Zeitung Heute : Das Gehirn des Präsidenten

Kongresswahlen in Amerika: Wie Bushs Berater Karl Rove den Sieg vorbereitet

Malte Lehming[Washington]

Keiner kennt Tim Pawlenty. Man muss sich diesen Namen auch nicht merken. Er taucht lediglich in einer kleinen Geschichte auf, in der es um einen anderen Mann geht – Karl Rove. Dessen Namen freilich kennt jeder in Amerika. Die Titel, die ihm angeheftet werden, sprechen für sich. Rove ist der Chefstratege von Präsident George W. Bush, er ist dessen Top-Berater, das Gehirn, der Strippenzieher, das junge Genie, der Experte für faule Tricks, der Schattenmann. Die kleine Geschichte, um die es geht, ist eine von unzähligen, die über Rove und seinen legendenumrankten Einfluss erzählt werden. Sie spielt vor gut einem Jahr im US-Bundesstaat Minnesota.

Dort ist jener Tim Pawlenty aufgewachsen. Er kommt, wie man so sagt, aus kleinen Verhältnissen, war Sohn eines Lastwagenfahrers, hat sich durchgeschlagen, hoch gearbeitet, ist aufs College gegangen, dann auf die Universität, wurde Anwalt, ist in die Republikanische Partei eingetreten, hat auch dort Karriere gemacht und steht nun, mit 42 Jahren, an der Spitze der Parlamentsfraktion seiner Partei in Minnesota. Doch Pawlenty ist ehrgeizig. Er will noch mehr. Es ist der Tag, bevor er in einer großen Rede verkünden will, dass er für das Senatorenamt kandidiert. An diesem Nachmittag klingelt das Handy in Pawlentys Jackentasche. Karl Rove ist dran, aus dem Weißen Haus in Washington. Mit seiner charakteristischen Stimme, die immer so klingt, als sei er erkältet, sagt Rove, dass es besser sei, wenn ein anderer Republikaner als Senator kandidiere. Einer, der bekannter sei.

Rove drängt Pawlenty zum Verzicht. Der junge, ambitionierte Mann ist schockiert. Wütend wehrt er sich gegen seine Demontage. Rove sagt nur: „Machen Sie keinen Fehler.“ Am nächsten Morgen ist Vizepräsident Dick Cheney am Apparat. Er redet erneut auf Pawlenty ein. Wenige Stunden danach tritt der vor die Presse und gibt bekannt, nicht Senator von Minnesota werden zu wollen. „Was Rove beschließt, macht das Weiße Haus. Dagegen kann unsereiner nicht viel tun“, sagt Pawlenty später in einem Interview.

Am kommenden Dienstag wird in Amerika gewählt. Bislang ist dieser traditionelle Termin in der Aufregung um den Serienkillerund das Irak-Thema untergegangen. In der vergangenen Woche haben die überregionalen Nachrichten im Schnitt 76 Minuten pro Tag über den Sniper berichtet, 28 Minuten über den Irak und nur fünf Minuten über die Kongresswahlen. Dabei entscheidet sich am 5. November, in welche Richtung die Politik der Bush-Regierung in ihrer zweiten Amtshälfte gehen wird. Erlebt das Land die Geburtsstunde einer neuen, demokratischen Opposition? Oder gelingt es den Republikanern, neben dem Weißen Haus auch den Kongress zu kontrollieren?

Es geht um viel. Und es wird spannend. Im Repräsentantenhaus, wo alle 435 Mitglieder neu gewählt werden, verfügen die Republikaner bislang über eine Mehrheit von sechs Sitzen. Der Senat wiederum wird mit einer Stimme Mehrheit von den Demokraten beherrscht. Hier muss sich ein Drittel der Abgeordneten dem Wählervotum stellen. Von den 34 Sitzen, die neu zu vergeben sind, werden derzeit 21 von den Republikanern und 13 von den Demokraten besetzt. Alle Umfragen lassen im Augenblick nur eine Prognose zu: Es wird knapp.

