Zeitung Heute : Das Glück des Fleißigen

Sein erster Trainer hatte nur ein Bein, Kriegsinvalide. Ein anderer lehrte ihn Disziplin und Pünktlichkeit. Spieler, Trainer, WM-Organisator – heute wird Franz Beckenbauers Lebenswerk gekrönt

Robert Ide

Ihre nackten Männerbrüste sind bemalt, auf den Köpfen tragen sie Masken mit goldenen Federn. Aus Mexiko sind sie nach Deutschland gekommen, um in der Dämmerung mit einem brennenden Kautschukball zu spielen. Auf dem Hamburger Rathausplatz stoßen sie ihn mit der Schulter durch ein Steinloch und brüllen bei jedem Treffer, so wie es vor 2000 Jahren die Azteken taten, lange bevor aus diesem Spiel Fußball wurde und aus dem Mann, der ihnen jetzt zusieht, ein Star.

An diesem Tag hat Franz Beckenbauer, 60, Vater von drei erwachsenen und zwei kleinen Kindern, die Rolle übernommen, Schirmherr des Kulturprogramms der Fifa-Fußball-Weltmeisterschaft 2006 zu sein. Und, hat er Spaß? Als er einen Adidas-Ball der Neuzeit in die Hand gedrückt bekommt und die Halbnackten den Weihrauch holen, um ihn zu segnen, lacht er, und sie umschließen ihn, Fotografen, Autogrammjäger, Kinder, Mexikaner. Schnell sind es Hunderte. Er steht in der Mitte wie ein Planet, um den die Monde kreisen, und lächelt den Fußball in seinen Händen stumm an.

Er ist der Mann, der jede Rolle annimmt. Er besucht europäische Könige, schenkt afrikanischen Jungen neue Fußballstutzen, verlost in Berlin die letzten WM-Tickets – und stets fallen ihm angemessene Worte aus dem Mund. Viele, die ihn täglich sehen, im Fernsehen, in der Werbung, in Fußballstadien und auf Rathausmärkten, glauben ihn so zu kennen: unablässig Zeug daherredend, unablässig Charme verbreitend, unablässig Geld verdienend. Aber nicht selten flüchtet sich Beckenbauer in die Stille.

Heute ist sein Tag. Knapp eine Milliarde Menschen blicken auf seine Heimatstadt München, in der er ein leuchtendes Stadion errichten ließ, in dem um 18 Uhr das Eröffnungsspiel der Beckenbauer-Fußball-Weltmeisterschaft 2006 angepfiffen wird. Wenn heute Deutschland gegen Costa Rica aufläuft, beginnt sich sein Lebenswerk zu vollenden. Es ist sein drittes nach dem Weltmeistertitel 1974 als Spieler und dem 1990 als Trainer. Diesmal ist er Präsident des Organisationskomitees, „diesmal ist es meine größte Weltmeisterschaft“, wie er bekennt. Es ist sein Tag, doch er wird ablaufen wie viele andere: ein Empfang hier, eine Zeremonie dort, dazwischen Fernsehstudios und Mikrofone, Limousinenfahrten und Helikopterflüge und zum Schluss vielleicht eine Zigarre, ein Glas Rotwein im Hotel. Und dann is’ a Ruah.

Auf dem Weg durch alle Ebenen des Fußballgeschäfts hat Beckenbauer viele hinter sich gelassen. Pelé konnte besser spielen, doch jetzt lässt er sich von einem Sponsor als Grüßonkel durch die Welt schieben. Ganz zu schweigen von deutschen Idolen wie Paul Breitner. Der wird beim WM-Empfang in Münchens Staatskanzlei von Fifa-Chef Joseph Blatter mit den Worten begrüßt: „Ich freue mich, dass auch Gerd Müller gekommen ist.“ Beckenbauer gönnt sich ein lautes Lachen. Ihn kennt jeder überall.

Als alle Reden gehalten sind, donnern Salutschüsse, das Buffet ist eröffnet. Journalisten aus aller Welt drängen nach vorn an den Zitatetrog. Ministerpräsident Edmund Stoiber geht zum Torwandschießen, Blatter entschwindet zur nächsten Gala. Nur Beckenbauer schreibt Autogramme, eine Viertelstunde, eine halbe Stunde. Er schreibt, bis niemand mehr nach ihm verlangt, bis er sich wieder einmal Ruhm und Ruhe erarbeitet hat.

