Zeitung Heute : Das Glück kommt auf Flügeln aus dem Norden zur Halbinsel Fischland-Darß-Zingst

Hanne Bahra

Im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft verlängern die gen Süden ziehenden Kraniche als Touristenattraktion die SaisonHanne Bahra

"Wenn ein Kranich fliegt, schlägt auch die einfachste Fliege mit den Flügeln." Der junge Mann mit den ausgefransten Rangerhosen murmelt ergriffen das alte japanische Sprichwort in die kleine Runde von Hobby-Ornithologen, die atemlos den keilförmigen Anflug hunderter Kraniche verfolgt. Stundenlang haben die Männer und Frauen, die zu einer sich vermehrenden Spezies von Touristen hier im Norden gehören, auf einer Landzunge zwischen Spyker See und Mittelsee auf dem Rügenschen Jasmund gewartet. Eingemummelt in tarnfarbene, wetterfeste Kleidung - Fotoapparat und Fernglas (Kenner benutzen den lichtstarken Typ 10x50) im Anschlag. Bevor der Kranich kommt, kündigt er sich durch lautes Trompeten an, das dank seiner 1,30 Meter langen Luftröhre, kilometerweit zu hören ist.

Als schließlich die erste mutige Vorhut auf Spähflug über den See gleitet, ist die Spannung groß: Werden sie zum Sinkflug ansetzen und damit den anderen das Zeichen zum Landen geben? Schon neigt sich der Leitvogel zur Seite, ein untrügliches Zeichen für einen beginnenden Landungsversuch, dann aber stößt er seinen warnenden Doppelruf aus - und schwebt davon. Ein Angler im Schilf droht den Vogelliebhabern den Abend zu verderben. Wieder heißt es warten. Langsam aber unaufhaltsam setzt die Dämmerung ein. Viel Zeit bleibt nicht, um den archaischen Vogel noch bei gutem Licht und damit in voller Schönheit zu sehen, geschweigen denn, ein vernünftiges Foto schießen zu können. Da endlich ertönt er wieder, der Ruf der Wildnis, und ein paar Hundert Kraniche fliegen ein. Immer mehr Schwärme gleiten durch das Abendrot, stehen für einen Moment am Himmel wie eine japanische Tuschzeichnung und lassen sich auf ihren Schlafplätzen im Flachen nieder. Der Anblick der großen silbrigen Vögel lässt die Herzen der geduldigen Beobachter höher schlagen.

Kaum ein anderes Tier hat den Menschen über die Jahrhunderte so inspiriert wie der Kranich. Auf allen Kontinenten ranken sich Mythen um diesen Vogel. In Indien wird er neben Shiva und Krishna als einer der Hauptgötter verehrt; in China gilt er als göttlicher Bote des Himmels und nicht nur in Japan steht er für ein langes glückliches Leben.

Auch in Mecklenburg-Vorpommern sieht man ihn inzwischen als Glücksfall an. Eigentlich wäre die Saison hier oben schon längst zu Ende. Wer noch vor Jahren im Oktober an die Ostsee fuhr, gehörte zu jenen wetterfesten Charakteren, die erst so richtig ausspannen können, wenn die Herbststürme wieder Gischt und Regen ins Gesicht peitschen, die Duftmarken von Sonnenmilch und After Sun verflogen sind und man das Meer wieder unverfälscht riechen kann - ein wenig brackig, fischig, salzig. Sie kamen nur um der rauhen Natur willen. Seit einiger Zeit aber sorgt der Kranich für einen über die Saison hinaus schwappenden Besucherstrom, vielmehr für eine zweite Reisewelle.

"Zu DDR-Zeiten kamen zwar einige Busse mit Kranichbesuchern aus der Schweiz und aus Österreich, aber aus dem eigenen Land beachteten nur wenige die Kraniche. Man kam ja auch an viele Stellen, wie das ehemaligen Grenzgebiet Pramort, nicht heran", sagt Gert Graumann vom Nationalparkamt, der damals schon als "ehrenamtlicher Naturschutzhelfer" arbeitete. Außerdem habe natürlich die Schaffung der Nationalparks das Bewusstsein für die Besonderheiten dieser Region geschärft. Inzwischen hat sich herumgesprochen: Bis zu 60 000 Kraniche legen auf ihrer langen Reise von Skandinavien in ihre südlichen Überwinterunggebiete, vor allem im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft, eine Verschnaufpause ein. Allein im Oktober durchziehen 40 000 Vögel Mitteleuropas größtes Rastgebiet.

Bevor sie Nonstop auf eine bis zu 2000 Kilometer lange Reise gehen, fressen sie sich auf den mecklenburg-vorpommerschen Feldern mit etwa 250 Körnern pro Tag Energiereserven an. Pünktlich bei Sonnenaufgang ziehen Zigtausende von ihnen zur Nahrungssuche auf die Felder bei Hohendorf, 15 Kilometer nordwestlich von Stralsund, oder zum kleinen Dorf Bresewitz, auf dem Festland dicht an der Vogelschutzinsel Großer Kirr. In der Dämmerung kehren sie zum Schlafen zurück ins knietiefe Wasser der Kirr, des Windwatts am Bock vor der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst und der Udarser Wiek vor der Rügeninsel Ummanz.

