Zeitung Heute : Das Gehirn ist schuld

Warum dieser Sommer gar nicht so schlecht ist

Andreas Oswald

Er war eine biblische Plage, provoziert bis heute Gebete, verhagelt Versicherungen die Rendite, ist der Ursprung allen Lebens: Regen – und zurzeit geht er uns kräftig auf die Nerven. Meteorologen und Klimaforscher haben bei ihren Beobachtungen jedoch festgestellt: Dieser vermasselte Sommer ist, was das Wetter und vor allem den Regen betrifft, der normalste, den es geben kann.

Deutschland liegt im so genannten Westwindgürtel, und der ist, wie Mojib Latif, einer der renommiertesten Klimaforscher Deutschlands, sagt, eine „Wetterautobahn". Westwind führt beständig ein Tief nach dem anderen zu uns oder an uns vorbei, so dass auf Sonne regelmäßig Regen folgt. Das sei normal, sagt Latif, der den Forschungsbereich „Ozeanzirkulation und Klimadynamik“ an der Universität Kiel leitet. Unnormal dagegen sei der vergangene Sommer gewesen, als der Westwind einen Bogen um uns machte und sich ein stabiles Hoch im Norden festsetzen konnte, das den Zuzug der Tiefs für mehrere Monate stoppte. Dass dieser Sommer so mies ist, das meinen wir nur, weil unser Gehirn den vergangenen so eindrücklich abgespeichert hat.

Die Klimaforscher haben noch etwas beobachtet: Vor 100 Jahren hat es nicht mehr und nicht weniger geregnet als heute, und die Regenmenge wird sich auch weiterhin kaum ändern – die Form allerdings wohl: Es wird seltener, aber dafür heftiger regnen, wie zum Beispiel vergangene Woche Dienstag, als in vielen Teilen Berlins innerhalb von zehn Minuten mehr als 20 Liter pro Quadratmeter fielen: ein Viertel der durchschnittlichen Julimenge. Es ist also kein Gegensatz, wenn zugleich die Versteppung Brandenburgs und sintflutartige Regenfälle beklagt werden. „Das sind zwei Seiten der selben Medaille", sagt Latif. Die Trockenheit nimmt zu, obwohl die Regenmenge gleich bleibt.

Die Klimaforscher überrascht das nicht: Die nachgewiesene globale Erwärmung verändert die Vorgänge in der Atmosphäre: Verdunstungen werden stärker, Kreisläufe schneller, Wolken größer und schwerer. Aber die physikalischen Gesetze bleiben natürlich gleich. Deshalb kommt alles wieder runter: aber schneller, größer und heftiger. Mojib Latif formuliert es so: „Die Klimaerwärmung bedeutet nicht, dass wir öfter im Straßencafé sitzen können."

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