblauen Hosenanzug mit heller Paspel. „Allein hätte ich mich nicht getraut, diese Farbe auszusuchen.“ Sie ist zufrieden und findet, dass sie sich nach viereinhalb Stunden Shopping einen Kaffee verdient habe. Mirela Münzings Pause findet im Restaurant des Hyatt statt. Ein Kinderschnitzel, halbtellergroß, dampft um drei Uhr nachmittags vor ihr. Sie sticht in die Kruste des Schnitzels, da klingelt das Handy. Am Telefon ist Thomas Brussig, der auf der Suche nach dem Duplikat seiner zerschlissenen Lieblings-Cordhose ist. Es sind die kleinen Spleens, die auch Mirela Münzings Job ausmachen. Die jeder hat, aber nur manche Menschen so teuer ausleben können.

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