Wenn das ganz spezifische Trompeten der Vögel die Herbstluft im "Rügen-Bock-Kirr-Region" genannten Gebiet erzittern lässt, strömen die Kranichtouristen vor allem zum Aussichtspunkt am Boddendeich südlich von Zingst. Dieser Platz ist bequem zu erreichen und bis Ende Oktober steht jeden Tag pünktlich um 16 Uhr ein Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung für Auskünfte bereit. Kaum ein Zingster Bootsbesitzer, der sich in diesen Tagen nicht für abendliche Touren auf dem Barther Bodden rund um den Kirr anbietet. Schaulustige aller Altersgruppen radeln auch neun Kilometer durch die Sundische Wiese östlich von Zingst bis zum Deich nach Pramort, am Ende der Halbinsel, um das Naturschauspiel erleben zu können. Wer hier durch das Spektiv guckt, dem stockt der Atem nicht nur angesichts der absonderlichen Schönheit der Vögel, manchmal sitzt auch ein mächtiger Seeadler im Visir.

Tagsüber lassen sich oftmals hunderte Kraniche auf dem Festland am Utkiek bei Hohendorf blicken. Eine der nahen "Ablenkfütterungsflächen" ist - fast - Garantie für ihre Anwesenheit. 17 solcher Flächen hat man in dieser Region eingerichtet, um dem Ärger der Landwirte vorzubeugen. Diese sahen in dem silbrigen Glücksbringer nämlich jahrelang eher einen Pechvogel, der ihnen reichlich Ärger bescherte. Mit Rundumleuchten, Fanfaren, Feuerwerkskörpern und als lebendige Vogelscheuchen zu Pferde hatten sie immer wieder versucht, den hungrigen Vogel zu vertreiben. Ausgefeilte Erntetechnik hinterließ auf den Stoppelbrachen Jahr für Jahr weniger Verwertbares für den Kranich, so dass der sich entsprechend an die Neusaat hielt, um sich für den langen Flug nach Süden zu stärken. Das Land zahlte Ausgleichsgelder bis es 1997 das Staatliche Amt für Umwelt und Natur Stralsund beauftragte, neue Methoden zur Schadensverhinderung zu entwickeln. Jetzt heißt die Devise: lieber relativ preisgünstig vorbeugen, als teuer entschädigen.

Vom kommenden Jahr an werden zwei Millionen Mark, zwei Drittel davon sind Mittel der Europäischen Union, für die Einrichtung von "Ablenkfutterplätzen" zur Verfügung gestellt. Landwirte der betroffenen Regionen geben Flächen vornehmlich für den Anbau von Mais frei und erhalten dafür pro Hektar 400 bis 700 Mark. Rund 350 Hektar solcher Flächen dienen bereits ausschließlich der Fütterung der Kraniche, aber auch die fast 80 000 Gänse und tausende Schwäne versucht man mit solchen Futterstellen von den Feldern zu locken. In Sichtweite des Hohendorfer "Ablenkfutterplatzes" hat der Verein zum Schutz und Erhalt des Kranichrastplatzes Rügen-Bock-Region mit Fördermitteln des Landes eine alte Lagerhalle so umgebaut, dass sie eine den Beobachter gut tarnende "Neugierde" bietet.

"Wir wollen die Touristen vom Acker holen", beschreibt die Vorsitzende Erna Rütting ihre Intention. Sie fürchtet, der sensible Vogel würde zu sehr vom Menschen gestört werden. Viele versuchen, dem Kranich über die Felder zu folgen. Doch wer ihm hinterherläuft, wird ihn nur verscheuchen. Der Kranich ist scheu; hat, wie die Lappländer sagen, "auf jeder Feder ein Auge". Wer das Glück hat, am Rand der Chaussee zwischen Hohendorf und Bisdorf eine Zwischenlandung der Kraniche zu erleben, sollte nach Möglichkeit im Auto bleiben. Während die Fluchtdistanz zum Menschen 300 Meter beträgt, kommt man auf diese Weise bis auf 100 Meter heran.

"Der Kranich entwickelt Eigenschaften, die sich touristisch nicht so einfach einordnen lassen", meint auch Reisbegleiter Klaus Boy. Bevor man sich auf Pirsch begibt, empfiehlt er, sich beim Nationalparkamt in Born (03 82 34 / 50 20) oder in den Informationsstellen in Groß Mohrdorf und in Waase auf der Insel Ummanz zu erkundigen. Hier weiß man stets, wo gerade die beste Aussicht auf mehr als nur zwei, drei Vögel besteht. "Im Kranich-Informationszenztrum Groß Mohrdorf können Sie außerdem Bereiche kennenlernen, die Sie in der Natur nicht erleben", sagt der Ornithologe Günter Nowald mit Blick auf das Kranichnest in der Vitrine. Der junge Biologe folgte dem Ruf der Wildnis vom Ruhrgebiet in den Norden und leitet seit 1996 die nur wenige hundert Meter vom Hohendorfer Utkiek entfernte Station. Sie wird übrigens von der Fluggesellschaft mit dem Kranich im Logo gesponsert. Nowald ist einer der Akteure der "Woche des Kranichs", die erstmals in diesem Herbst versuchte, mit Naturschützern, Tourismusfachleuten und mit Landwirten ein Netzwerk zum Schutz des Kranichs zu knüpfen. "Von diesem faszinierenden Vogel profitieren doch alle hier", sagt Nowald.

