Zeitung Heute : Das Geheimnis des Erfolges

Barbara Bierach

Schon mal einen erfolgreichen Menschen nach seinem Erfolgsgeheimnis befragt? Sprich mit irgendeinem Mann und er wird sagen: „Harte Arbeit, hohes Engagement und ein paar richtige Entscheidungen.“ Dass er sich dabei nicht auf die Brust trommelt wie das Alpha-Männchen einer Orang-Utan Horde, ist alles. Frag eine Frau und selbst wenn sie irgendwo in einer Top-Position herumturnt, wird sie bescheiden flöten: „Och, ich hatte einen guten Mentor und ganz viel Glück.“ Viele Männer sind halt so und viele Frauen auch, das lässt sich wohl nicht ändern.

Das Ding mit der persönlichen Entwicklung ist eh ein seltsames. Schon am Apollontempel der ollen Griechen in Delphi stand: „Erkenne dich selbst“. Selbsterkenntnis und die Einsicht in das eigene Wollen ist also schon seit Jahrhunderten Schlüsselkompetenz der Erfolgreichen. Nur wenn die eigene Person mit ihren Talenten und Defiziten begreift, kann gezielt was gestalten. Aber Selbsterkenntnis und Charakterbildung sind mühevoll. Und deswegen ist beides aus der Mode. Der Zeitgeist predigt dagegen: „alles easy!“ Wer es etwa im Showbusiness zu etwas bringen will, braucht angeblich nur ein paar Wochen eine Casting-Show zu überleben und ein neuer Superstar ist fertig.

Dass sich Resultate ohne Mühe nur selten einstellen, sagen einem die Priester der Spaßkultur allerdings nicht. Daher gelten Anstrengung und Veränderung, besonders wenn die eigene Person betroffen ist, heute geradezu als Verletzung der Menschenrechte. Eigentlich doof. Berthold Brecht soll folgende Anekdote notiert haben: Treffen sich zwei alte Bekannte auf der Straße. Sagt der eine zum anderen: „Du hast dich aber gar nicht verändert.“ „Oh“, sagt der andere betroffen und wird ganz blass. Und das stimmt ja auch – Klassentreffen sind das beste Beispiel für die These, dass Leute, die sich auch lauter Angst vor Veränderung nicht weiter entwickeln, mit der Zeit irgendwie peinlich werden.

Insofern springen die meisten Beschreibungen zum Thema „wie ich wurde, was ich bin“ zu kurz. Engagement, die richtigen Entscheidungen, ein guter Mentor und eine dicke Portion Glück gehören in allen Branchen natürlich auch dazu – aber wenn einer nicht weiß, wer er ist und was er kann und sich auch noch davor fürchtet, es herauszufinden, wird das nur zufällig was mit dem Erfolg. Die schlechte Nachricht ist: Selbsterkenntnis ist ein Projekt, das nie fertig wird. Aber es gibt auch eine gute: Wer sich mal entschlossen hat, Veränderungen zu akzeptieren – im Unternehmen, in der Branche, im Job, in der Liebe, für die eigene Person – hat meist ein leichteres Leben. Und übrigens auch ein spannenderes.

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