Warum gerade er? Franz Beckenbauer hat die WM nach Deutschland geholt – ein Libero, dessen Position es im modernen Fußball nicht mehr gibt. Er ist der Star der Werbewirtschaft – ein Freizeitgolfer mit grauen Haaren und getönter Brille. Lichtgestalt wird er genannt, Kaiser. Zum Außenminister des Fußballs hat ihn der Außenminister der Politik, Frank-Walter Steinmeier, geadelt und dafür eine Feierstunde im Auswärtigen Amt arrangiert. „Danke, Herr Kollege“, hat Beckenbauer geantwortet. Weshalb darf er so was?

München, Giesing. Die Straßen sind nicht gerade, die Häuser sind nicht hoch. Auf dem Ascheplatz mit dem verrosteten Geländer und der vergilbten Paulaner-Werbung jagen Kinder dem Ball nach. Am Lattenzaun des „SC München 06“ wuchern Brennnesseln die Löcher zu. Hier, auf dem Boden eines Arbeiterviertels, hat Beckenbauer angefangen, Fußball zu spielen. Mit seiner Straßenmannschaft schoss er Stoffknäuel über zerbombte Bürgersteige. Dann dribbelte er im Verein vor. Sein erster Trainer war ein Soldat, der im Krieg ein Bein verloren hatte und trotzdem weiterspielte, mit Krücken.

Vier Treppen rannte der kleine Beckenbauer hinab auf den Fußballplatz vor seiner Tür. Sein Vater, ein Postsekretär, wollte das nicht, aber die Mutter, die gutmütige Antonie, ließ ihn gewähren. Er wetzte die Holzstufen runter durch das dunkle Haus, von Mal zu Mal wurde er schneller, wendiger. „Ich hatte Angst bei den Funzeln, hinter jedem Pfeiler habe ich jemanden vermutet“, berichtete Beckenbauer später seinem Biografen Torsten Körner. Vier Treppen tiefer wartete die Freiheit. Der kleine „Franzi“, so hieß er in der Familie, lief der Angst davon, auch dem Vater. Nur der Ball blieb an seinem Fuß kleben.

„Als er 17 war, sah ich ihn zum ersten Mal spielen. Der Boden war nass, alle rutschten aus, nur Beckenbauer tanzte über den Platz“, erzählt Rudi Houdek. Der Fleischfabrikant aus Starnberg lud den Jungen zum Kaffee ein. „Seitdem gibt es kein Weihnachten, an dem er nicht vorbeikommt“, sagt der 92-Jährige. Die Freundschaft nutzte auch ihm, 30 Jahre lang belieferte er die Nationalmannschaft mit Wurst, beim heutigen Eröffnungsspiel darf er auf der Ehrentribüne sitzen.

Einige erkannten Beckenbauers Talent früh und förderten es. Bayern-Impressario Robert Schwan etwa, sein langjähriger Manager und – will man Weggefährten glauben – sein Ersatzvater. Der brachte ihm Disziplin bei, Pünktlichkeit, Ordentlichkeit. Spießige Tugenden des Erfolgs. Beckenbauer hat sie verinnerlicht.

Beckenbauer will den Zufall ausschalten. In der Welt der Fußballfunktionäre bewegt er sich so geschmeidig wie einst auf dem Platz. Im Münchner Hotel „Bayerischer Hof“ begrüßt er jeden Fifa-Delegierten, umarmt alte Herren und küsst jungen Assistentinnen auf die Wangen. Falls er etwas übersieht, schaut sein Clan nach dem Rechten. Sein Assistent Marcus Höfl, ausgebildet in der sportpolitischen Kaderschmiede Adidas, sortiert die Termine. Er wird ihn während der WM auf Schritt und Tritt begleiten, 48 von 64 Spielen will der Organisationschef per Helikopter anfliegen. Der Salzburger Wirtschaftsprüfer Wilfried Krebs macht die Verträge; Beckenbauer wohnt schon lange steuergünstig in Österreich. Fedor Radmann, offizielle Funktion Berater, kontrolliert im Hintergrund die Absprachen. Wolfgang Niersbach und Horst R. Schmidt, Beckenbauers Vizepräsidenten im WM-Organisationskomitee, kümmern sich um die Details. Sie umschwirren sein Licht, damit es auch auf sie fällt. Doch er leuchtet nur noch heller.