Ein Glücksvogel ist der Kranich auf jeden Fall für den Landwirt Holger Kliewe, der seinen Bauernhof mit drei Ferienwohnungen und einer Sauna ausgebaut hat. Die komfortablen Unterkünfte am Bodden befinden sich genau gegenüber der kleinen Insel Ummanz, deren schilfgedeckter Aussichtsturm am nordöstlichen Zipfel in Tankow viel zu klein ist für den Besucherandrang, der hier derzeit allabendlich zu verzeichnen ist. "Hier können Sie tausende Wildgänse und Kraniche direkt vom Fenster aus beobachten", wirbt der schlaue Bauer erfolgreich für seinen Hof. Dank der Vögel sind die Betten so auch noch im Oktober zu 90 Prozent ausgebucht. Und das in einer Region, in der normalerweise so wenig los ist, dass jeder Sonnenuntergang im Kulturkalender steht.

Für Bauer Kliewe ist die Saison erst mit dem Abzug der Kraniche zu Ende. Dann wird es wieder ruhig am Bodden. Bis zum Frühjahr, wenn die ersten warmen Sonnenstrahlen die Besucher wieder an die See ziehen. Um die Sommersaison macht man sich hier oben ohnehin wenig Sorgen, selbst wenn das Wetter nicht so ist wie in der zurückliegenden Saison. Und zum Herbst darf man wieder auf die silbrigen Helfer zählen. Denn die kommen bestimmt. In diesen Tagen rasten noch etwa 30 000 Vögel im Nationalpark.

Tipps für die Kranichbeobachtung

Beobachtungsstellen: Kranich-Utkiek Hohendorf, im Oktober täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Telefon: 03 83 23 / 448 oder 03 83 23 / 814 42.

Das Info-Zentrum Sundische Wiesen, geöffnet donnerstags bis sonntags zwischen 11 und 16 Uhr, liegt auf dem Weg nach Pramort, dort, wo das Auto mit dem Fahrrad getauscht werden muss (Radverleih).

Ausstellung: Nationalparkamt in Waase auf Ummanz, Alte Küsterei (gleich neben der Kirche), Montag bis Freitag von 10 bis 16 Uhr 30; an Wochenenden von 11 bis 15 Uhr. Anfragen auch an Ummanz-Information, Neue Straße 63, 18569 Insel Ummanz; Telefon: 03 83 05 / 81 35.

Unterkunft: Bauernhof Kliewe, Mursewiek 1, 18569 Ummanz; Telefonnummer: 03 83 05 / 81 30; mit Streichelgehege. Die Ferienwohnungen für vier Personen kosten zwischen 80 und 110 Mark pro Tag.

Schlosspark-Hotel, 18455 Hohendorf; Telefonnummer: 03 83 23 / 806 38. Auch in dieser etwas teureren Variante, einem fein restaurierten klassistischem Schloss, weckt am Morgen der Kranichruf. Preise pro Zimmer zwischen 145 und 225 Mark ohne Frühstück.

Hotel Meerlust, Seestraße 68, 18374 Zingst; Telefon: 03 82 32 / 88 50. Komfortabler Neubau direkt hinter den Dünen, dazwischen liegt allerdings eine Straße. Das erste Wellnesshotel der Ostseeküste bietet vor allem mit Schwimmbad und Sauna Schlechtwetter-Alternativen. Doppelzimmer "Kranichflug" 140 Mark, Steigerungsmöglichkeiten bis 220 Mark. An der 99-Mark-pro-Doppelzimmer-Aktion in Mecklenburg-Vorpommern beteiligt sich die Pension "Meeresrauschen", Seestraße 3 18374 Zingst; Telefon: 03 82 32 / 13 01. Das Haus liegt dicht am Strand.

Den Katalog der an der Aktion beteiligten Hotels gibt es beim Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern, Platz der Freundschaft 1, 18059 Rostock; Telefon: 03 81 / 500 02 23, Fax: 03 81 / 403 05 55.

Auskunft: Kranich-Informationszentrum, Lindenstraße 27, 18445 Groß Mohrdorf; Telefon: 03 83 23 / 805 40. Im Oktober geöffnet von montags bis sonntags zwischen 9 Uhr 30 und 17 Uhr 30, im November dienstags bis sonntags zwischen 10 Uhr und 16 Uhr 30.

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