Zeitung Heute : Das Grab im Müllberg

„Da liegt die Asche meiner Tochter“, sagt Tom Meehan und deutet auf eine Müllkippe. Es ist das Gelände, auf dem gelagert wurde, was nach dem 11. September vom World Trade Center übrig war: Schutt, Stahl, Asche – und Leichenteile

Anna Kemper[New York]

Die Hitze liegt an diesem Sonntag drückend über den Häusern der Kleinstadt Carteret in New Jersey, und in den Vorgärten hängen die amerikanischen Flaggen bewegungslos in der feuchtwarmen Luft. Tom und JoAnn Meehan sind gerade aus der Kirche gekommen. Seit über 30 Jahren lebt das Ehepaar in der Industriestadt zwischen dem Flughafen Newark und der Autobahn nach New York. Hier haben sie geheiratet und ihre beiden Kinder groß gezogen, hier fährt Tom Meehan täglich von Schule zu Schule, um Computer zu reparieren. Und hier waren sie auch am 11.September 2001, als die Türme des World Trade Centers in sich zusammenfielen und ihre 26-jährige Tochter Colleen starb.

Colleen Ann Meehan Barkow arbeitete als Projektmanagerin für die Brokerfirma „Cantor Fitzgerald“ im 103. Stock des Südturms. Wenn Tom Meehan von der quälenden Ungewissheit in den Tagen nach dem 11. September spricht, nimmt er seine Brille ab, und seine von Fältchen umkränzten Augen unter den ergrauten Brauen weichen den Blicken aus. Er greift nach einem Foto auf dem Kaminsims hinter dem geblümten Wohnzimmersessel. Eine schmale junge Frau mit langen braunen Locken strahlt in ihrem weißen Hochzeitskleid aus dem Rahmen. „Das ist Colleen am Tag ihrer Hochzeit“, sagt er, „genau ein Jahr später wussten wir, dass sie zu den Opfern gehörte.“

An jeder Wand im Wohnzimmer der Meehans hängen Fotos von Colleen. Manchmal wird hier das Gefühl der Trauer so stark, dass Tom und JoAnn die Nähe ihrer Tochter körperlich spüren möchten. Dann gehen sie nicht auf den örtlichen Friedhof, sondern stehen auf dem wenige hundert Meter von ihrem Haus gelegenen Pier, der in den kleinen Fluss Arthur Kill hineinragt. „Dort liegt die Asche unserer Tochter“, JoAnn zeigt auf einen grünen Hügel am anderen Ufer, „und die Asche von über tausend weiteren Opfern, deren Körper nicht gefunden wurden. Auf einer Müllhalde.“

Der Hügel gehört zu der Deponie „Fresh Kills“ im New Yorker Stadtteil Staten Island. Im März 2001 lud dort der letzte Müllwagen seine Fracht ab. Der damalige republikanische Bürgermeister Giuliani hatte nach jahrzehntelangem Drängen der Bewohner Staten Islands die größte Müllkippe der Welt geschlossen und die Umwandlung in einen Park angekündigt. Doch wenige Stunden nach dem Anschlag auf das World Trade Center öffnete die Deponie im September 2001 noch einmal ihre Tore. 1,6 Millionen Tonnen Schutt und Asche, Stahlteile und beschädigte Feuerwehrautos wurden mit Schiffen und Lastwagen von Ground Zero nach „Fresh Kills“ transportiert. Dort suchten Polizei und FBI nach Hinweisen auf die Identität der Opfer, nach Dokumenten, persönlichen Gegenständen – und nach Leichenteilen.

Von ihrem Haus, nur ein paar hundert Meter von „Fresh Kills“ entfernt, hörten Tom und JoAnn, wie die Lastwagen rund um die Uhr den Schutt abluden, genau wie sie früher der Lärm der Müllwagen begleitete. Sie rechneten fest damit, dass die Stadt die Reste der Zwillingstürme nach dem Ende der Aufräumarbeiten wieder abtransportieren würde. Doch als Polizei und FBI im Juli 2002 ihre schreckliche Suche beendeten, blieb auf „Fresh Kills“ ein Hügel zurück, auf dem das Gras zu wachsen begann.

„Für uns war das ein Schock“, erzählt Tom, und gemeinsam mit anderen Familien gründete er die Gruppe „World Trade Center Families for Proper Burial“. „Die meisten New Yorker wissen gar nicht, dass die Trümmer auf einer Müllhalde liegen“, sagt der 61-Jährige. Mittlerweile hat die Gruppe schon über 45000 Unterschriften für ihr Anliegen gesammelt – allerdings bisher ohne Erfolg. Tom und JoAnn mussten zusehen, wie der Hügel langsam mit Erde bedeckt wurde, eine Vorbereitung für die Kunststoff- und Erdschichten, die künftig den Müll von der darüber liegenden Parklandschaft isolieren sollen.

