Zeitung Heute : Das geplante Entertainment-Projekt in Mainz ruft mehr Gegner als Befürworter auf den Plan

Raoul Fischer[Henry Klix] Joachim Huber

Wenn ZDF-Intendant Dieter Stolte aus dem Fenster blickt, hat er einen Traum. Nördlich des ZDF-Geländes auf dem Mainzer Lerchenberg soll ein großer Medienpark entstehen. Mit Krimistraße, in der Besucher mit Derrick Kriminalfälle lösen können, "Traumschiff" für Freizeitkapitäne und einem überdimensionalen Maulwurfshügel, in dem Peter Lustig aus der Sendung "Löwenzahn" zeigt, wie sowas von innen aussieht. Daneben 3-D-Kinos und Simulatoren, in denen Besucher den Weg eines Fernsehsignals nachvollziehen können. "Edutainment" - eine Mischung zwischen Lernen und Unterhaltung soll jährlich zwei Millionen Besucher anlocken. Der Sender will sein Image bei jüngeren Zuschauern aufpolieren.

Doch das 200-Millionen-Mark-Projekt der ZDF-Tochter ZDF-Enterprises und der Hamburger Flebbe-Gruppe stößt seit seinem Bekanntwerden auf Widerstand. Für die Staatskanzlei Niedersachsen als Rechtsaufsicht des Senders ist die Frage, ob ein Medienpark noch zum Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gehört, noch nicht abschließend beantwortet, sagte Rundfunkreferent Lutz Bardelle. Er hat sich mit den übrigen 15 Senats- und Staatskanzleien über ein Schreiben an das ZDF abgestimmt. Drei Fragen sind gestellt: Muss das ZDF im Namen des Medienparks auftauchen? Das würde den Fernsehsender als Betreiber aufscheinen lassen (angestrebt wird eine Minderheitsbeteiligung von 25 Prozent) und das Prädikat "ZDF" "würde dem Medienpark einen fast unbezahlbaren Wettbewerbsvorteil verschaffen", so Bardelle. Gegen eine Beteiligung des ZDF an der Betreibergesellschaft sei nichts einzuwenden, allerdings müsse vertraglich garantiert sein, dass der Sender keine Gebührengelder investiere. Keine Einigkeit besteht unter den Senats- und Staatskanzleien in der Frage der Fahrgeschäfte. Manche Rundfunkreferenten sähen darin kein Problem, andere würden in Karussells den Charakter eines reinen "Medienparks" verletzt sehen.

Wie die private Medienkonkurrenz sind Freizeitpark-Betreiber alarmiert. Der Holiday Park in Haßloch, das Phantasialand in Brühl und der Hollywood- und Safaripark Stukenbrock kündigten am Dienstag eine Klage gegen das ZDF vor dem Landgericht Mainz an. Karl-Heinrich Pott, Präsident des Verbandes Deutscher Freizeitunternehmer, erklärt die Vorbehalte. Grenze der Verträglichkeit sei der WDR-Fernsehgarten Hollymünd in Köln-Böcklemünd, der vor allem einen technischen Einblick hinter die öffentlich-rechtlichen Kulissen verschafft, sagt Pott. "In Mainz geht es aber um die Errichtung eines Erlebnisparks mit Fahrgeschäften und freizeitparktypischen Angeboten."

ZDF-Sprecher Philipp Baum bleibt gelassen. Die Beteiligung legitimiere sich durch die enge Bindung an Programminhalte des Senders. Von einem Freizeitpark im herkömmlichen Sinne könne nicht die Rede sein: "Es wird weder eine Achterbahn noch ein Riesenrad geben." Vielleicht aber eine Bimmelbahn für Kinder, räumt er ein, und in jedem Fall Würstchenbuden, Eisstände und die gesamte Palette kulinarischer Grundversorgung. "Die Besucher sollen sich schließlich mehrere Stunden dort aufhalten." Natürlich werde das ZDF den Park für Sendungen nutzen, aber für einen Platz im Werbeblock müsste der Medienpark genauso bezahlen wie jeder andere Werbekunde.

Die Mainzer Stadtväter unterstützen jedenfalls das Projekt. Die Aussicht, den Medienstandort zu stärken und dabei 600 Vollzeitarbeitsplätze zu gewinnen, klingt verlockend für die Politiker. Das Raumordnungsverfahren ist zügig abgeschlossen worden, das Bauleitplanverfahren läuft und zur Zeit verhandeln Stadt und ZDF über einen städtebaulichen Vertrag, in dem kritische Fragen geregelt werden sollen. Der Sender kämpft nämlich noch an einer dritten Front: Die Bürgerinitiative "ZDF-Medienpark" befürchtet Lärmbelästigung der Anwohner, Verkehrschaos am Mainzer Autobahnring und Umweltschäden. In den umliegenden Ortsteilen unterstützen 3000 Bürger das Begehren gegen den Medienpark, wie Maria Gerber von der Bürgerinitiative mitteilt. Deswegen wurde eine Lärmsimulation veranlasst, bei der freizeitpark-typische Geräusche aus riesigen Boxen mitten auf der grünen Wiese eine Woche lang die Umgebung beschallten - "viel zu leise", so Gerbers Kommentar. Und die Lösung des Verkehrsproblems bei durchschnittlich 3600 Besuchern täglich und 20 000 an Spitzentagen schiebe der Sender an die Kommune weiter.

ZDF-Pressesprecher Baum ist dennoch zuversichtlich. Man sei im Zeitplan, eine Eröffnung im Frühjahr 2001 immerhin möglich. Helmut Prang, einer der beiden Geschäftsführer der ZDF Medienpark-Projektentwicklungsgesellschaft, geht eher vom Frühjahr 2002 aus. Prang: "Da ist ein kleiner Puffer im Fall einer Klage eingerechnet, allerdings keine längere gerichtliche Auseinandersetzung." ZDF-Intendant Dieter Stolte würde so die Verwirklichung seines Traumes nicht mehr in seiner Amtszeit erleben können.

Aber es wäre ein Präzedenzfall geschaffen. Auch andere Sender, wie der Norddeutsche Rundfunk (NDR) mit seiner Tochter Studio Hamburg, träumen von einer derartigen Einrichtung - zum Beispiel in Hamburg. Lutz Bardelle, dessen Staatskanzlei auch beim NDR derzeit die Rechtsaufsicht führt, sieht hier allerdings "eine andere Ausgangssituation". "Weder der NDR noch Studio Hamburg wollen Geld in das Projekt geben, es wird keine unmittelbare Beteiligung, sondern nur eine Kooperation, eine lockere vertragliche Bindung", urteilt Bardelle. Die IVG Immobiliengesellschaft in Hamburg ist von Studio Hamburg bereits beauftragt worden, Geldgeber für das Projekt zu finden. Dort wollte man sich zu den Aussagen Bardelles nicht äußern. Gegenwärtig prüfe man, ob sich das Projekt überhaupt lohne. Es sei zu früh, um konkrete Aussagen zu machen.

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