Zeitung Heute : Das Glück der Geschmacklosigkeit

Benidorm, ein Ferien-Albtraum an der Costa Blanca: Hoteltürme wachsen in den Himmel, am Strand stehen 5500 Liegestühle. Anderswo ist der Tourismus in der Krise. Nach Benidorm kommen die Menschen wie eh und je. Der Erfinder des Massentourismus weiß, warum.

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Von Ruedi Leuthold, Benidorm

Kann man, Don Pedro Zaragoza, also sagen, dass sich der schlechte Geschmack durchsetzt?

Jetzt greift der alte Mann nach seiner Brille, die Augen flackern empört, der Bauch bebt, und die Stimme donnert: Sehe ich vielleicht meinen Vater hier? Mein Vater war ein Don… Ich bin ganz einfach Pedro, Pedro Zaragoza.

Pedro Zaragoza, 80-jährig, ist der Erfinder von Benidorm. Benidorm, Costa Blanca, 40 Kilometer nördlich von Alicante, seit 25 Jahren der größte, übelst beleumundete und erfolgreichste Ferienort Europas. Der Charmeur lehnt sich entspannt zurück im Sessel seines Anwaltszimmers im historischen Zentrum von Benidorm, Bauchnabel des modernen Massenvergnügens, knapp fünf Millionen Besucher jährlich, und sagt nein, nicht der schlechte Geschmack setzt sich durch, sondern die Menschlichkeit.

Es ist Mittag und Sommer, über 100 000 Menschen liegen jetzt schlapp am 7403 Meter langen Strand von Benidorm, andere benutzen die 500 Pools, die zu den Hotels und Wohnsilos gehören.

Kann man also sagen, dass sich letztlich der Geschmack der Mehrheit durchsetzt – die Demokratie, mit anderen Worten?

Mit 50 Jahren hat Pedro Zaragoza, ehemaliger Fischerjunge und Minenarbeiter, das Rechtsstudium begonnen, und jetzt, mit 80, belegt er an der Universität in Alicante einen Kurs für Journalismus. Ein Schimmer der Belustigung huscht über sein Gesicht und zeigt, dass er die Gemeinheit der Frage wohl erkannt hat. Denn natürlich weiß jeder hier, dass der ehemalige Bürgermeister die Demokratie keinesfalls für die höchste aller Staatsformen hält. Vielmehr hat er sich nie losgesagt von der Falange, der Staatspartei Francos, die das ökonomische Glück der Menschheit – weder Proletariat noch Großkapital – über die gemeinsame Aktion staatlich organisierter Gewerkschaften und Unternehmer herbeiführen wollte. Vielleicht ist diese Vergangenheit der Grund dafür, dass es so lange dauert, bis die Alameda, die Flanierstraße des Städtchens, als es noch 3000 Einwohner zählte, endlich nach dem Erfinder des Massentourismus benannt wird. Nach ihm, Pedro Zaragoza, dem Begründer eines Booms, der einfach nicht abreißen will, jährliches Wachstum vier Prozent, nach ihm, der jeden reich gemacht hat in Benidorm, Schreiner, Thunfischer, Ziegelbauer, jeden, der auch nur ein bisschen Land besaß und schlau genug war, darauf ein Hotel zu bauen, eine Bar oder eine Imbissbude.

Über die Frage nach den Vorzügen der Demokratie bei der Wahl des Ferienortes geht der Visionär des herdenmäßigen Sonnenbades großzügig hinweg. Er antwortet lieber mit der Religion: Noch nie in der Geschichte, verkündet Pedro Zaragoza, war die Menschheit so nahe am christlichen Evangelium wie hier in Benidorm.

Ausgerechnet in Benidorm! Am Abgrund der Geschmacklosigkeit. Im Saufparadies der englischen Working Class, wo das einfachste aller touristischen Erfolgsrezepte funktioniert: Sonne, Sangria und Sex. Wie kann man das verstehen, Señor Zaragoza?

Alle teilen alles in Benidorm. Die Sonne, den Strand, den Besitz. Bis vor einem Jahr war keine Hotelkette vertreten in Benidorm, und Melia, das sich jetzt mit 500 Betten präsentiert, hat auch nicht selber gebaut, sondern von Einheimischen gepachtet. Benidorm ist, nach Paris und London, die Stadt mit den meisten Hotels in Europa, und fast alle befinden sich in Familienbesitz. Das ist meine Vision seit 50 Jahren. Ein Ferienort für Arbeiter und Mittelschicht. Und den Leuten in Benidorm, die damals gegen den Tourismus waren, redete ich ins Gewissen: Euer Wunsch, den Zauber unseres Städtchens ganz alleine zu genießen, ohne die Bedürfnisse der anderen zu berücksichtigen, betrachte ich als räuberischen Egoismus. Heute sind die Leute froh. Auch die Besucher genießen es. Oder haben Sie sich etwa zu beklagen?

