Zeitung Heute : Das Gesetz der Trägheit

Roland Knauer

Trotz internationaler Umweltabkommen zur CO2-Reduzierung heizt das Verfeuern von Öl, Kohle und Gas dem Klima weiter ein. Könnte ein Sofortausstieg aus den fossilen Brennstoffen den Temperaturanstieg auf der Erde stoppen?

Klima und Wetter reagieren langsam: Hierzulande liefert die Sonne zwar am längsten Tag um den 21. Juni die meiste Energie. Die wärmste Zeit des Sommers aber kommt oft erst Ende Juli und Anfang August, wenn die Tage schon wieder deutlich kürzer sind.

Das Klima reagiert ähnlich träge auf Veränderungen. Das haben jetzt der Altmeister der Klimaforschung Jim Hansen vom Goddard Institut der amerikanischen Raumfahrtorganisation Nasa in New York und seine Kollegen in der Online-Ausgabe des Wissenschaftsmagazins „Science“ vorgerechnet: Selbst wenn man sofort weltweit das Verfeuern fossiler Brennstoffe einstellen würde, steckten noch weitere 0,6 Grad weltweite Temperaturerhöhung aus der bisherigen Produktion von Treibhausgasen gewissermaßen „in der Pipeline“.

Das schließen die US-Wissenschaftler aus der so genannten Strahlungsbilanz: Jeder Quadratmeter der Erde absorbierte 2003 im Jahresdurchschnitt 0,85 Watt mehr Energie, als er gleichzeitig in den Weltraum abstrahlte. Dieser Energieüberschuss erscheint bei insgesamt 342 Watt, die jeden Moment auf den Quadratmeter Globus prasseln, als recht wenig. Würde diese Differenz aber auch in Zukunft bestehen, brächte sie in weniger als zehntausend Jahren die obersten paar hundert Meter Wasser in den Ozeanen zum Kochen. So weit wird es aber nicht kommen, weil der Ozean die gespeicherte Energie in den nächsten Jahrzehnten wieder an die Luft abgibt und so das Klima weiter aufheizt.

Damit übernimmt das Wasser auf dem Globus für das Klima die gleiche Rolle wie bei den sommerlichen Temperaturen: Weil Wasser nur mit viel Energie aufgeheizt werden kann, verbraucht es erst einmal den Überschuss. Luft und Land heizen dagegen viel rascher auf. Ende Juli hat sich das Wasser an der Oberfläche von Seen und Meeren dann weit genug aufgewärmt und liefert Energie an die Luft, die sich wegen der kürzer werdenden Tage eigentlich schon wieder abkühlen würde. Da Wasser ziemlich viel Energie speichern kann, übertrifft die Erwärmung aus dem Wasser die Abkühlung in der Luft.

Beim Klima wirkt nicht das Wasser an der Oberfläche, sondern das in den Tiefen der Ozeane verzögernd. Es wärmt sich langsam im Laufe von Jahrzehnten auf und speichert gleichzeitig einen Teil des Wärmeüberschusses, den wir mit dem Verheizen von Kohle, Öl und Gas produzieren. Die gespeicherte Wärme geben die Meere später wieder ab, selbst wenn wir die Atmosphäre mit fossilen Brennstoffen und den daraus entstehenden Treibhausgasen gar nicht mehr heizen. Mit seinem Hinweis auf diese bereits eingeleitete Temperaturerhöhung von weiteren 0,6 Grad Celsius fordert Jim Hansen die Regierungen der Welt zum raschen Gegensteuern auf.

Denn zurzeit sind die Länder der Erde weit davon entfernt, den Verbrauch von Öl, Gas und Kohle zu stoppen, jedes Jahr werden im Gegenteil mehr fossile Brennstoffe verfeuert. Auch das inzwischen in vielen Ländern der Welt in Kraft getretene Klima-Abkommen von Kyoto will im Prinzip nur die noch weitere Steigerung des Verbrauchs auf dem gesamten Globus bremsen. Von einem Rückgang oder gar einem Stopp ist keine Rede. Ein weiteres Verfeuern fossiler Brennstoffe erhöht daher die bereits „eingekauften“ 0,6 Grad weiterer Temperatursteigerung. Jede weitere Temperaturerhöhung wiederum vergrößert das Risiko von Klimakatastrophen, fürchtet Jim Hansen. So könnten zum Beispiel große Eismassen auf Grönland oder in der Westantarktis schmelzen. Der Meeresspiegel würde dann um einige Meter steigen, und die Küstenbewohner bekämen erhebliche Probleme.

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