Zeitung Heute : Das glatte Parkett der Macht

„Der war schon immer ein Schlamper“, sagen sie bei der PDS über Gysi. Und stellen seine Flugaffäre als lässliche Sünde dar. Der Sünder selbst aber machte da nicht mit. Seine Genossen verstehen nicht, warum – und sind entsetzt.

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Von Matthias Meisner

Den Genossen sitzt der Schreck in den Gliedern. Roland Claus, dem Vorsitzenden der PDS-Bundestagsfraktion, steht der Schweiß auf der Stirn. Gabi Zimmer, die Vorsitzende der Partei, verbirgt die Hände hinter dem Rücken, um Unsicherheit zu verbergen. Den Rücktritt Gregor Gysis gilt es zu erklären – und ganz offensichtlich scheinen sich die beiden sozialistischen Spitzenpolitiker bei ihrem Auftritt am gestrigen Abend nichts mehr zu wünschen, als dass es nicht wahr wäre. „Vernunft. Das Einzige, was zählt“, heißt es auf einem Wahlplakat vor der Parteizentrale, dem Berliner Karl-Liebknecht-Haus. War das wirklich vernünftig, was Gysi da kurz zuvor erklärt hat?

Ziemlich alle in der PDS wünschen sich jedenfalls, es wäre nicht wahr. Sondern dass Gregor Gysi, das Zugpferd, diese Affäre um die unberechtigte Nutzung von Freiflugmeilen der Lufthansa durchgestanden hätte wie so viele andere Affären zuvor. Was hat er nicht alles überstanden: Rote-Socken-Kampagnen und Stasi-Vorwürfe. Und jetzt, fünf an seine Frau Andrea und seine Tochter spendierte Privatflüge, abgerechnet über das Meilenkonto, das in seiner Zeit als PDS-Fraktionschef im Bundestag voll geworden ist. „Sicherlich kein dramatischer Vorgang“, das erklärt Gysi selbst. Und doch einer, der ihn selbst erschreckt habe: Die Proteste, das Gemurre in der eigenen Partei waren größer als bei der Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus. „Wer hier den Rücktritt fordert, schießt mit Kanonen auf Spatzen“, sagte CDU-Fraktionschef Frank Steffel. Und Günter Nooke, der Spitzenkandidat der Berliner CDU für die Bundestagswahl, sagte: „Bonusmeilen? In Gysis Biographie gibt es nun wirklich andere Dinge, über die man sich aufregen muss.“

Doch die sollten nicht das Thema sein an diesem Tag, der für die PDS-Führung gar nicht schlecht begann. Am Vormittag hatte das Spitzenquartett seinen Auftritt vor der Bundespressekonferenz in Berlin. Die Führung erklärte, wie die Partei den Osten stark machen würde, hätte sie denn etwas zu melden. Vorne auf dem Podium saßen Gabi Zimmer, Roland Claus, Dietmar Bartsch und Petra Pau, alle mit wahlkampfoptimistischen Gesichtern. Die PDS ohne Schwung? Von wegen, sagte Bartsch, der Bundesgeschäftsführer: Die Ausgangslage für die PDS sei besser als bei der Bundestagswahl 1998, von 1994 ganz zu schweigen.

Vielleicht ahnte der eine oder andere, dass Gysi zu diesem Zeitpunkt die Bonusmeilen-Geschichte beschäftigte. Gewusst hat keiner der neuen Führung etwas. Gregor Gysi, Ende vergangener Woche aus seinem Urlaub in der Bretagne zurückgekehrt, setzte sie erst kurz nach der Pressekonferenz davon in Kenntnis, was er jetzt zu tun gedenke. Ein Gespräch erbat der Senator, es fand dann statt im Büro von Fraktionschef Claus, die ganze Viererrunde von der Pressekonferenz war dabei. Ganz offenbar hatte der kleine Anwalt mit der Meilen-Affäre doch weit mehr Probleme, als es der neuen PDS-Führung lieb sein konnte, die meist ohne Ausstrahlung daherkommt und natürlich genau weiß, was Gysi als Zugpferd für die Partei bedeutet.

