Zeitung Heute : Das Geheimnis der Stämme

Wie Bäume sich gegen Fremdkörper wehren

Helga Panten[dpa]
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Foto: Uli Schulte-Döinghaus

Im Film „Herr der Ringe“ geht es ruckzuck. Im Nu verschluckt die große Weide im Alten Wald Frodos Gefährten. In der Realität dauert es länger. Aber Gegenstände verschlucken – der Fachmann spricht von Überwallung –, das können Bäume wirklich. Es ist ihre einzige Möglichkeit, mit festsitzenden Fremdkörpern fertig zu werden. Bäume in Hausnähe tragen gern Nägel in sich, an denen vielleicht die Wäscheleine oder ein Vogelhäuschen befestigt war.

Sich gegen die Fremdkörper wehren, sie abschütteln oder abstoßen können Bäume nicht. Ihre einzige Möglichkeit, mit ihnen fertig zu werden, ist, sie sich einzuverleiben. Denn verschwindet der Fremdkörper tief in ihrem Innern, behindert er ihre Wachstumsschicht, das Kambium, nicht mehr.

Das Kambium, das als feine grüne Zone zwischen Holz und Rinde verläuft, ist der Ort der Zellteilung. Dort entsteht in einem fortwährenden Prozess nach innen hin das Holz, das Xylem, und nach außen hin der Bast, das Phloem, aus dem die harte Rinde wird. Die Zellteilung im Kambium geschieht während der Vegetationszeit. Im Winter legen die Bäume eine Ruhephase ein. Durch diesen Wechsel bilden sich die Jahresringe und der Baum wird Jahr für Jahr dicker. Mit Hilfe des Kambiums kann der Baum Verletzungen heilen, die bis ins Holz hineindringen. Damit das Holz nicht zu lange dem Angriff von Pilzen und Bakterien ausgesetzt ist, bildet es undifferenziertes Gewebe, das sogenannte Kallus, das sich von den Seiten her über die Verletzung schiebt.

Strukturen wie normale Rinde zeigt der Kallus-Wulst nicht. Daher wird er hin und wieder als Beginn einer Baumerkrankung interpretiert. Das Gegenteil ist der Fall. Verschließt das Kallus schließlich die Verletzung, kann das Kambium auch über der ehemaligen Wunde wieder normale Zellen bilden.

Aber nicht immer sind es Verletzungen, die das Kambium vor gewaltige Aufgaben stellen. Mindestens ebenso häufig behindern Gegenstände das Dickerwerden des Baumes. Das kann ein Zaun sein, ein Torpfosten oder ein Straßenschild. Lässt das Hindernis sich bei zunehmendem Wachstum nicht beiseitedrücken, wird es schließlich überwallt.

Trotz seiner Langsamkeit ist die Fähigkeit des Kambiums, Dinge zu verschlucken, enorm. Eine Vorstellung davon gibt der „Balzer Herrgott“ in Gütenbach im Schwarzwald, der sich im Internet unter www.baumwunder.de bestaunen lässt. Der Torso des Gekreuzigten wurde Anfang des 20. Jahrhunderts an einer Buche aufgehängt. 30 Jahre später begann der Baum den Sandstein-Leib zu überwallen. 1986 war das so weit fortgeschritten, dass nur noch Teile von Kopf und Brust zu sehen waren. Schließlich wurde die Überwallung in Herzform zurückgeschnitten und der Herrgott als Brustbild freigelegt. So dient er noch immer als Ausflugsziel.

Ganz so glimpflich geht es in Sägewerken nicht immer ab. „Die Sägebänder werden schadhaft oder zersplittern völlig, müssen nachgearbeitet oder ersetzt werden, wenn sie auf Metall stoßen“, erklärt Norbert Burkart vom Verband der Deutschen Säge- und Holzindustrie. Daher besitzen Sägewerke in der Regel Metallsuchgeräte. Mit ihnen lassen sich Einschlüsse orten und ohne Gefahr für die Säge entfernen. Helga Panten, dpa

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