Zeitung Heute : Das Gesicht des Terrors

Mit dem Tod al Sarkawis hat Al Qaida einen mächtigen, aber auch unkontrollierbaren Mann verloren

Frank Jansen

Der Führer von Al Qaida im Irak, Abu Mussab al Sarkawi, ist bei einem Angriff der US-Luftwaffe getötet worden. Wie sehr schwächt der Tod Sarkawis den islamistischen Terror?


Er hatte bis zuletzt Hass geschürt. Erst Anfang Juni ließ Abu Mussab al Sarkawi eine vierstündige Tonbandbotschaft verbreiten, in der er die Schiiten als „Verräter am Islam“ und Handlanger der USA brandmarkte. Und es war offenbar dieser grenzenlose Fanatismus, der dem aus Jordanien stammenden Terroristenführer nun im Irak zum Verhängnis wurde. Deutsche Sicherheitsexperten vermuten, aus der wachsenden Schar der Feinde Sarkawis habe einer den Amerikanern oder auch dem jordanischen Geheimdienst den Hinweis auf das Versteck des Mannes gegeben, auf dessen Kopf die USA 25 Millionen Dollar ausgesetzt hatten. So konnte die amerikanische Luftwaffe gezielt das Gebäude in der Ortschaft Hibhib bombardieren, in dem sich Sarkawi aufhielt. Die Theorie, der im irakischen Widerstand zunehmend unbeliebte Ausländer sei verraten worden, lässt auch vermuten, dass die Rache der islamistischen Terrorszene für Sarkawis Tod weniger heftig ausfällt, als nach einem finalen Militärschlag gegen den Al-Qaida-Guru Osama bin Laden zu befürchten wäre.

Sarkawis Anhang im Irak schätzen Sicherheitsexperten auf etwa 400 Kämpfer. Eine genaue Zahl ist ebenso wenig zu ermitteln wie die Intensität der Verbindung, die Sarkawi zu Al Qaida unterhielt. Im Oktober 2004 leistete er einen Treueschwur auf Osama bin Laden und benannte seine Terrorbande um. Der neue Name lautete „Qaidat al Dschihad fi Bilad ar Rafidain“, womit signalisiert werden sollte: Al Qaida führt den heiligen Krieg im „Zweistromland“, also im Irak. Doch Sarkawi verfolgte weiter seine eigene Strategie, unabhängig von der im fernen afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet untergetauchten Al-Qaida-Führung.

Sarkawi wollte keine Weltfront aller Muslime, unter Einschluss der Schiiten, sondern einen Bürgerkrieg im Irak – Sunniten gegen Schiiten (die 60 Prozent der Bevölkerung stellen), sunnitische Iraker gegen die ebenfalls sunnitischen Kurden, sunnitische Islamisten aus dem Irak und dem Ausland gegen die US-Truppen und alle mit ihnen kooperierenden Iraker. Das größtmögliche Chaos sollte die Amerikaner, die Briten und die weiteren Partner zum Abzug zwingen. Damit Sarkawi den Irak zu einem Gottesstaat umwandeln konnte – als Basis für den weiteren Kampf gegen die USA, gegen Israel und die Juden überhaupt und gegen die Monarchie in seiner Heimat Jordanien.

Der Terrorfeldzug begann im August 2003, nur Wochen nach dem Ende der US-Invasion im Irak. Sarkawis Selbstmordattentäter attackierten in Bagdad die jordanische Botschaft und das Hauptquartier der Vereinten Nationen. Den verheerenden Anschlägen folgte ein tödliches Attentat auf den Schiitenführer Mohammed Bakir al Hakim. So zeichnete sich schon damals ab, dass Sarkawi im Irak gleichzeitig den Kampf gegen den äußeren und den inneren Feind führen wollte. Mit extremer Brutalität. Im März 2004 detonierten nahe schiitischen Heiligtümern in Bagdad und Kerbela Bomben, über 180 Menschen starben. Zwei Monate später wurde der von Sarkawis Leuten entführte US-Amerikaner Nicholas Berg vor laufender Videokamera enthauptet – angeblich vom Terroristenchef selbst.

Die „Erfolge“ animierten Islamisten im Irak und in Nachbarländern, sich Sarkawi anzuschließen. Außerdem konnte er auf Verbündete zählen. Die kurdisch-irakische Terrorgruppe Ansar al Islam, sie nennt sich heute Ansar as Sunna, ist für zahllose Attentate im Irak verantwortlich. Manche scheinen mit Sarkawis Bande geplant oder sogar gemeinsam verübt worden zu sein. Doch der ehrgeizige Jordanier, den auch Politik und Medien in den USA zur Symbolfigur des Terrors im Irak stilisierten, ging zu weit. Die schweren Anschläge auf Rekruten der irakischen Sicherheitskräfte erregten den Zorn sunnitischer Stämme. Für sie hat der Kampf gegen die US-Besatzer Vorrang. Dass ein ausländischer Islamist viele Iraker töten ließ und sich als Führer des Widerstands aufspielte, verletzte ihre Ehre.

Anfang 2006 kam es in Ramadi, einer Hochburg militanter Sunniten, zu Schießereien mit Kämpfern Sarkawis. Auf die wachsende Isolation reagierte er im April mit einem martialischen Video. Sarkawi ballert mit einem Maschinengewehr und schwadroniert, als sei er der neue bin Laden. Die Al-Qaida-Spitze erschien düpiert, zumindest medial. Die Entfremdung zwischen den Terrorchefs hatte sich schon im Juli 2005 gezeigt. Da kritisierte bin Ladens Vize, der Ägypter Aiman al Sawahiri, in einem Brief an Sarkawi die Massaker an den Schiiten und die Enthauptung von Geiseln. Die Al-Qaida-Führung, sonst wenig zartfühlend, sorgte sich angesichts der Exzesse des Jordaniers um Sympathien in der muslimischen Welt.

Das Trio der Symbolfiguren des islamistischen Terrors – bin Laden, Sawahiri und Sarkawi – ist nun zum Duo geschrumpft. Al Qaida verlor zudem den wichtigsten, allerdings kaum kontrollierbaren „Militär“, der seine „Karriere“ als Kleinkrimineller begonnen hatte. Das Terrornetz im Irak ist jetzt geschwächt – doch die weltweite Anschlagsgefahr nimmt nicht ab. Die militante Islamistenszene ist längst so dezentral organisiert, dass der Verlust eines Führers – auch eines bedeutenden – die vielen unabhängigen Terrorzellen kaum stört.

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