Zeitung Heute : Das Glück der U-Boote

Der Tagesspiegel

Von Claudia Keller

Ein kalter Wind fegte durch Kreuzberg. Frierend hasteten die Menschen durch die Straßen. Keiner achtete auf die vier. Der Vater, er war einmal ein angesehener Arzt, hatte dem Sohn noch schnell eine Zyankalikapsel für den Notfall zugesteckt und einen Abschiedsbrief geschrieben, indem er den Selbstmord der Familie ankündigte. Dann hatte er die Wohnungstür abgeschlossen und die Schlüssel in den Schnee geworfen. Es gab kein Zurück mehr. Es war der 9. Januar 1943.

Von da an hing das Schicksal der jüdischen Familie Arndt einzig und allein davon ab, ob es andere gut mit ihnen meinten. Sie hatten Glück. Über zwei Jahre überlebten sie im Schatten des Nazi-Regimes, mitten in Berlin. Über fünfzig nicht-jüdische Nachbarn und Bekannte nahmen die Arndts bei sich auf, besorgten Essen und fanden Arbeit für sie. Manche halfen auch einfach dadurch, dass sie die Familie nicht verrieten, obwohl sie wussten oder ahnten, dass sie Juden waren und schon längst kein Daseinsrecht mehr hatten.

160 000 Juden hatten Ende 1932 in Berlin gelebt. 1944 waren es nur noch etwa 6000. Und die waren alle untergetaucht. Man nannte sie „U-Boote“. Die Arndt-Lewinsky-Gruppe war die größte, die versteckt überlebte. Zusammen mit Arthur und Lina Arndt, deren beiden Kindern Ruth und Erich, waren nämlich noch Erichs Freundin Ellen Lewinsky und deren Mutter Charlotte „flitzen“ gegangen, wie Ruth es heute nennt.

Am Morgen des 10. Januar 1943 wachte der fünfzigjährige Arthur Arndt erstmals seit zwanzig Jahren auf ohne seine Familie. Seine Frau und seine Kinder waren über mehrere Verstecke verteilt. Wie hatte es kommen können, dass er zum Flüchtling geworden war, in dem Land, das er liebte? Er fühlte sich zutiefst verraten.

So steht es in dem Buch, das jetzt erschienen ist und Erich und Ellen Arndt und Ruth Arndt-Gumpel für eine Woche nach Berlin gebracht hat. Es ist ihre Überlebensgeschichte, aufgeschrieben von der amerikanischen Journalistin Barbara Lovenheim. 1945 sind die Arndts und Lewinskys nach Amerika ausgewandert.

Wenn sie heute im waschechten Berlinerisch von den Jahren im Verborgenen sprechen wirken die drei gelassen. „Ich muss das aber nicht mehr haben. Je älter ich werde, umso näher kommt das Vergangene“, sagt der 79-jährige Erich Arndt. Trotzdem besuchen sie ihre Heimatstadt immer wieder – und die Oranienstraße 20. Dort steht noch das Haus, in dem Max Köhler seine Eisenwarenfabrik hatte.

„Hitler sollte gehenkt werden!“, hatte der Fabrikant 1943 gesagt und Erich Arndt als Gesellen aufgenommen. Später, als es für Erich selbst nachts zu gefährlich war, auf die Straße zu gehen, durfte er in der Firma wohnen, dann auch seine Schwester Ruth und seine Freundin Ellen. „Wenn mich die Nazis verhaften, weil ich Juden helfe, dann ist es auch egal, ob ich einen, zwei oder drei verstecke“, meinte Köhler. Klar, oder?

Wie für ihn war es auch für Anni und Max Gehre gar keine Frage, ob sie der jüdischen Familie beim Untertauchen helfen sollen. Doktor Arndt hatte schließlich einmal ihrer Tochter das Leben gerettet und kein Geld dafür genommen. Anni fand immer neue Verstecke und brachte alle ihre Bekannten und Nachbarn dazu, dass sie mithalfen. Vor allem Arbeiter und kleine Angestellte in Kreuzberg, aber auch ein paar Prostituierte in der Kurfürstenstraße. „Viele Helfer waren einfache Leute“, sagt Ruth Arndt, „die waren unkompliziert und fanden das, was mit den Juden passiert, ungerecht“. So einfach und doch so ungewöhnlich. Ihnen wollen die Arndts jetzt mit dem Buch ein Denkmal setzen. Erich zündet sich eine Zigarette an und sagt: „Weil es diese Menschen gab, waren wir überzeugt, dass die Nazis verlieren. Wir hatten keine Angst.“

Dennoch, wie kann man jahrelang auf diesem viel zu dünnem Eis leben? „Wir waren viel zu beschäftigt, um uns klar zu machen, wie gefährlich alles ist. Und sehr schnell haben wir begriffen, dass man nur dreist genug sein muss“, sagt Ruth. „Den Feind muss man mit seinen eigenen Waffen schlagen. Keine Lüge war zu grotesk, keine Verkleidung zu übertrieben“, ergänzt Ellen. „Für uns gab es keine Gesetze mehr. Das war schlimm. Aber wir waren auch freier als jemals zuvor. Wir waren Anarchisten.“ Manchmal, da hätten sie es wohl auch ein bisschen übertrieben. Zum Beispiel, als Ellen und Ruth sich als Witwen verkleideten und tief gebeugt durch die Straßen schlurften, aus purem Jux. Und sich hinterher kugelten vor Lachen.

Manchmal aber war es nur die Maskerade, die sie rettete. Einmal, da ließ Erich in einen schwarzen Ledermantel gehüllt einen Soldaten glauben, er sei ein ranghoher Offizier. Nur so konnte er der Ausweiskontrolle entgehen. Oder als sich Ellens Mutter im feinen Kostüm, dem einzigen, das sie gerettet hatte, mit Federboa und Hut in einem Charlottenburger Restaurant von einem Nazi-Offizier einladen ließ und sich mal wieder richtig satt essen konnte. Es wurde ihnen zur zweiten Natur, in Gefahrensituationen zu lügen und dem Feind gerade heraus ins Auge zu sehen. Sie ignorierten, was in der Welt um sie herum geschah, und lernten, Gefühle zu verbergen. Sie verhielten sich so, als hätten sie ihr Schicksal selbst in der Hand, und in gewisser Weise stimmte das auch. Alles war besser, als in ein Konzentrationslager deportiert zu werden. Wenn sie wirklich sterben mussten, dann sollte es wenigstens in Berlin sein.

Heute um 19 Uhr stellen Erich und Ellen Arndt, Ruth Arndt-Gumpel und Barbara Lovenheim ihr Buch „Überleben im Verborgenen. Sieben Juden in Berlin“ im Jüdischen Museum, in der Lindenstraße 9-14 vor. Das Buch hat 221 Seiten und ist im Siedler-Verlag erschienen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar