Zeitung Heute : „Das Geheimrezept ist, nicht planlos zu studieren“

Karriereberaterin Svenja Hofert erklärt, für wen ein Studium in Frage kommt und was man bei der Wahl des Fachs beachten sollte

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Frau Hofert, wem raten Sie zur Ausbildung, wem zum Studium?

Jeder sollte sich fragen, was er erreichen möchte. Will man Karriere machen, in einem großen Konzern arbeiten, dann braucht man ein Studium. Wer praxisnah arbeiten will und wem die Karriere nicht so wichtig ist, der kann eine Ausbildung machen. Wer gerne strategisch arbeitet und nicht so viel Anleitung braucht, für den ist das Hochschulstudium das Richtige. Das fordert aber auch eine Menge an Selbstorganisation. Da ist die Fachhochschule kuscheliger und verschulter.

Ist die Berufsakademie, also die Kombination aus Studium und Arbeit, eine sinnvolle Alternative?

Die Absolventen von Berufsakademien werden meist in etwas niedriger qualifizierten Bereichen eingesetzt. Der Vorteil einer Berufsakademie liegt in der Möglichkeit, direkt mit anzupacken, anstatt erst einmal nur aus den Büchern zu lernen. Durch die direkte praktische Arbeit in Unternehmen erwirbt der Berufsakademie-Student oft auch bessere Sozialkompetenzen – was für das gesamte weitere Berufsleben ganz bestimmt ein Vorteil ist.

Was können Auszubildende machen, um später den beruflichen Aufstieg zu schaffen?

Lehre plus Studium bedeutet nicht unbedingt noch mehr Karriere. Aber wer festgestellt hat, dass er mehr möchte als seine Lehre, kann ein Abendstudium oder ein komplettes Studium wagen, vor allem, wenn er noch unter 30 ist.

Was kann ein Student tun, damit sich das Studium nachher finanziell lohnt?

Das Geheimrezept ist, nicht planlos zu studieren, weil das interessengeleitete Studium in Deutschland leider anders bewertet wird als in anderen Ländern. Interessenfokussiertes Studieren wird von den Personalentscheidern nicht wertgeschätzt. Deshalb sollte man sich überlegen, wie man seine Interessen in Tätigkeiten umleiten kann. Dann wird sich das Studium auch ganz sicher auszahlen.

Man sollte also nicht unbedingt das studieren, was einem Spaß macht?

Die Prognosen der letzten Jahrzehnte stimmten in aller Regel nicht. Es gibt ja den Schweinezyklus – das bedeutet, dass sich alle Studenten auf die Fächer stürzen, in denen es einen Mangel gibt, wenn Sie mit dem Studium beginnen. Das war bei den Lehrern so und im IT-Bereich. Ich rate dazu, nicht nur das Fach zu wählen, das derzeit gefragt ist, denn das kann sich in fünf, sechs Jahren wieder verändert haben. Zu 100 Prozent saubere Voraussagen gibt es nicht. Man sollte immer zwischen Interesse und Arbeitsmarktsituation abwägen. Denn man kann nie in einem Bereich gut sein, in dem man sich nur durchschlägt.

Wie viel kann man als Absolvent bei ersten Gehaltsverhandlungen fordern?

Das ist absolut branchenabhängig. Ich habe Germanisten erlebt, die mit einem Hungerlohn unter Frisörinnen-Niveau begonnen haben, aber es gibt auch das Einstiegs-Jahresgehalt von 50 000 Euro. Das hängt stark von den Kenntnissen und Fähigkeiten ab, von der Branche und dem Einsatzort. In Berlin ist das Gehaltsniveau generell niedriger als in Frankfurt am Main. Der Einzelhandel und die Werbebranche zahlen tendenziell schlechter, die Verlags- oder IT-Branche besser, in großen Unternehmen gibt es in der Regel mehr als in mittleren oder kleinen Firmen.

Gibt es Tabus bei den ersten Gehaltsverhandlungen?

Das Tabu wäre, nicht zu wissen, was man selbst wert ist, was in der eigenen Branche gezahlt wird. Sich nicht informiert zu haben, ist unprofessionell. In Zeitungen, beispielsweise, werden Gehaltsstudien veröffentlicht.

Svenja Hofert

ist Karriereberaterin, Karrierecoach und Buchautorin. Sie berät in Fragen der Berufszielfindung und Karrierestrategie. Das Interview führte Dorothee Schmidt.

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