E-Mails für Gregor

Die Kratzer, die das Ansehen Gysis durch die Flugmeilen-Geschichte bekommen hatte, waren bis zu diesem Zeitpunkt vor allem ein Aufreger für die Leute an der Parteibasis. Enttäuscht hatten sie sich seit Tagen Luft gemacht über die Verfehlungen des PDS-Stars, hatten E-Mails geschickt und in den Geschäftsstellen der Partei protestiert. Kleine Leute, die nicht nachvollziehen konnten, wie ihr Idol so leicht aufs Glatteis der Mächtigen geraten konnte. „Wenigstens nicht unterwegs im Auftrag des Herrn Hunzinger! Danke, Gregor!“, schrieb ein Leser aus Mainz dem „Neuen Deutschland“, und die Ironie der veröffentlichten Zuschrift war deutlich herauszuhören.

Ärger darüber, dass die PDS ihr in den Affären um Parteispenden und Hunzinger-Kontakte zur Schau gestelltes Saubermann-Image ein wenig eingebüßt hat, herrschte auch in der Führung. Seit Tagen ließ die frühere Berliner Landesvorsitzende Petra Pau kaum eine Gelegenheit aus, um ihr Unverständnis über Gysis Fehler in die Öffentlichkeit zu posaunen. Wolfgang Gehrcke, der stellvertretende Chef der Bundestagsfraktion, ließ sich mit dem Satz zitieren, „im persönlichen Umgang“ habe er seinen langjährigen Weggefährten Gysi „schon immer für einen Schlamper“ gehalten. Bei gemeinsamen Dienstreisen, berichtete Gehrcke, habe er häuftig die gesamte Hotelrechnung zahlen und die Rückerstattung anmahnen müssen. Die Botschaft war klar: individuelles Fehlverhalten, aber noch lange kein Rücktrittsgrund. Noch am Morgen vor der Presse warb Claus für genaue Untersuchungen, ob es noch weitere Verstöße gegen die bundestagseigenen Miles-&-More-Regeln gegeben haben könnte. „Der eine oder andere Fall“ in der Bundestagsfraktion, sagte Claus, müsse noch untersucht werden. Ein „Denunziationsklima“, wie es durch tägliche neue Veröffentlichungen in der „Bild“-Zeitung entstehe, sei indes „inakzeptabel“, fügte er noch hinzu.

Dann stand das Krisengespräch mit Gysi an. Es sollte mehrere Stunden dauern, und die Argumente müssen wohl immer wieder hin und her gegangen sein. „Wir konnten ihn nicht überzeugen. Er hat uns nicht überzeugt“, berichtet Pau später, und dass sie den Rücktritt sehr bedauere, für „falsch und überzogen“ halte. Ziemlich übereinstimmend sagen es dann alle Größen der PDS so. Gabi Zimmer spricht am Abend über die hohen Maßstäbe, die Gysi an sich gelegt habe. Vom Verlust spricht sie und davon, dass „diese Partei ohne Gregor Gysi nicht dort wäre, wo sie ist“. „Ein schwerer Schlag.“

Hoffen auf ein gutes Ende

Das Warum – an diesem Abend wird es nicht so ganz beantwortet. Drohten Gysi neue Stasi-Attacken, glaubte er, nicht genug gegen die katastrophale Haushaltslage der Hauptstadt tun zu können? „Zu naiv“ seien solche Erklärungsversuche, sagt Claus. Hat ihm denn die Arbeit als Wirtschaftssenator keinen Spaß gemacht? Da behauptet Zimmer nicht, dass Gysi der Job in Berlin ein Herzensanliegen war. Lange überzeugt werden musste er, für das Amt überhaupt zu kandidieren. „Ich kann es nicht beurteilen, ob es ihm Spaß gemacht hat.“ Aber sich einfach davonstehlen, nein, „das ist nicht Gregor Gysi“, versichert die Parteichefin.

