Zeitung Heute : Das Glück hat eine Gänsehaut

Wie ein polnisches Dorf die Armut bekämpft

Thomas Roser[Rodaki]

Schon wenn sie seine Stimme hören, watscheln sie hinter ihm her. „Wie an der Schnur gezogen“, sagt Jan Mokila. Vor zwei Jahren hatten er und seine Frau Kazimiera von der Gemeinde die ersten zehn Küken bekommen. Jetzt sind es schon 40 Gänse.

In den 50er und 60er Jahren ist das Halten von Gänsen hier im südpolnischen Dorf Rodaki völlig üblich gewesen, erinnert sich Gemeindevorsteherin Halina Lado. Doch als immer mehr Bewohner in den Betrieben der Umgebung, dem Ziegelwerk, der Papiermühle, der Glashütte oder den Bergwerken des nahen oberschlesischen Kohlereviers Beschäftigung fanden, verschwanden die Gänse nach und nach aus dem Dorf. In den Jahren nach der Wende von 1989 aber mussten viele Betriebe ihre Pforten schließen. Auch in Rodaki ist die Arbeitslosigkeit seitdem auf 20 Prozent geschnellt, Armut hielt in der Region Einzug.

Da hatte Lukas, der Sohn der Gemeindevorsteherin, eine Idee. Im Frühjahr 2001 kaufte der Agrartechniker sieben Gänseküken zum Preis von jeweils sieben Zloty (1,30 Euro). Bis zum Herbst wurden daraus sieben stattliche Gänse mit einem Gewicht von jeweils sechs Kilogramm. Mit einer Anfangsinvestition von nur 49 Zloty erzielte er einen Ertrag von rund 900 Zloty (180 Euro).

Diese Rechnung ließ Gemeindevorsteherin Halina Lado nicht los. Als die Warschauer Stiftung für Landentwicklung 2002 einen Wettbewerb zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ausschrieb, setzte sich die 60-jährige Beamtin an den Schreibtisch und arbeitete einen Projektvorschlag aus, der die glanzvolle Heimkehr des verschwundenen Federviehs vorbereitete. Bei der Jury fand der Vorschlag Gefallen: Die Stiftung gewährte Geld für den Ankauf von 500 Gänseküken und Schulungsmaterial für die Dorfbewohner. 50 der rund 250 Haushalte des Dorfes erhielten dank der Anschubhilfe jeweils zehn Küken zur Aufzucht.

Früher habe er im nahen Kattowitz auf dem Bau gearbeitet, berichtet in seinem Garten Szepan Oczowski. Als seine Firma bankrott ging, wurde er in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet. Gerade einmal 700 Zloty (140 Euro) beträgt die monatliche Frührente, mit der er, seine Frau und seine drei Töchter über die Runden kommen müssen. Die zehn ihm zugeteilten Gänse seien für seine Familie zumindest eine „kleine Hilfe“, sagt er. „Wir ziehen sie auf, töten sie, frieren sie ein – und essen sie.“ Die Daunen verkaufe er nicht, sondern mache aus ihnen Winterjacken für die Töchter.

Innerhalb von zwei Jahren habe sich das vergessene Dorf in ein „Märchen“ verwandelt, staunt das Warschauer Wochenblatt „Kulisy“. Der Erfolg des Projekts hat auch außerhalb der Landesgrenzen für Aufsehen gesorgt. 2003 zeichnete die Weltentwicklungsorganisation UNDP das Dorf mit einem Preis und Geld für den Ankauf von 300 weiteren Gänseküken aus. Bei einem EU-Wettbewerb hat das Gänseprojekt in diesem Jahr den ersten Preis der Wojwodschaft Kleinpolen gewonnen und sich damit für die Endausscheidung im Herbst in Wien qualifiziert. Bislang, sagt Halina Lado, könne die Gänsezucht für Rodaki natürlich nicht viel mehr als ein Zubrot sein, aber, wer weiß, vielleicht geht das hier alles ja noch weiter: „Es wäre unser Traum, einen Investor zu finden, der hier eine Fabrik zur Daunenverarbeitung ansiedelt.“

Nicht nur die materielle Lage, sondern auch die Stimmung im Dorf hat sich mit der Rückkehr der Gänse spürbar gebessert. Die Auszeichnungen und Heerscharen von Journalisten und Politikern, die das Gänsewunder von Rodaki selbst in Augenschein nehmen wollen, haben das Selbstwertgefühl der Dorfbewohner aufgemöbelt. Eine Gans prangt nun als Signet im Dorfstempel, der Kirchenorganist hat eigens eine Gänsehymne komponiert. Und im August gibt es das Gänsefest. Kinder ziehen durch die Straßen, in prunkvoll geschmückten Leiterwagen thronen die Gänse als Hauptfiguren. Mit den Gänsen sei durch das Dorf ein Ruck gegangen, erzählt die pensionierte Buchhalterin Walentyna Kardynal. Ganz Europa müsse vom Wunder von Rodaki erfahren.

Die Liebe zur Gans stürzt manchen Halter zur herbstlichen Schlachtzeit indes in Nöte. Die Gänse seien einfach „sehr freundliche Geschöpfe“, seufzt Kazimiera Mokila. „Wenn mein Sohn sie schlachtet, fahre ich immer weg.“

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