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Uwe Schlicht

Auf der Kultusministerkonferenz ist der erste nationale Bildungsbericht vorgestellt worden. Was sagt dieser Report über den Zustand des deutschen Bildungssystems aus?


Nach Pisa haben sich die Kultusminister gemeinsam mit dem Bundesbildungsministerium verpflichtet, in Zukunft regelmäßig Rechenschaft über das Bildungswesen abzulegen. Das hat es in Deutschland bis dahin noch nicht gegeben. Nach ihrem ersten provisorischen Bericht im Jahr 2003 präsentierten sie jetzt bei ihrer Sitzung in Plön erstmals eine gründliche Analyse, die fortan alle zwei Jahre fortgeschrieben werden soll. Die deutschen Bildungsberichte sollen die gleiche Wirkungskraft erreichen, wie die internationalen Schulleistungsuntersuchungen der OECD, also Pisa oder TIMSS (Mathematik, Naturwissenschaften).

Gleichzeitig ist in Plön beschlossen worden, dass sich Deutschland nur noch an international vergleichenden Pisa-Untersuchungen beteiligen wird. An die Stelle der nationalen Pisa-Berichte werden eigene nationale Stichproben treten: In fünfjährigem Abstand werden die Klassen drei, acht und neun geprüft. Messlatte sind die deutschen Bildungsstandards.

Da die nationalen Bildungsberichte vom Kindergarten bis zur Weiterbildung im hohen Alter reichen, gehen sie über alle internationalen OECD-Untersuchungen hinaus. Die drehen sich immer nur um einen ganz engen Altersausschnitt. Im Mittelpunkt des ersten Bildungsberichts stehen die Migranten. Der Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund bis zum 25. Lebensjahr ist mit 27 Prozent außerordentlich hoch, wie aus dem Bericht hervorgeht. 27 Prozent sind in absoluten Zahlen sechs Millionen Jugendliche. Das Schicksal dieser jungen Ausländer wird die Zukunft Deutschlands mitentscheiden. Die ungleiche Verteilung der Migranten auf die alten Länder, wo ihr Anteil 21,5 Prozent erreicht, und die neuen Länder, wo er nur bei fünf Prozent liegt, relativiert diese Herausforderung nicht. Im Alter von null bis fünf Jahren weisen deutschlandweit ein Drittel der Kinder einen Migrationshintergrund auf. Unter den 16- bis 25-Jährigen erreichen die Migranten ein Viertel. Angesichts dieser Zahlen müsse die sprachliche und kulturelle Förderung einen zentralen Stellenwert in der Bildungspolitik erhalten, heißt es in dem Bericht. Während der Besuch eines Kindergartens bei Migranten heute schon fast genauso häufig ist wie bei einheimischen Gleichaltrigen, wachse die Differenzen beim Übergang in die Grundschule. Bei ausländischen Kindern ist die verspätete Einschulung doppelt so hoch wie bei den Schülern insgesamt. Nach Ende der Grundschulzeit haben Migrantenkinder nicht nur mehr Schwierigkeiten, auf höhere Schularten zu gelangen, sondern auch größere Probleme, sich dort zu halten. Dramatisch ist die Entwicklung dem Bericht zufolge beim Übergang ins Beschäftigungssystem. Der Anteil der ausländischen Jugendlichen im dualen System ist in den alten Bundesländern zwischen 1994 und 2004 zurückgegangen. Die Herausforderung kann daher nicht nur in einer besseren Bildungspolitik und einer intensiveren Sprachförderung liegen, sondern auch Kultur- und Wirtschaftspolitik sind gefragt. Deswegen will Kanzlerin Angela Merkel bei dem geplanten Integrationsgipfel auch diese Politikfelder einbeziehen.

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