Zeitung Heute : Das Gepäck des Studenten

Nett, unauffällig – gläubig, das ja, sagen Nachbarn. Zum Glück schlecht in Physik, sagt ein Lehrer. Das Bild vom Kieler Terrorplaner fügt sich, doch es bleiben zwei entscheidende Fragen

Marc Neller[Kiel]

Vielleicht ahnt er schon etwas. Einer, der ihn noch kurz vorher gesehen hat, wird später sagen, er habe etwas nervös gewirkt.

Er kann darauf hoffen, dass ihn die Dunkelheit und die Leere auf den Straßen vor Blicken schützen. Doch er muss aufpassen, er ist auf Aufnahmen von Überwachungskameras zu sehen, die seit einigen Stunden von ihm im Umlauf sind, das Bundeskriminalamt hat sie veröffentlicht. Er setzt sich in einen Imbiss und wartet auf den Zug, der ihn nach Hamburg bringen soll. Der Imbiss ist ein strategisch günstiger Ort. Er weiß, dort bekommt man am Wochenende – auch mitten in der Nacht wie jetzt – noch etwas zu essen, und bis zu den Gleisen sind es nur ein paar Schritte. Durch die großen Fenster kann er die Hauptstraße vor dem Bahnhof gut einsehen und den Seiteneingang. Er ist öfter hier. Die Mitarbeiter des Imbisses kennen ihn. Vielleicht ist das gefährlich, vielleicht ein Schutz, weil das Naheliegende oft unmöglich erscheint.

Er verlässt das Lokal, dessen vergleichsweise elegante Einrichtung einen vergessen lassen kann, dass man sich in einem Bahnhof aufhält. Ein paar Augenblicke später liegt er, mit Handschellen gefesselt, auf dem Bahnsteig, gleich bei den Gleisen 3 und 4. Es ist Samstagmorgen in Kiel, 3 Uhr 53.

Youssef Mohamad E., 21 Jahre alt, Student, Libanese, ist einer der beiden Männer, die vor gut drei Wochen versucht haben, mit Kofferbomben zwei Regionalzüge, Köln – Koblenz und Köln – Hamm, in die Luft zu sprengen. Davon jedenfalls sind die Ermittler fest überzeugt, der Richter am Bundesgerichtshof hat einen Haftbefehl erlassen. DNA-Spuren, die die Kriminaltechniker in einem der beiden Bombenkoffer gefunden hatten, stimmen mit den Spuren des Verdächtigen überein. Die Ermittler hatten Essbesteck aus dem Kieler Imbiss mitgenommen und untersucht.

Diese Festnahme in Kiel, 14 Stunden nachdem das Bundeskriminalamt die Videobänder der mutmaßlichen Täter veröffentlicht hat, ist ein spektakulärer Fahndungserfolg. Einerseits. Andererseits ist schnell ist klar, dass der andere Mann, den die Polizei zusammen mit Youssef E. festgenommen hat, nicht der Mann ist, der gemeinsam mit ihm die Anschläge vor drei Wochen geplant hat. Die Ermittler haben keine Zeit zu verlieren.

Der Zug nach Hamburg fährt an diesem Samstagmorgen nicht. Und auch kein anderer. Der Zugverkehr ist komplett lahmgelegt. Weit über hundert Polizisten haben den Kieler Bahnhof abgesperrt, weiß-rotes Flatterband, fünf Stunden lang wird sich im Zentrum der Stadt nichts mehr bewegen. Läden bleiben geschlossen, der komplette Verkehr wird umgeleitet. Am Bahnsteig 4 suchen Spezialisten in weißen Overalls nach Spuren und Beweisen. Zudem scheint in diesem Moment noch möglich, dass auch in dem Koffer, den Youssef E. diesmal bei sich hatte, ein Sprengsatz steckt.

Der Bahnhof ist nicht der einzige Ort, den die Ermittler ins Visier nehmen. Denn wenig später durchsuchen sie einen flachen braunen Backsteinbau im Nordwesten der Stadt, etwa zehn Autominuten vom Bahnhof entfernt.

Stadtteil Projensdorf, Steenbeker Weg. Es ist eine ruhige Wohngegend, in der vornehmlich schlicht gebaut wurde, und die Häuser mit den Nummern vier bis 26 auf dem weiten Gelände des Studentenwerks wie zufällig hingestreut liegen. In einem dieser Häuser des Studentenwohnheims hat Youssef E. gelebt.

Am Nachmittag trifft das Spurensicherungsteam des Bundeskriminalamtes ein, sechs Spezialisten. Durch die Fenster sieht man, wie sie mehrere Räume im oberen, dem ersten Stock durchsuchen. Jene Wohnung, von der die anderen Bewohner sagen, dort habe Youssef E. mit vier oder fünf anderen Studenten gelebt, ist mit einer weißen Platte gegen Blicke geschützt.

Gut 30 Studenten wohnen in diesem Haus, die meisten in Einzelzimmern. Auf dem etwas heruntergekommenen Klingelbrett am Hauseingang stehen viele Namen, aber es gibt nur zwei Klingelschilder, auf denen jeweils mehrere Namen stehen. Auf einem davon ist ein Name frisch überklebt.

Die Polizei hält mit mehreren Beamten Wache an der Eingangstür, sehr darauf bedacht, dass möglichst keine Informationen aus dem Haus herausdringen. Die Bewohner haben die Order, nicht mit Journalisten zu sprechen.

Es gibt ein paar, die sich nicht daran halten, die aus einem Fenster oder von einem Balkon herunter doch etwas sagen. Wenn man ihnen zusichert, ihre Namen nicht zu schreiben. Dass Youssef E., der Mann, der seit fast zwei Jahren unauffällig unter ihnen lebt, nun ein Terrorist sein soll: Wie soll man das fassen?

