Zeitung Heute : Das geht in die Tausende

Ab 1. Januar bekommt der Fiskus mehr, wenn beim Immobilienkauf Mehrwertsteuer anfällt. Wer ohnehin entschlossen ist, sollte vorher investieren – und sparen

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Wer ein Haus bauen oder eine neue Wohnung kaufen will, sollte sich beeilen. Denn die geplante Erhöhung der Mehrwertssteuer zum 1. Januar 2007 von 16 auf 19 Prozent kann bei Geschäften dieser Größenordnung durchaus einen Kleinwagen oder eine neue Küche kosten. Ein Beispiel: Für eine Immobilie im Wert von 300 000 Euro wandern ab 2007 satte 57 000 Euro ins Staatssäckel. Wer noch 2006 baut oder kauft, muss dagegen nur 48 000 berappen, spart also ganze 9000 Euro.

Vor allem Anbieter von Fertighäusern rechnen nun mit einer deutlichen Belebung des Geschäfts. „Im mittleren bis hochpreisigen Bau wird es Vorzieheffekte geben“, glaubt Rudolf Sellhorst. Der Marketingexperte vom Bundesverband deutscher Fertigbau (BDF) erwartet 2006 etwa fünf Prozent mehr Vertragsabschlüsse als noch im Vorjahr. Im preisgünstigen Segment bis etwa 150 000 Euro Baukosten habe es durch die Streichung der Eigenheimzulage bereits erhebliche Vorzieheffekte gegeben. Wer auf die staatlichen Zuschüsse angewiesen sei, habe vielfach bereits 2004 gebaut oder gekauft, sagt Sellhorst. Da Fertighäuser sehr schnell bezugsfertig sind, erwartet der Marketingmanager in diesem Bereich auch die stärkste Belebung. In Berlin ist etwa jedes sechste Haus ein Fertigbau.

Die Firma Weberhaus, bundesweit tätiger Fertighaus-Hersteller, sieht aktuell gar „das Ende der goldenen Zeiten für Bauherrn nahen“, nicht nur, weil die Erhöhung der Mehrwertssteuer die Bau- und Kaufpreise erhöhen wird. Denn gleichzeitig, so Weberhaus, gehe die Phase historisch niedriger Bauzinsen ihrem Ende entgegen. Aktuell liegen die Bauzinsen auch nach zwei Leitzinserhöhungen immer noch etwa halb so hoch wie Mitte der neunziger Jahre, allerdings mit weiter steigender Tendenz. Zudem hat die Belebung der Konjunktur den Bauunternehmen bereits die ersten Preiserhöhungen ermöglicht. „Die Investitionsneigung ist gestiegen, die Baupreise auch“, stellt Thomas Hölzel von Art Project fest, das in Berlin aktuell die so genannten Prenzlauer Gärten baut und verkauft: gegenüber dem Volkspark Friedrichshain entstehen Stadthäuser mit Minigärten, Wohnungen im Altbaustil und Penthäuser. Für alle ist laut Hölzel die Fertigstellung noch 2006 garantiert. Auch der Berliner Bauträger Teamhaus hat „sein bestes Quartal seit fünf Jahren“ hinter sich – ob die höhere Mehrwertsteuer dazu beigetragen habe, lässt sich schwer nachweisen.