Niemand kennt niemanden

Nicht im Geringsten. Das Zimmer im 25. Stock des Hotels Plaza ist geräumig, vier Sterne, 55 Euro. Von der Terrasse aus sieht man den Kranz der Berge, der die Stadt vor Wind und Regen schützt und ihr jährlich 3400 Sonnenstunden beschert. Man sieht das neu eröffnete Hotel Bali, 52 Stockwerke, die höchste Absteige Europas. Man sieht sogar ein Zipfelchen des Strandes mit seinen 5500 Liegestühlen und 1840 Sonnenschirmen. Wer hier wohnt, ist Teil dieser großen, glücklichen Familie von Benidorm, in der niemand niemanden kennt. Von der Hotelhalle aus schleppen englische Mütter mit süßen Kindern viel Plastikgerät zum Sand hinunter. Bis dahin sind es nicht mehr als 500 Meter.

Selten sind es mehr als 500 Meter bis zum Strand, und das ist der Vorteil davon, dass Benidorm in den Himmel wächst. Mit dem Lift hinauf, mit dem Lift hinunter. Die Straßen sind voller spanischer Familien, englischer Rugbyspieler samt englischer Bewunderinnen, staunender russischer Ehepaare, lärmiger belgischer Teenager, holländischer Mütterchen und holländischer Väterchen. Sie tun, was Leute in Benidorm am liebsten tun in den Ferien: 1. schwimmen, 2. Sonne genießen, 3. braun werden, 6. nicht arbeiten, 12. keine Verpflichtungen haben, 13. tanzen, 16. Liebe machen, 22. mehr trinken als üblich, 23. lesen. Es gibt 389 Restaurants, 266 Cafés, 482 Bars, 156 Pubs und 22 Discos. Im August kommen die Italiener. Im Herbst die Deutschen. Im Winter die Rentner. Im Frühling die Hauptstädter aus Madrid.

Seit Jahren sinkt die jährliche Auslastung der Hotels nicht unter 93 Prozent. Und während die touristische Welt von Ibiza bis Australien einen Besucherrückgang beklagt, weist in Benidorm die Statistik aufwärts, als sei nie etwas geschehen. Benidorm, sagt der Soziologe José-Miguel Iribas, ist eine Erfolgsformel wie Coca-Cola, exakt auf die Bedürfnisse der Menschen zugeschnitten, einfach, und für jedermann jederzeit zu genießen.

Verraten Sie das Rezept, Herr Zaragoza?

Am Anfang, sagt der alte Herr, war ein Stadtplan, das ist das ganze Geheimnis. Nach dem Zweiten Weltkrieg suchten immer mehr Madrilener Erholung am Meer. Mitte der 50er Jahre holte ich die besten Architekten Spaniens, die es zu dieser Zeit gab, um die Entwicklung zu planen. Ihre revolutionäre Idee war, das Grün in die Stadt zu holen. Nur 30 Prozent eines jeden Grundstücks durften überbaut werden. Das gab der Stadt Platz zum Atmen. Die Straßen waren 80 Meter breit. Die Leute dachten, ich spinne. Was braucht ein Dorf mit 3000 Einwohnern und sechs Fahrzeugen 80 Meter breite Straßen! Schließlich wurden die Straßen 40 Meter breit, jedes Jahr wurden fünf neue Hotels gebaut. Das ging so bis zur Bikini-Krise 1959.

Die Bikini-Krise

Meine schwerste Prüfung, die Bikini-Krise. Eine englische Besucherin musste ein Bußgeld zahlen, weil sie ein zweiteiliges Badekleid trug. Benidorms Tourismus war in Gefahr. Als Bürgermeister hob ich den Bikini-Bann auf. Der Bischof von Orihuela drohte mit Exkommunikation, zwei Minister unterstützten ihn, da stieg ich auf meine Vespa, sechs Stunden nach Madrid, der Generalissimo empfing mich, er sagte, seien Sie unbesorgt. Und dann war der Fortschritt nicht mehr aufzuhalten, jedes Jahr kamen mehr Touristen, und häufig kam auch der General mit seiner treuen Gattin zu Besuch.

