Zeitung Heute : Das Gesicht des Skandals

Matthias B. Krause[New York]

Die US-Soldatin Lynndie England steht vor Gericht. Sie hat sich mit der Anklage auf einen Deal geeinigt und gibt zu, Iraker im Abu-Ghraib- Gefängnis misshandelt zu haben. Was für ein Signal könnte davon ausgehen?

Lynndie England posierte neben einem am Boden liegenden Gefangenen an einer Leine und neben einer Pyramide aus nackten Häftlingen. Die Fotos von Misshandlungen der Gefangenen im Abu- Ghraib-Gefängnis gingen um die Welt. Im Rahmen einer Vereinbarung stimmte die 22-Jährige am Montag sieben Anklagepunkten zu, im Gegenzug wurden zwei weitere fallen gelassen. Mit diesem Deal könnte sich ihre theoretisch mögliche Höchststrafe von sechzehneinhalb Jahren auf zehn senken. Laut „New York Times“ geht ihr Verteidiger sogar davon aus, dass sie mit 30 Monaten Gefängnis davonkommt.

Während der Anhörungen nach dem Skandal gab England zu Protokoll, sie und ihre Kameraden hätten „nur rumgejuxt“. England ist eines von sieben Mitgliedern einer Militär-Polizei-Kompanie aus Maryland, die sich wegen der Folterungen vor Gericht verantworten müssen. Ihr Anführer, Charles Graner, war im Januar zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden. Vier bekannten sich schuldig, um ihr Strafmaß zu verringern, ein weiteres Verfahren geht nächsten Monat vor Gericht. Die Soldaten hatten sich damit verteidigt, dass sie auf Befehl ihrer Vorgesetzten gehandelt hätten. Ihre Aufgabe sei es demnach gewesen, die Gefangenen für Verhöre gefügig zu machen.

Der Skandal löste zahlreiche Untersuchungen über die Behandlung von Häftlingen durch die Amerikaner im Irak, in Afghanistan und auf der Militärbasis Guantanamo aus. Während nach Angaben der „New York Times“ über 100 Soldaten diszipliniert wurden, kamen ihre Vorgesetzten ungestraft davon. Das Pentagon startete zehn Ermittlungen, konnte aber keine Fehler der Kommandeure oder im eigenen Haus erkennen. Von den Befehlsgewaltigen im Irak wurde lediglich Generalin Janis L. Karpinski, die in Abu Ghraib das Kommando führte, strafversetzt. Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch fürchten, dass nach einem Urteil gegen England erst Recht niemand mehr nach der Verantwortung der oberen Militärführung fragt – und fordern deshalb weitere, wirklich unabhängige Untersuchungen der Folterfälle.

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