Zeitung Heute : Das Geschäft der Politiker

Stephanie Selchow

Heribert Prantl, verantwortlich für das Ressort "Innenpolitik" bei der "Süddeutschen Zeitung", vergleicht das Grundgesetz mit Liebesbriefen. Amelie Fried, Moderatorin und Autorin, hat aus dem Stichwort "Staatsverschuldung" das Märchen vom "Kleinen König und dem großen Geld" gemacht, Herbert Riehl-Heyse, leitender Redakteur bei der "Süddeutschen Zeitung" und literarischer Publizist, erklärt am Beispiel von Willy Brandts Rücktritt, dass Politiker auch nur Menschen sind, und die Demokratie den Vorzug bietet, aus Fehlern lernen zu können. "Stern"-Autorin Beate Flemming hat ein Tagebuch erfunden, in dem die zehnjährige Lisa beschreibt, wie sie einen Arbeitstag ihres Vaters, des Bundeskanzlers, miterlebt. Der Kabarettist Arnulf Rating lässt zwei Skateboardbanden eine Koalition bilden, die dann einen "Kompromist" schließen müssen, und Renée Zucker erzählt, warum das Mädchen Europa von Zeus verführt wurde, als es nicht auf ihre Mutter hörte.

Für ihr Buch über Grundbegriffe der Politik war Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf und Ingke Brodersen, die acht Jahre lang den Rowohlt-Berlin-Verlag geleitet hat, das Beste gerade gut genug: Die beiden Herausgeberinnen haben die begabtesten und souveränsten Schreiber der Nation zusammengetrommelt. Nicht zuletzt daran merkt man, dass ihnen das Projekt ein echtes Anliegen war. Ingke Brodersen war entsetzt, als sie in der "Zeit" las, dass neun von zehn Eltern es gar nicht gerne sähen, wenn ihre Kinder in die Politik gingen; Doris Schröder-Köpf hält die Demokratie für gefährdet, wenn sich immer weniger Menschen dafür interessieren, was sie im Innersten zusammenhält. Das Buch stürmte im vergangenen Herbst - gleich nach seinem Erscheinen - die Bestseller-Listen. Es ist aber für diejenigen, an denen es bisher vorbeigegangen ist, immer noch empfehlenswert.

Die engagierte Anthologie ist gelungen. Überzeugend wirkt vor allem der spielerische, orginelle Zugang, den die meisten Autoren zu ihrem Stichwort gefunden haben. Alle haben es geschafft, Geschichten zu erzählen, die komplizierte Zusammenhänge einfach und oft sogar amüsant darstellen, ebenso informativ wie unterhaltend. Dabei wird keineswegs verschwiegen, was für ein schwieriges und nervenaufreibendes Geschäft Politik oft ist, aber ebenso wird auch seine Faszination spürbar. Seine Notwendigkeit sowieso. Schmuckstück ist die Geschichte über einen Leibwächter der Schriftstellerin Felicitas Hoppe: Rührend, komisch und informativ zugleich und von jedem Kind auf Anhieb zu verstehen.

Negativ fällt auf, dass das Stichwort "Bundespräsident" zweimal vergeben wurde, wobei Berlin-Vertraulich-Kolumnist Meinhardt Graf Nayhaus mit seiner Insiderkenntnis Talkmaster Thomas Gottschalk glatt aussticht. So zieht der prominente Name bestimmt nicht.

Die beiden Herausgeberinnen, selbst Mütter von Kindern im Alter von zehn bis 13 Jahren, haben sich teilweise von den Fragen ihrer Kinder leiten lassen. So ist ein Buch entstanden, das aufgeweckte Zehn- bis Zwölfjährige in den Grundzügen durchaus verstehen können, das Jugendliche später sicher durch jedes Referat begleitet und in dem sich Eltern und junge Erwachsene, die zugeben können, dass sie den einen oder anderen Begriff auch noch nie richtig verstanden haben, begeistert festlesen werden. Ein Grenzgänger. Wie alle herausragenden Bücher.

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