Bereits jetzt ist der größte Teil von „Fresh Kills“ eine grüne Landschaft, durchzogen von kleinen Flüssen, deren altholländischer Name „Kills“ dem Gelände einst den Namen gab. Nur die Rohre, die aus den Wiesen ragen und das Methangas aus den tiefer gelegenen Müllschichten ableiten, erinnern an die Vergangenheit, als hier der gesamte Hausmüll New Yorks abgeladen wurde. Doch die Umwandlung einer Mülldeponie in einen Park ist ein langer Prozess, und bis die Hügel von „Fresh Kills“ so schön aussehen wie auf der Bildschirmpräsentation von Landschaftsarchitektin Ellen Neises werden Jahrzehnte verstreichen. „Erst wenn das letzte Methangas verpufft ist, wird das Gelände vollständig zugänglich sein“, sagt Neises. Das kann an manchen Stellen bis zu 30 Jahre dauern, „andere können bereits in ungefähr fünf Jahren geöffnet werden“. Neises und ihre Kollegen von der New Yorker Firma „Field Operations“ arbeiten seit über einem Jahr an der Entwicklung eines Plans für den Park, der fast dreimal so groß sein wird wie der Central Park in Manhattan.

Für die Katastrophe vom 11.September soll es an zwei Stellen im Park Gedenkstätten geben. Um an die Untersuchung der Trümmer in den Monaten nach dem Terrorangriff zu erinnern, haben die Designer von „Field Operations“ ein Monument aus Erde entworfen: An zwei lang gezogenen Hügeln in der Breite und Länge des World Trade Centers sollen die Parkbesucher entlanglaufen können. „Am Ende des Wegs, vom höchsten Punkt der Hügel aus, hat man dann einen freien Blick auf die Skyline Manhattans“, erklärt Ellen Neises. Einen konkreten Plan für eine Würdigung der Opfer an der Stelle, wo der Schutt der Türme liegt, gibt es noch nicht.

Doch es ist beschlossene Sache, dass ein Teil des riesigen Parks über den Trümmern des World Trade Centers gebaut werden soll. „Natürlich respektieren wir die Gefühle der Familien“, sagt Jordan Barowitz, Sprecher des New Yorker Bürgermeisters Michael Bloomberg, „aber es ist logistisch einfach unmöglich, das Material von ,Fresh Kills’ wegzubringen.“ Auch Unternehmensberaterin Candace Damon, die von der Stadt für die Finanzplanung und die Öffentlichkeitsarbeit des Parkprojekts engagiert wurde, macht Familien wie den Meehans wenig Hoffnung: „Wir reden hier von einem Berg von Schutt, der bei der Grundfläche eines der beiden Türme 20 Stockwerke hoch wäre“, sagt sie, „ganz abgesehen von den Kosten – es gibt in New York einfach keinen anderen Platz, wo so eine große Menge Material gelagert werden könnte.“

Candace Damon organisiert für die Stadt öffentliche Treffen, auf denen die Landschaftsarchitekten und Vertreter der Stadt die Pläne für den Park mit der Bevölkerung diskutieren. Beim nächsten Treffen Mitte August wird es um die Frage gehen, wie der Opfer des 11. September in dem neuen Park gedacht werden soll – aber nicht, ob „Fresh Kills“ überhaupt der angemessene Ort für eine Gedenkstätte ist.

Die „World Trade Center Families for Proper Burial“ werden trotzdem weiter versuchen, ihr Anliegen durchzusetzen. „In Pennsylvania und in Washington wurden nach den Anschlägen der Schutt und die nicht identifizierbaren menschlichen Überreste nicht auf einer Deponie entsorgt“, sagt JoAnn Meehan, „dort gibt es Sammelgräber, die die Familien jederzeit besuchen können.“ Wenn die 59-Jährige und ihr Mann dagegen nach „Fresh Kills“ fahren wollen, müssen sie mit der Stadt Tage vorher einen Termin absprechen. Dann erst können sie in Begleitung eines Mitarbeiters der Entsorgungsbehörde den Hügel betreten.

„Dort oben ist der Schmerz am größten“, sagt Tom Meehan. Von dem Schuttberg kann man das kleine blaue Haus, in dem Colleen aufwuchs und die Meehans bis heute wohnen, gut sehen, „und immer dann wird mir klar, dass ich vielleicht noch jahrelang in unmittelbarer Nachbarschaft dieses unerträglichen Ortes mit seinem unerträglichen Namen leben muss, auf dem die Asche meiner Tochter ruht.“

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