Zeitung Heute : Das gestohlene Leben

Moritz Rinke

August in Athen, Ferienzeit. Man sieht Sommerkleider in die Koffer fallen, Männer rufen Frauen etwas vom vollgepackten Auto zu, Kinder stehen mit Spielzeug in der Tür. Eigentlich ja ein schöner Moment, dieser Augenblick, wo alle ihre Häuser schließen und über die Gläser der Sonnenbrille hinweg einen letzten Blick in die Wohnung werfen.

Berlinale 2002 Online Spezial: Internationale Filmfestspiele
Tagesspiegel:
Alle Berichte, Reportagen, Rezensionen
Gewinnspiel: meinberlin.de verlost Filmbücher
Fotostrecke: Ausschnitte aus den Wettbewerbsfilmen
Constantinos Giannaris, der Regisseur, erzählt von zwei Paaren und einer Familie, alle aus einem Miethaus in Athen. Und während sie alle jetzt auf den Straßen irgendwo in Griechenland sind, bricht ein Junge in ihre Wohnungen ein, wandert von Zimmer zu Zimmer, von Schublade zu Schublade, trinkt deren Kaffee, hört ihre Musik, probiert die Kleider. Giannis, gespielt von Costas Kotsianidis, ist kein Dieb, vielleicht ein Biograf. Ja, das wäre eine schöne Idee. So aus den Räumen, aus dem Innen der Menschen heraus mit dem Blick dieses Giannis zu erzählen und die Figuren dann immer wieder außen auf den Straßen zu begleiten. Leider aber erzählt der Film kaum etwas über die eigene Sprache der Räume. In der Wohnung des Architekten und der Gynäkologin gibt es nur edle Unterwäsche und ein Video, auf dem Giannis sieht, was der Film dann Wort für Wort im Außen noch mal erzählt: Eine unterkühlte Beziehung; er, der ohne Verantwortung reich und kinderlos leben wollte und sie, Katia, die schönste Figur des Films, die gegen ihre Erstarrung kämpft und die jetzt fast wortlos in ihr einmal gedachtes Leben zurück will.

Eigentlich ist es ein sehr trauriger Film über das, was sich Menschen entwerfen und das, was sie dann in ihren Beziehungen werden. Und wie sie nebeneinander sitzen im Auto und doch so weit voneinander entfernt sind. Sandra und Michalis zum Beispiel. Er ist ein kokainschnupfender Abenteurer und sie, sie scheint eine Weile mit ihm gegangen zu sein, aber jetzt will sie zurück zu sich. Das ist alles sehr gut und wirklich traurig erzählt, auch wie sich dann beide durch das, was sie erleben, wieder nähern, aber warum der Film auf den zwei Ebenen erzählt, bleibt unklar, dramaturgisch konstruiert. Zwischen Gianni, dem von der Regie vermutlich angedachten Biografen, fließt nichts zu den Figuren, weil die Regie nichts findet in den Räumen, außer ein paar spannungsbetonte Übergänge. Da hat man leider einfach zu wenig gesucht und zu wenig gefunden. Außer in einer Kiste, da lag der Schädel von der toten Mutter der Gynäkologin. Den konnte allerdings Gianni auch nicht finden, weil den hatte die Gynäkologin mitgenommen in die Ferien.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!