Nach dem WM-Zuschlag hatte Niersbach die Idee, alle 31 Teilnehmerländer zu besuchen. Obwohl Tony Blair beim Treffen in London fragte, was denn die „Stiftung Warentest“ sei, die die deutschen Stadien als unsicher eingestuft hatte, wurde die Reise ein weltweiter Triumphzug. Schon bald könnte Niersbach neuer Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes werden.

Gibt es noch jemanden, der Sie kritisiert, Herr Beckenbauer?

Er überlegt, sein Blick bleibt stehen. „Naja, der Fedor manchmal.“ Seinen Helfer Radmann dürfte das schmeicheln. Sich selbst nimmt Beckenbauer jede Kritik heraus. So hat er einst Bayern-Trainer nach erfolgreichen Jahren öffentlich demontiert, so hat er zuletzt Jürgen Klinsmann via „Bild“ und ZDF an seine Grenzen als Bundestrainer erinnert. Dabei spricht er oft nur aus, was viele denken. Aber er sagt es als Erster und in voller medialer Lautstärke. Da kann es mal Verletzte geben.

Er ist gefährlich geworden – selbst für Joseph S. Blatter. Mit Neid betrachtet der Präsident des Weltverbandes Fifa die Popularität des Deutschen. „Wenn der Franz etwas sagt, ist das Evangelium“, gesteht Blatter. „Wenn ich etwas sage, werde ich wie ein Apostel angeschaut.“ Darum darf Beckenbauer heute nicht reden zum WM-Auftakt in seiner Geburtsstadt. Bis an die persönliche Schmerzgrenze trieb Blatter, der das Turnier nach Südafrika statt nach Deutschland vergeben wollte, den unausgesprochenen Zweikampf. Mehrfach kritisierte die Fifa den Ticketverkauf der deutschen Organisatoren, den sie selbst mitbeschlossen hatte. Dann sagte Blatter die Eröffnungsgala in Berlin ab, die sich Beckenbauer mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder und dem österreichischen Künstler André Heller ausgedacht hatte. Beckenbauer schwieg zu der Entscheidung. Zwei Tage zuvor war seine Mutter gestorben.

Sportpolitik ist kein Spaß, das weiß er. Doch er federt weiter von Tagung zu Tagung, und wenn jemand eine kritische Frage stellt, macht er einen Witz. Dabei entgeht ihm nie, wenn es ernst wird. Zum Beispiel, als ihn DFB-Präsident Theo Zwanziger zum künftigen Chef des europäischen Fußballverbandes Uefa ausrief. Schnell stellte sich heraus, dass Zwanziger so seinen Konkurrenten an der DFB-Spitze Gerhard Mayer-Vorfelder aus den internationalen Gremien drängen wollte. Und der bisherige Uefa-Präsident Lennart Johansson unterstützte Beckenbauer, weil er seinen Rivalen Michel Platini als Nachfolger verhindern möchte. Beckenbauer gab seine Antwort auf die Spielchen: Dem Uefa-Kongress in Budapest im März blieb er fern. Beim Fifa-Kongress in München rätselten die Funktionäre bis gestern über seine Zukunft. „Ich weiß nicht, was er macht“, sagte Platini. „Franz redet ja nicht darüber.“ Sein Schweigen passt vielen nicht ins Konzept.

Schon als Fußballer hat er seinen Willen durchgesetzt. Als Libero öffnete er das Spiel aus der Abwehr heraus. „Immer wenn er von hinten kam, mussten wir vorne Platz machen“, erinnert sich Günter Netzer. Und die Spieler taten es, sie erkannten die Eleganz an, mit der er den Ball behandelte, während er mit erhobenem Kopf das Feld bestellte. Sie akzeptierten sogar seine Härte. Rainhard Libuda, dem Publikumsliebling des FC Schalke 04, zog der Münchner Regisseur im Pokalfinale 1969 an der Hose, um ihn aufzuhalten. Fortan war Beckenbauer der Buhmann – bis zu jener Szene, die der Tagesspiegel damals so beschrieb: „Statt sich schuldbewusst zu ducken, nahm Franz den Ball genau in jener Ecke, wo das Geschrei am vernichtendsten klang, und jonglierte ihn von einem Fuß zum anderen, auf den Kopf und wieder auf den Fuß. Beckenbauer führte seine Privatvorstellung etwa 40 Sekunden lang fort und schob dann den Ball zur Seite wie einen leeren Suppenteller. Schalker und Bayern und 64 000 Zuschauer starrten wie gelähmt auf Beckenbauer. Er demütigte den Gegner und dessen Anhänger, hielt Zwiesprache mit dem Volk, selbstbewusst, herausfordernd und vernichtend zugleich.“ Es ist diese Unnahbarkeit, die Beckenbauers Aura nährt und andererseits sein Wille, einer zum Anfassen zu bleiben. Ein Widerspruch, vielleicht einer, der seine Faszination ausmacht. Wenn man Innen- und Sportminister Wolfgang Schäuble nach Beckenbauer fragt, hebt er die Stimme und schwärmt: „Nach dem WM-Gewinn 1990 als Trainer ist er allein durchs Stadion gelaufen, in sich gekehrt mit den Händen in den Taschen. Und dann das Gegenteil im Aktuellen Sportstudio, da hat er den Ball von einem Weißbierglas auf die Torwand geschossen. Und der war drin, verstehen Sie?“ Schäuble schüttelt den Kopf. „Wenn es Götter gibt, ist er einer, der von Gott begünstigt wird.“

