Zeitung Heute : Das Glück der kleinen Zocker

Während Robert Hoyzer Spiele verpfiff, wurden hier Tausende gewonnen. Aber der Alltag ist anders. Simone will im Wettbüro die Rente aufbessern, Achim die Sozialhilfe, und Schmidt verlor die Frau.

Susanne Stiefel

Unter all den grauen Männern wirkt sie wie ein Paradiesvogel. Blondes, kunstvoll hochgestecktes Lockenhaar, gelb-schwarz kariertes Jäckchen, Lesebrille auf der Nase. Letztere ist überlebensnotwendig, um Rennprogramme und Wettzettel studieren zu können. Denn Simone ist über 60 und nicht zum Vergnügen hier im Wettbüro Springer an der Kurfürstenstraße in Berlin. Simone – wer wettet, hat nur einen Vornamen – ist bei der Arbeit. Sozusagen.

Die gelernte Friseurin will ihre Rente aufbessern. Die Mieter ihres Friseursalons zahlen nicht zuverlässig, und sie selbst kann nach einem Herzstillstand nicht mehr arbeiten. „Ich muss gewinnen, das muss heute einfach klappen“, murmelt sie und sortiert ihre Wettzettel immer wieder aufs Neue vor sich auf dem Tisch: 4,20 Euro, 5,50 Euro, 8,10 Euro.

In diesem Raum geht es nicht um Millionen. Hier bei Springer („Ein Sprung zu Springer lohnt sich immer“) wurden beim großen Fußball-Wettskandal um den Schiedsrichter Robert Hoyzer zwar auch Zehntausende gewonnen. Aber die großen Abzocker sitzen nicht wie Simone den ganzen Tag vor den flirrenden Bildschirmen, die sich unter der Decke wie eine Perlenkette um den Raum ziehen: Man kann ja auch elektronisch ordern. Nein, hier sitzen die, die nicht das große Geld machen. Simone gehört dazu.

Achim mit der Glatze auch. „Ick hab schon mit meinem Vater als Kind gewettet“, sagt er. Und dass auch er im gekauften Spiel Paderborn gegen HSV gesetzt – und verloren hatte. Das weiß er noch genau; wer wettet, hat ein gutes Gedächtnis. Aber sauer auf die Manipulateure? Er ist doch arbeitslos als Bauarbeiter, hat wenig Geld. „Nö“, sagt Achim, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen, „ich hätte das genauso gemacht.“ Wetten ist für ihn wie arbeiten. Es gibt dem Tag eine Struktur. Und manchmal kriegt man auch noch Geld dafür. Auch wenn es keine Millionengewinne sind.

Pferde, Fußball oder Eishockey – den meisten hier ist egal, auf was sie wetten. Hauptsache, die Quote stimmt. Die Hoffnung auf den Sieg treibt sie an. Treibt sie immer wieder an die Kasse, wo sie ihre kleinen Wetten platzieren. Der Fußboden knarzt, Zigarettenrauch steigt ätzend in Nase und Augen, provoziert Tränen, hängt einen Vorhang vor die Bildschirme. Wenn man Luft schneiden wollte, sollte man es hier versuchen. Auf den Tischen ein Spieler-Stillleben: zerknüllte Wettzettel, überquellende Aschenbecher, braune Kaffee-Plastikbecher, angebrochene Zigarettenschachteln. Die Warnhinweise stehen auf Polnisch drauf. Jenseits der Grenze, nur wenige Kilometer östlich von Berlin, kann man billiger einkaufen.

Außer dem dumpfen Dauerfeuer des Rennkommentators im Fernsehen ist wenig zu hören, das Klicken eines Feuerzeugs, das typische Schnarren der aufspringenden Kasse – helle Geräusche, die die Monotonie der gemurmelten Startnummern und Pferdenamen durchbrechen. Gespannte Ruhe, lautlose Unruhe, keine Freudenschreie, keine Verzweiflungsrufe. Die Menschen hier haben gelernt, in Würde zu gewinnen und zu verlieren. Vor allem zu verlieren. Die Selbstmordrate, so liest man, sei dennoch gering unter Zockern, denn es gibt immer noch die Hoffnung auf ein neues Spiel.