Rückblick. April 2000, PDS-Bundesparteitag in Münster, da hatte Gysi schon mal das Handtuch geworfen. Die radikalen Pazifisten hatten sich gegen den Willen der Parteiführung durchgesetzt, und für ein striktes Nein auch zur deutschen Beteiligung an UN–Friedenseinsätzen gestimmt. Gemeinsam mit seinem Weggefährten Lothar Bisky verabschiedete sich Gysi aus der Bundespolitik. „Eine Lebensentscheidung“, sagte Gysi damals den Delegierten des Parteitages. „Mein Entschluss vom vorletzten Jahr, aus der Politik auszuscheiden, war richtig“, schreibt der Wirtschaftssenator nun in seiner Rücktrittserklärung, „die kurzfristige Revision – wie ich heute weiß – ein Fehler“. Ein wenig selbstverliebt klingt es, aber doch vor allem soll es unabwendbar klingen.

Und die PDS? Sie hofft. Hofft, dass ein Debakel bei der Bundestagswahl ausbleibt, dass Gysi wenigstens noch irgendwie im Wahlkampf mittut. Was haben sie noch alle geredet mit dem Spitzengenossen, bevor dieser sich in sein Feriendomizil nach Märkisch-Oderland zurückzog. Versucht, ihn umzustimmen. Helmut Holter, der Vize-Regierungschef in Schwerin, telefonierte mit ihm. Eigene Skandale, etwa um Fördermittel aus seinem Arbeitsministerium für eine Firma, an der seine Frau beteiligt ist, Debatten um Stasi-belastete Mitarbeiter – Holter ist noch im Amt. „Voll überrascht, voll getroffen, schockiert“ habe ihn die Entscheidung Gysis, berichtet Holter – und lässt sich anmerken, dass er kaum Verständnis hat. „Das muss jeder für sich entscheiden“, sagt er.

Peter Porsch, der stellvertretende Vorsitzende der Partei, saß gestern abend in Leipzig beim Grillen, als ihn die Nachricht erreichte. Der zweite Geburtstag der Enkeltochter sollte gefeiert werden. „Es ist nicht gut“, sagte er. „Ich find’s belämmert.“ Klar, es sollte den gläsernen Abgeordneten geben. Aber man müsse einem Politiker nach Verfehlungen „auch eine Chance geben durchzukommen“. Auch Porsch hat, im Sommer letzten Jahres, eine Affäre durchgestanden, nachdem er in einer Erklärung geschrieben hatte, der Mauerbau 1961 habe „den Frieden in Europa und der Welt erhalten“.

Recht auf Traurigkeit

Gysi wollte keine Affären mehr durchstehen, auch nicht eine vergleichsweise kleine. Die Auswirkungen für den Wahlkampf, die Aussichten für die PDS überhaupt – sie wollen alle noch gar nicht daran denken. Wird er wieder auftauchen, in neuer Rolle für die PDS? Parteichefin Zimmer macht sich ein wenig Hoffnung: „Ein so politischer Mensch wie Gysi ist nicht geboren, um sich in den stillen Winkel zurückzuziehen. Der muss sich einfach einmischen.“

Vor zwei Jahren, da hat eine grauhaarige Frau auf einer PDS-Versammlung in Berlin nach Gysis erstem Rückzug gesagt: „Wir haben uns angewöhnt zu sagen: Da müssen wir durch.“ Jetzt sagt Roland Claus, der von Gysi das Amt des Fraktionschefs übernahm, „lassen Sie uns doch mal traurig sein“. Eine „irgendwie geartete Rückkehr“ von Gysi in Ämter solle man sich besser erst gar nicht vorstellen. Er wischt sich mit der Hand den Schweiß ab, und versucht es mit Zweckoptimismus: „Wer die Hitze aushält, kommt auch in den Bundestag.“

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