Wie kaum einer versteht es Beckenbauer, seine bescheidene Art als Stilmittel einzusetzen. Bei der WM 1990 wütete er nach dem durch einen Elfmeter gewonnenen Viertelfinale gegen Tschechien in der Kabine. „Er trat gegen Eiskübel und beschimpfte die Spieler“, erinnert sich Wolfgang Niersbach, damals Pressechef des Teams. „Fünf Minuten später stand er im Fernsehstudio und sagte, er wolle der Mannschaft ein Kompliment machen.“

So wechselt er die Rollen, manchmal von Minute zu Minute. Wer kann noch sagen, für welche Handyfirma, welches Weißbier, welche Bank er gerade wirbt? Doch auch wenn er ständig seine Werbepartner wechselt, alten Geschäftsfreunden bleibt er treu. Natürlich Adidas. Oder der „Bild“-Zeitung: Sie veröffentlicht auffällig häufig Kolumnen unter seinem Namen, sie hat auffällig selten über die Probleme beim Ticketverkauf berichtet. Beckenbauer war schon als Profi ein Mannschaftsspieler, der Loyalität verlangte und dafür andere an seinem Erfolg teilhaben ließ. So funktioniert er heute noch.

Das Phänomen Beckenbauer zu erklären, fällt selbst vielen schwer, die ihn seit Jahrzehnten kennen. Jeder, der es versucht, spricht von Freundlichkeit, Fleiß, Bescheidenheit, auch Glück. Aber das Geheimnis hinter den öffentlichen Geheimnissen bleibt verborgen. Was ist in ihm vorgegangen, als er 1990 in Rom allein über den Rasen lief? Das weiß niemand. „In einigen Momenten kann ich ihm nicht hundertprozentig in seinen Kopf schauen, er kann manchmal sehr verschlossen sein“, sagt Heidi Burmester, die er nach der WM heiraten möchte. Es wäre seine dritte Hochzeit.

Hat er noch seinen Spaß? Begleiter sagen, dass er glücklich sei, wenn er schweigend dem Ball nachschaue bei einem spannenden Spiel. Und manchmal flackern Momente auf, in denen Franz Beckenbauer zu sich selbst zurückzukehren scheint. Wenn er einem Berliner erklärt, wie man eine Weißwurst isst. Wenn er mit Freude seine Handymelodie mitsummt, die das Lied spielt, mit dem er 1966 die Charts stürmte: „Gute Freunde kann niemand trennen.“ Damals hat er auch für seine erste Werbung „Knorr“-Suppe vor seiner Schrankwand gelöffelt. „Heute wird man für einen Spot um die halbe Welt geflogen, da warten 40 Kameraleute auf dich“, wundert er sich. Plötzlich klingt er wie ein staunendes Kind, das den Rummel um sich nicht versteht. Aber etwas ändern? Nein, weitermachen, abhaken und vergessen.

Vielleicht wird es Franz Beckenbauer nach seiner Fußball-Weltmeisterschaft in die Regierung der Fifa verschlagen, das Exekutivkomitee. Hier hätte er nur wenige Sitzungen pro Jahr zu bestreiten, er dürfte seinen Werbepartnern treu bleiben und zwischendurch mit seinen Kindern Fußball spielen. Er könnte heruntersteigen vom Gipfel. Schön langsam, denn es sind mehr als die vier Treppen von Giesing.

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