Der Benidorm-Mensch, anthropologisch erfasst wie ein Urwaldindianer, verbringt täglich 15 Stunden außerhalb seiner Wohnstätte, und fast so viel Zeit auf der Straße (3 1/4 Stunden) wie auf am Strand (3 1/2 Stunden). Durchschnittlich legt er eine Strecke von 14 Kilometern zu Fuß zurück, viel mehr als zu Hause (4 Kilometer), und das ist ein weiteres Geheimnis von Benidorm: Es ist kein Ferienghetto, sondern eine Touristenstadt. Auf den Grünflächen haben sich Dutzende von Boutiquen und Krämerläden einen Platz erobert. Und das heißt, man ist nicht rettungslos sich selber ausgeliefert, wenn der Strand zu öd geworden ist. Der Benidorm-Mensch arbeitet elf Monate im Jahr, nichts liegt ihm ferner, als im zwölften zu sich selber zu finden. Er geht bummeln. Leute angucken. Benidorm hat sogar, entgegen anderslautenden Gerüchten, eine Altstadt. Nur gibt es darin keine Flamenco-Schuppen. Der Benidorm-Mensch arbeitet elf Monate im Jahr, und er will nicht im zwölften fremde Tänze bestaunen. Er will das gleiche Bier saufen wie immer, aber in einer sonnigen Umgebung, und er will wissen, dass er mit seinem Glück nicht alleine ist. Will der Benidorm-Mensch es wild, geht er abends an die Straßenecke von Gerona und Mallorca und schaut, wie sich die jungen Engländer besaufen. Das ist ein Spektakel. Man muss nur ein bisschen warten, schon kommt einer raus und übergibt sich.

Ja, stöhnt Mr. Charles Wilson, ehemaliger Spanischlehrer aus Bradford und 1986 nach Benidorm ausgewandert, das ist der Schandfleck hier. Und dann muss er erst einmal nach Luft ringen und wieder seufzen und endlich, einmal mehr, ein paar klärende Worte äußern. Das Viertel der englischen Vergnügungen, das Reich von Linekers Bar (Friday live Rugby League), von Sexy Barbara und von Sticky Vicky (Lesbian Show) umfasst 0,125 Quadratmeilen. Benidorm aber bedeckt eine Fläche von 24 Quadratmeilen. 60 Prozent aller Besucher sind Ausländer, mehr als die Hälfte davon Briten. Von denen machen sich, Mr. Wilson hat es ausgerechnet, gerade mal 0,00034 Prozent vandalischer Aktionen schuldig wie Bäume ausreißen, Bierflaschen vom Hotelbalkon schleudern, Nachtwärter in den Pool werfen. Aber diese Minderheit, beklagt Mr. Wilson, reicht aus, damit kein Journalist von Geschmacklosigkeit, Massen, Hitze, Alkohol und Orgien schreiben kann, ohne Benidorm zu erwähnen.

Mr. Wilson hat die Geschichte der Touristenstadt aufgeschrieben, um ein für alle Mal die Übertreibungen und sensationellen Geschichten als Lügen zu entlarven. „Benidorm: Die Wahrheit“, so heißt sein Buch, und das ist sie: Es stimmt nicht, dass der Sand für Benidorms Strand mit Lastkähnen aus Marokko gebracht wurde. Keiner hätte in den 50ern Geld und genügend Lastkähne gehabt, um 274 000 Quadratmeter mit Sand zu bedecken. Es stimmt nicht, dass das Lieblingsmenü in Benidorm aus Fish and Chips besteht. Es besteht aus Fish and Chicken. Außerdem gibt es hervorragende Tapas und Paella. Unwahr ist, dass eine englische Lady am Strand von Benidorm einen verlassenen Hund fand, ihn aufpäppelte und nach England schmuggelte, wo sich herausstellte, dass es sich um eine riesige Ratte handelte. Wahr ist, dass der Strand von Benidorm zu den saubersten der Welt gehört und dass es dort weder Hunde noch Ratten gibt.

Wahr hingegen ist auch, dass im Jahr 1982 Wasserknappheit herrschte und zwei norwegische Tanker Trinkwasser nach Benidorm bringen mussten. Damals ließen sich mehrere Einheimische einen Bart wachsen, denn dieses Wasser war salzig und brannte beim Rasieren. Damals verabschiedeten sich auch die Deutschen aus Benidorm. Schon vorher hatten sie sich beklagt, es gebe in Benidorm zu viele Zigeuner, zu viel Lärm. Das Wasserproblem gab ihnen den Rest. Mittlerweile gibt es genug Wasser, und der Bürgermeister ließ in über 400 Bars Regler einbauen, mit denen die Musik nach Mitternacht auf 45 Dezibel gedämpft wird. Langsam wagen sich die Deutschen nach Benidorm zurück.

Und doch – gibt es Schrecklicheres als im Urlaub in der anonymen Masse unterzugehen? Der Soziologe José-Miguel Iribas sagt, die Leute, die ihre Ferien in einem ruhigen Häuschen am Meer verbringen, verbrauchen im Durchschnitt vier Mal so viel Wasser wie eine Person in Benidorm, außerdem bilden genau sie das größte Problem der Stadt. Denn sie langweilen sich in ihren Häuschen und fahren mit ihren Autos nach Benidorm, um die Massen zu bestaunen. Das sind 40 000 Besucher täglich, und erst die schaffen die Verkehrs- und Parkplatzprobleme an einem Ort, der sonst von den Fußgängern regiert wird.

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