Schmidtchen kann sich noch gut an seinen persönlichen Supergewinn erinnern. Bald 25 Jahre ist das her, und es waren 5000 Mark. Der 69-Jährige mit der widerspenstigen grauen Haarpracht – weshalb er auch Professor genannt wird – zeigt lächelnd seine Zahnlücken. Eine oben, eine unten. Fast täglich sitzt der ehemalige Postbeamte hier, und es ist mehr als das Wettfieber, was ihn hertreibt.

Vor anderthalb Jahren ist seine Frau gestorben, „45 Jahre waren wir verheiratet“, sagt er und studiert angelegentlich das nächste Pferderennen im englischen Lingfield, „ich komm’ einfach nicht drüber weg.“ Alle vier Wochen reist er nach Mecklenburg-Vorpommern, wo seine Frau begraben liegt. Er würde sie gerne täglich besuchen, aber sie wollte ins Familiengrab.

Sonst spricht hier keiner über persönliche Dinge. Hier spricht man über Jockeys, die es nicht bringen, über Pferde mit abenteuerlichen Namen wie Thedreamstillalive und die vielleicht unter die ersten drei kommen könnten, und warum der Professor bei seiner Schiebewette nur knapp daneben lag. Schiebewette, das heißt: Mehrere Rennen werden auf einem Wettzettel kombiniert. Ein bisschen Leichtsinn kann eine Gnade sein, wenn das Leben schwer geworden ist.

Meist sitzen die Männer – und Wetten ist männlich – in kleinen Gruppen oder alleine am Tisch, immer getrennt nach Nationalitäten. Schweigsam. Da ist die Gruppe kurdischer Männer im Großvateralter, düstere Menschen, alle in Mantel und Schal, als wollten sie jederzeit bereit sein, mit einem Millionengewinn aufzuspringen und das Weite zu suchen. Und da sind die ukrainischen Brüder, die wie Schulbuben an dem Tisch direkt vor der Großleinwand sitzen und den Bleistift immer zwischen zwei Fingern halten, um ja nichts zu verpassen. Nur die acht Schwarzen von der Elfenbeinküste genießen das Spiel Hertha gegen Bayern, reden laut und lachen sogar. Das bringt ihnen böse Blicke ein.

Friseurin Simone, die aussieht wie eine von den Jakob Sisters ohne Hund, sortiert wieder nervös Wettzettel. Ob es diesmal geklappt hat mit der Zusatzrente? „Gott sei Dank“, sagt sie und schaut erleichtert auf, „heute hab’ ich alles wieder raus, was ich eingesetzt habe.“ Hinter ihr kommt plötzlich Aufregung in die Szene: Achim, der Fröhliche, sucht nach seinem Wettzettel, andere wühlen in Papierkörben, ein Rennen wurde annulliert, jeder bekommt den Einsatz zurück. „Wenigstens das“, sagt er , „heut ist einfach nicht mein Tag.“

Der Professor plaudert über die Chancen von Manchester United und des Pferdes Feminist aus Irland und steigt mit einer Schiebewette ein: Da ist man lange dabei und gewinnt gut bei wenig Einsatz. Draußen hat sich der Tag davongeschlichen, hier drinnen merkt das keiner. Seit Mittag sind die meisten da, bis 23 Uhr ist bei Sportwetten Springer geöffnet.

Berlin, die Zockermetropole, die Stadt der Trabrennbahnen Mariendorf und Karlshorst und der Wettskandale, sie ist auch die Stadt der kleinen Zocker. Was sie auch hertreibt, süchtig sind sie alle. So geben Achim, Simone und Herr Schmidt bereitwillig Tipps, wie man gewinnen kann, was sich letztlich, allem Fachwissen zum Trotz, auf eine einfache Formel bringen lässt: „Fast alles Glück.“

Und am Schluss noch der ganz heiße Tipp für Anfänger: „Fang lieber gar nicht erst damit an.“

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