Zeitung Heute : Das Geschlecht wechseln

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Stephan Wiehler

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Bisher habe ich mich für einen fortschrittlichen und emanzipierten Mann gehalten. Autos sind für mich vor allem Forbewegungsmittel, Fußball schaue ich nur mit Freunden, die ich sonst nie zu Gesicht bekäme, und ich pinkle sogar im Sitzen. Das Einzige,was man mir vorwerfen könnte ist, dass ich eindeutig heterosexuell orientiert bin.

Alles in allem bin ich mit meiner geschlechtlichen Identität soweit ganz gut klar gekommen. Doch jetzt hat Emma mich schwer ins Grübeln gebracht. Seit einiger Zeit sagt sie nur noch „Mami“ zu mir, manchmal hört es sich auch an wie das französische maman. Ich habe keine Ahnung, warum sie das tut. Schließlich kann sie schon lange Papa sagen, und so hat sie mich auch immer genannt. Wir beide verstehen uns gut, es gibt also keinen Grund für meine Tochter, mich aus ihrem Wortschatz zu verdrängen. Und ihre Mutter, die von Emma meistens „Mama“ gerufen wird, ist nicht etwa verreist, sondern verbringt sogar mehr Zeit mit ihr als ich – für eine Projektion ihrer Mutter-Sehnsucht auf mich besteht daher eigentlich auch kein Anlass.

Es fing ganz plötzlich an. In den ersten Tagen habe ich noch versucht, ihr die Mami-Marotte mit geduldigem Zureden auszutreiben. „Ich bin nicht Mami! Papi! Pa-pi!“ Sie lächelte mich an, unwiderstehlich und verständnisvoll – und antwortete: „Mami!“ Das Spiel schien ihr Spaß zu machen, aber es war nutzlos. Ich sollte Mami bleiben. Inzwischen habe ich es aufgegeben. Zu Hause macht es mir auch nichts aus, aber draußen vor Zeugen war es mir dann doch ein wenig unangenehm. Wie vor ein paar Tagen im türkischen Kiosk an der Ecke. Ich stand mit Emma vor dem Kühlregal, und meine Tochter entdeckte den Stand mit den Überraschungseiern. „Mami“, rief sie, um meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ich drehte mich um und sah im Augenwinkel den türkischen Kiosk-Besitzer, der hinter seinem Tresen stand und freundlich lächelte – oder grinste er nicht eher etwas abfällig? Mir war, als er hätte er dazu die linke Augenbraue millimeterhoch zu einem ironischen Kommentar angehoben.

So ein verdammter Macho, dachte ich. Ein Gefühl der Feindseligkeit überkam mich gegen den orientalischen Händler mit seiner patriachalischen Überheblichkeit. Widerwillig zahlte ich, was ich schuldig war, nahm Emma an die Hand und verließ seinen Laden. Draußen auf der Straße bekam ich sofort ein schlechtes Gewissen. War ich jetzt auch noch ein Rassist geworden, weil es mir peinlich war, „Mami“ zu sein? Und das als überzeugter Kreuzberger. Ich war erschüttert und kam mir schäbig vor. Dabei gab es eine Zeit, als ich gekämpft habe für die Gleichberechtigung des Mannes, damals, als ich an der Uni von einem Kurs über feministische Literaturtheorie ausgeschlossen worden war, weil die Studentinnen unter sich bleiben wollten.

Ich habe mich deshalb dazu entschlossen, Emmas Anrede als Kompliment zu nehmen. Ich will ihr eine gute Mami sein.

Der Verein „Mannege“ hilft Männern und Vätern, ihren Platz im Leben zu finden. Neben Beratungen bietet der Verein auch Vater-Kind-Wochenenden und Abenteuerreisen an. Informationen im Internet www.mannege.de oder unter Tel. 28 38 98 61.

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