„Ich glaube immer noch, dass es sich um eine Verwechslung handelt. Ich kann mir das alles nicht vorstellen“, sagt ein junger Mann, 21 Jahre alt. Ein anderer sagt, ein eigenartiges Unwohlsein habe ihn erfasst, als er in den Fernsehnachrichten sah, wie ein junger Mann mit schwarzen langen Haaren und einem Fußballtrikot der deutschen Nationalmannschaft die Rolltreppe des Kölner Bahnhofes hoch fährt. An der Hand einen Koffer, von dem es heißt, er hätte hunderte Menschen das Leben kosten können. „Ich habe gedacht, das kann nicht sein. Ich habe es schnell verdrängt.“ Bis mehrere Autos mit Blaulicht vorfuhren.

Fügt man das zusammen, was diejenigen aus dem Haus, die sprechen, unabhängig voneinander erzählen, dann ergibt sich ein Bild, das man so oder ähnlich zum Beispiel auch aus London kennt, wo die Polizei Männer verhaftet hat, die sie für islamistische Attentäter hält. Junger Mann, nett, unauffällig, gläubig, das ja. Aber niemals habe er schlecht über Deutschland gesprochen. Außerdem hätte er ja auch nicht in einer Wohngemeinschaft ausgerechnet mit Deutschen leben müssen, wenn er nicht gewollt hätte. Die wenigsten Studenten, die hier leben, seien schließlich Deutsche.

Der Mann, der nun ein Terrorist sein soll, kam vor gut zwei Jahren nach Deutschland. Seit Februar vergangenen Jahres studierte er in Kiel. Er sei oft in dem Gebetsraum gewesen, den es in dem Wohnheim gibt. „Viele hier sind Muslime“, sagt ein Student, der sich nach kurzer Bedenkzeit als Kamil vorstellt. „Aber es ist nicht so, dass Youssef oder die anderen sich abgeschottet hätten. Wir haben hinterm Haus zusammen Fußball gespielt.“

Für die Experten vom Bundeskriminalamt ergibt sich ein etwas anderes Bild. Sie hätten eine Werkstatt gefunden, mit der Youssef E. in der Lage gewesen sei, Bomben zu bauen, sagt die Generalbundesanwältin.

Unter den Studenten ist auch noch die Rede davon, dass Youssef E. vergleichsweise wenig intelligent sein soll. Einer seiner Lehrer hat einem Reporter gesagt, E. habe sich in einem studienvorbereitenden Kurs „so durchgeschummelt“. Der Lehrer habe ihn in Physik unterrichtet, er sei froh darüber, dass E. so wenig aufgepasst habe.

Die Bomben damals in den beiden Regionalzügen sind gezündet worden, aber wegen „technischer Probleme“, sagt BKA-Chef Jörg Ziercke, nicht explodiert.

Es ist die Montage beider Blickwinkel, die nun nicht nur den Menschen in Kiel Angst macht. „Wir sind vom Terrorismus bedroht“, sagt Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble seit einiger Zeit, und es gibt wohl niemanden, der ihm jetzt öffentlich widersprechen würde.

Bleiben zwei entscheidende Fragen. Jene, wie die Polizei dem Studenten aus Kiel auf die Spur kam. Und die nach den Motiven und Hintergründen des mutmaßlichen Attentatsplaners.

Die Ermittler äußern sich nur vage. Es heißt, das Fahndungsvideo habe den Druck auf Youssef E. erhöht, aber nicht, dass ein Hinweis aus der Bevölkerung ausschlaggebend war. Es gibt Aussagen, denen zufolge ein ausländischer Geheimdienst einen entscheidenden Tipp gegeben habe.

Im Studentenwohnheim ist zu hören, die Polizei sei schon am Freitagabend da gewesen. Wurde Youssef E. schon länger observiert – und wenn ja: Seit wann? Die Polizei sagt nichts.

Für diese Version spräche auch, dass die Polizei offenbar wusste, dass Youssef E. auf seinem Weg zum Bahnhof an einem kleinen, von Bäumen und Brennnesseln umgebenen Teich unweit des Studentenwohnheims vorbeigelaufen sei, den Polizeitaucher am Samstag absuchten. Es sei nichts Verwertbares gefunden worden, sagt die Polizei. Unabhängig davon, ob das stimmt: Die Polizei muss also den Weg Youssef E.s gekannt haben.

Zu den möglichen Tatmotiven gibt es bisher nur Mutmaßungen. Terrorismusexperten spekulieren, die Rolle Deutschlands im Libanonkonflikt sei womöglich ein Beweggrund. Und im Studentenwohnheim kursiert die Geschichte, derzufolge Youssef E.s Bruder vor einigen Wochen im Libanonkrieg gefallen ist.

Und vielleicht ist es nur ein Zufall, dass Lazarettschiffe der deutschen Marine – dafür vorgesehen, sie in den Nahen Osten zu entsenden – in Kiel ankern. Ein paar Gehminuten nur entfernt vom Wohnheim.

Solange keine neuen Erkenntnisse öffentlich werden, lässt dieses Wochenende das Land mit zwei widersprüchlichen Gefühlen zurück. Mit einem beruhigenden, die Ermittler waren schnell. Und dem beunruhigenden, dem, dass das noch nicht alles war. Denn einer der beiden mutmaßlichen Bombenleger ist noch frei. Wenn es denn nur zwei waren. Die Generalbundesanwältin sagt, es handele sich nicht um Einzeltäter.

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