Doch Vorsicht: Mancher Bauträger will die höhere Mehrwertssteuer, so wird hinter vorgehaltener Hand eingeräumt, schon in diesem Jahr in den Preis „einarbeiten“ statt zum Stichtag 1. Januar um drei Prozent zu verteuern. Vor allem im zweiten Halbjahr erwarten Marktbeobachter diesen Effekt – übrigens nicht nur in der Immobilienbranche. Trotzdem sind Häuser hierzulande im Schnitt immer noch 20 Prozent billiger als in den meisten europäischen Nachbarländern. Kein Wunder also, dass die Nachfrage steigt. Nach einer Studie der deutschen Kreditbank wird die Nachfrage nach Ein- und Zweifamilienhäusern in Berlin binnen zehn Jahren um 50 Prozent wachsen. Auch in der brandenburgischen Umgebung werden Zuwachsraten im zweistelligen Prozentbereich erwartet. Jenseits der dreiprozentigen Steuererhöhung sind also in absehbarer Zukunft deutlich höhere Preise zu erwarten. Mit Sicherheit baue man „heute günstiger als morgen“, stellt Weberhaus fest und garantiert deshalb werbewirksam „einen schnellen Bauablauf mit Rechnungsstellung 2006“. Bei 200 000 Euro Hauskosten sind es 6000 Euro, bei 400 000 satte 12 000, die der Staat ab 2007 zusätzlich abzwackt.

Wichtig für Bauherren und Käufer: Wer noch von der niedrigeren Mehrwertssteuer profitieren möchte, sollte seinen Bau- oder Kaufvertrag genau prüfen. „Die Fertigstellung noch in diesem Jahr sollte darin konkret und verbindlich festgezurrt sein“, sagt Peter Dirk, Baureferent der Verbraucherzentrale Berlin. Zudem solle der Bauherr verlangen, dass bei einer Verzögerung bis ins Jahr 2007 hinein der Bauträger den dann fälligen höheren Mehrwertssteuersatz übernehmen müsse. Grundsätzlich gilt: Ein Haus bzw. eine Wohnung muss bis Ende Dezember bezugsfertig und übergeben sein, damit noch zum niedrigeren Satz abgerechnet werden kann. Fehlen noch einzelne Gewerke, etwa Fliesen oder Tapeten, so kann das Bauunternehmen aber auch eine Zwischenrechnung ausstellen, den Bau teilweise übergeben und so dem Bauherrn höhere Gesamtkosten ersparen. Dies hat allerdings auch den Nachteil, dass dann die Gewährleistung für Mangelansprüche, die mit dem Tag der Übergabe startet, je nach Bauabschnitt zu unterschiedlichen Zeiten beginnt und endet. Nicht akzeptieren sollten Bauherren in jedem Fall Vertragsklauseln, die Steuererhöhungen während der Bauzeit automatisch dem Käufer aufbürden. Und: Verbraucherschützer warnen davor, Bauabschnitte zu bezahlen, die noch nicht erfolgt sind – nur, um der höheren Mehrwertssteuer zu entgehen.

„Insgesamt macht es aber auf jeden Fall Sinn, ein ohnehin geplantes Bauvorhaben vorzuziehen“, ist sich Verbraucherschützer Dirk sicher. Abzuraten sei dagegen von einem überstürzten Vertragsabschluss nur wegen der Steuererhöhung.

Während im Südwesten der Republik die 2007 anstehende Steuer-Verteuerung schon reichlich Häuslebauer zur Eile treibe, seien diese Effekte in Berlin bisher noch kaum spürbar, bedauert Juliane Plath vom Berlin-Marketing der Baufirma Interhomes. Vermutlich habe dies mit dem deutlich höheren Preisniveau im Süden zu tun. Interhomes erstellt aktuell Hunderte von Reihen- und Doppelhäusern in Spandau, Lichtenrade und im brandenburgischen Rangsdorf. Ein 166-Quadratmeter-Heim zum aktuellen Preis von 233 890 Euro würde ab Januar 239 938 Euro kosten – also 6048 Euro mehr.

Bei Sanierungen von Altbauten erwartet der Zentralverband des deutschen Baugewerbes bis Dezember noch einen deutlichen Auftragsschub. Anders als bei massiven, langfristig geplanten Neubauten seien solche Maßnahmen noch schnell und kurzfristig umsetzbar, so Verbandssprecherin Ilona Klein. Wer sie in dieses Jahr vorziehe, kann dabei leicht ein paar hundert oder gar tausend Euro sparen.

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