Zeitung Heute : „Das ging rucki-zucki“

Seit knapp einem Jahr können sich Arbeitslose mit der Ich-AG selbstständig machen. 74 000 Kleinunternehmen wurden damit bereits ins Leben gerufen

Katrin Wilke

Am Anfang steht der Einfall. Dann wird fieberhaft gerechnet und mutig konzipiert und endlich ist sie da: die eigene Firma. Den Schritt in die Selbstständigkeit wagen viele, weil sie sich nach beruflicher Freiheit sehnen. Aber das muss nicht das einzige Motiv sein. „Existenzgründung als Konzept gegen Arbeitslosigkeit“, dachte sich die Bundesregierung und hat mit Hartz II am 1. Januar 2003 die Ich-AG auf den Markt gebracht.

„Ich-AG – das ist eigentlich ein juristisches Paradoxon, weil kein Individuum eine Aktiengesellschaft gründen kann“, gibt Andre Sayatz, Fachanwalt für Arbeitsrecht zu bedenken. Deshalb ist „Ich-AG“ auch zum Unwort des Jahres 2002 gekürt worden. Von Juristen und Linguisten streng verschmäht, kann sich das Modell auf dem Markt der Arbeitssuchenden allerdings wachsender Beliebtheit erfreuen. Von Januar bis Oktober ist die Zahl derer, die sich risiokobereit und innovativ als eigener Chef behaupten wollen, stetig gestiegen. Rund 74 000 Ich-AGs wurden bundesweit gegründet – 5461 in Berlin. „Nur zwei Prozent dieser Unternehmer haben ihre Tätigkeit wieder aufgegeben“, erklärt Ullrich Gawellek, Referatsleiter für die Förderung von Existenzgründern der Bundesanstalt für Arbeit. „Mit so viel Zuspruch hat keiner gerechnet. Das sieht man auch daran, dass die im Haushalt für die Ich-AG veranschlagten Mittel von 144 auf über 200 Millionen Euro aufgestockt wurden.“

„Das ging rucki-zucki“, schwärmt Claudia Wittke und erzählt, wie sie im März diesen Jahres beim Arbeitsamt ihren fahrenden Friseursalon vorstellte. 14 Tage später sei schon die Bewilligung ins Haus geflattert. Heute geht das trotz der großen Nachfrage fast noch genauso schnell. „Wenn der Antragsteller alles beigebracht hat, reagieren die Arbeitsämter im Regelfall innerhalb eines Monats“, bestätigt Reinhard Schuhmann, Referent der Bundesanstalt für Arbeit.

Die „Ich-AG“ heißt eigentlich „Existenzgründerzuschuss“ und ist in § 421 SGB III geregelt. Der besagt nichts anderes als dass Menschen, die einen Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung haben und sich selbstständig machen wollen, bis zu drei Jahren finanziell gefördert werden. Diese Norm begründet einen Rechtsanspruch. Das heißt, die Ich-AG-Förderung ist eine Pflichtleistung. Wer die Voraussetzungen erfüllt, dem muss der Staat finanziell zur Seite stehen. Anders das Überbrückungsgeld – die zweite mögliche Existenzgründerförderung. Sie ist eine so genannte Kann-Leistung. Die Zuschussbewillung liegt im Ermessen der Behörde. Das Überbrückungsgeld, haben in diesem Jahr 7763 Personen in Anspruch genommen, fast zehn Prozent mehr als im Vorjahr.

So verheißungsvoll das alles klingt, manch motivierter Jungunternehmer hat vom Fördertopf Ich-AG dennoch nichts abbekommen. Denn der Existenzgründerzuschuss war bis vor kurzem an die Auflage gekoppelt, nur Familienmitglieder zu beschäftigen. Nach der Änderung des Kleinunternehmerförderungsgesetzes dürfen jetzt allerdings auch Dritte mitarbeiten.

Ob Single oder Großfamilie auf der Liste derer, die ihr staatlich gefördertes Gewerbe anmelden, stehen vor allem Kaufleute und Dienstleister. Von der Currywurstbude bis zum Nagelstudio ist fast alles vertreten. Die einen, wie die Friseurin Claudia Wittke, bleiben in dem Metier, das sie gelernt haben. Die anderen machen etwas völlig Neues. „Die Sendung mit der Maus hat ’mal eine Folge zu Senf gebracht. Das hat uns inspiriert“, sagt Merit Schambach. Ihr Unternehmen „Senfsalon“ existiert seit Mai. Mit ihrer Geschäftsentwicklung ist sie bisher sehr zufrieden. Die Bundesanstalt für Arbeit wirbt mit ihr sogar für die Ich-AG. „Ich hoffe, dass ich im nächsten Jahr die Arbeitsamt-Zuschüsse nicht mehr bekomme“, sagt Schambach. Denn das hieße, dass ihr Gewinn über der Fördergrenze von 25 000 Euro angekommen ist.

„Ob sich diese Existenzgründungen jedoch als stabil erweisen, wird sich erst nach zwei bis drei Jahren zeigen“, sagt Gawellek. Überdies fürchtet Arbeitsrechtler Sayatz, dass innovative Kräfte dadurch nicht freigesetzt werden. „In Ich-AGs werden eben überwiegend kleine Kuchen gebacken.“

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