Wollen Sie für die Republikaner oder die Demokraten stimmen? Das fragte unlängst das „Wall Street Journal“. 39 Prozent für die einen, 39 Prozent für die anderen. Geht’s Ihnen heute besser oder schlechter als vor zwei Jahren? 39 Prozent geht’s besser, 40 Prozent schlechter. Bewegt sich die Politik in die richtige Richtung? Ja sagen 44 Prozent, Nein 42 Prozent. Ratlos diagnostiziert die Zeitung ein „ungewöhnlich hohes Maß an Unberechenbarkeit".

Folglich tourt der Präsident. Er hält Reden, schüttelt Hände, sammelt Geld für die Partei, klappert 17 Staaten in 14 Tagen ab. 70 Wahlkampf-Auftritte wird Bush bis zum 5. November absolviert haben. Und jeder davon wurde bis ins Detail von Karl Rove geplant. Rove ist gewissermaßen der Generalsekretär der Republikaner. Er weiß alles, spürt alles, organisiert alles. Manche in Amerikas Hauptstadt halten Rove für den einflussreichsten Präsidentschaftsberater in den letzten hundert Jahren. Der Wahlkampf gegen Al Gore, den damaligen Vizepräsidenten? Roves Werk. Bush gewann, obwohl Gore als klüger und erfahrener galt und die Wirtschaft florierte. Der Kompromiss in der Stammzellen-Entscheidung? Roves Werk. Es galt vor allem, die konservative Klientel nicht zu verprellen. Die Schutzzölle für die Stahlindustrie? Roves Werk. Schließlich sind Pennsylvania und West-Virginia, wo das Gros der Stahlarbeiter wohnt, zwei wichtige Staaten bei der nächsten Präsidentschaftswahl. Kalkuliert, mitunter skrupellos rät Rove dem Präsidenten zu allem, was Wählerstimmen bringt. Ob konservativ oder liberal, ist ihm egal. Um das Potenzial der Latinos zu sichern, befürwortet Rove auch eine Generalamnestie für alle illegalen Einwanderer aus Mexiko.

Bush und Rove kennen sich seit 25 Jahren. Damals arbeitete der durchtriebene Historiker in Texas erst für Bush Senior, dann für den Sohn. Rove verhalf dem Junior zwei Mal dazu, Gouverneur zu werden. Beide eint die Abneigung des Elitären. Im Unterschied jedoch zum populären Bush, der durch Ausstrahlung und Persönlichkeit die Universitäten von Yale und Harvard passierte, fehlt Rove die kommunikative Ader. Er ist introvertiert, als Redner eher miserabel, hat fünf Mal das Studium abgebrochen und nie einen Abschluss gemacht.

Politisch aber reihte sich ein Erfolg an den nächsten. Meisterhaft verstand es Rove schließlich, den 11. September für seine Ziele zu verwerten. In Hollywood führte er Verhandlungen mit der Filmindustrie, um aus Mogulen Patrioten zu machen, seiner Partei hämmerte er ein, im Wahlkampf auf die Themen Terrorgefahr und Irak-Krieg zu setzen. Sein Credo ist: Je unsicherer die Wähler, desto wahrscheinlicher stimmen sie für konservative Amtsinhaber, also uns.

Amerikaner wollen die Balance. Bei den Kongresswahlen verliert normalerweise die Regierung. Doch Rove ist fest entschlossen, dieses Gesetz auszuhebeln. Er will die ganze Macht für seine Partei, seinen Präsidenten – und im Weißen Haus noch mehr für sich. Die Demokraten setzen deshalb seit Neuestem auf den „fear factor“, die Angst. Patty Murray, deren Wahlkampfchef, sagt: „Das Einzige, was dieses Land noch vor dem endgültigen Inkrafttreten einer konservativen, rechtsgerichteten Agenda bewahren kann, ist ein Kongress, der von den Demokraten dominiert wird.“ An dieser Stelle bekommt Murray bei seinen Auftritten den stärksten Applaus.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben