Zeitung Heute : Das größte Klassenzimmer der Welt

Kanada setzt auf digitales Lernen

Paul Janositz

Beim Rettungsdienst will er später arbeiten, am liebsten als Fahrer. Zuvor muss er allerdings das College absolvieren, und dass ihm das mit guten Noten gelingen werde, da ist sich Stephen Gamble ziemlich sicher. Auf seine schulischen Leistungen ist der 14-Jährige aus Calgary, der Universitäts- und Wintersportstadt in der westkanadischen Provinz Alberta, sichtbar stolz. Und auch seine rotblonde Mutter mit dem schönen Namen Lorelei, die ihn zu diesem Treffen begleitet hat, strahlt.

Eltern, Mitschüler und Lehrer, die sich im Klassenzimmer angeregt unterhalten, sind real, die Schule allerdings, die der schmächtige Junge besucht, existiert nur im Computer. Organisiert wird der virtuelle Unterricht vom „Calgary Board of Education“, gebildet von Bürgern, die sich für ihre Schule und das Bildungssystem allgemein einsetzen. Dabei unterstützen sie staatliche Institutionen, die in Kommunen oder Provinzen für Bildungseinrichtungen verantwortlich sind. In Kanada sind Bildung und Kultur – ähnlich wie in Deutschland – föderal organisiert. Schulen und Universitäten sind somit Sache der einzelnen Provinzen oder Territorien.

E-Learning, wie es Stephen praktiziert, wird in Kanada groß geschrieben, was angesichts der Ausmaße des flächenmäßig zweitgrößten Landes der Welt nicht erstaunlich ist. Allein Alberta, die viertgrößte der zehn Provinzen, ist zweimal so groß wie die Bundesrepublik, doch leben hier nur etwas mehr als drei Millionen Menschen, zwei Drittel von ihnen in der Hauptstadt Edmonton und in Calgary. Der Rest verliert sich in Dörfern oder einzelnen Häusern, die oft viele Meilen auseinander liegen.

Auf diese Geografie haben Albertas Politiker reagiert. Um nicht weite Wege zur Schule auf sich nehmen zu müssen, dürfen die Kinder auch zu Hause lernen. Vom „Home-Learning“ profitieren auch Kinder – wie etwa Stephen –, die aus gesundheitlichen Gründen nicht in die öffentliche Schule gehen können. Auf Antrag kann der Nachwuchs zu Hause unterrichtet werden. Lehrer müssen nicht anwesend sein, Unterrichtsmaterial wird gestellt. Am Ende des Schuljahres sind die obligatorischen Prüfungen an den öffentlichen Schulen abzulegen.

In den virtuellen Schulen sind die Kinder über das Internet miteinander und mit den Lehrern verbunden. So können sie Informationen austauschen und interaktiv lernen. Die Eltern müssen darauf achten, dass die Kinder die Lernziele einhalten. Dabei werden sie von den Lehrern unterstützt, die bei Problemen wie nicht bestandenen Prüfungen auch Hausbesuche machen.

Auch das Fernsehen ist eingebunden, mit speziellen Programmen oder einem eigenen Kanal, wie es bei TV Ontario in Toronto der Fall ist. Um Videokonferenzen per Breitband in der ganzen Provinz übertragen zu können, setzt Albertas Bildungsminister Gene Zwozdesky auf den Ausbau der Kapazitäten. Rund vier Millionen Euro stellte er allein 2005 zur Verfügung, um Videoübertragungen für Schulen bis zur Abschlussklasse 12 aber auch für Kindergärten möglich zu machen. Dieses „Alberta Supernet“ soll nicht nur E-Learning den entscheidenden Schub geben, auch die Verwaltung der Schulen soll so effektiver werden.

„Durch die Globalisierung stehen wir mit der ganzen Welt in Konkurrenz“, sagte der Minister im Videogespräch mit einer Journalistengruppe. Albertas Wirtschaft blüht dank boomender Ölindustrie, es mangelt an qualifizierten Arbeitskräften. Die Provinz bemüht sich um gut ausgebildete Einwanderer, deren Kinder in der Schule etwa durch das Programm „English as a second language“ gefördert werden. Mit speziellen Tests werden Stärken und Schwächen jedes einzelnen Schülers festgestellt. Bei Bedarf gibt es zusätzlichen Unterricht, die Schüler bleiben jedoch im Klassenverband.

„Wenn man ein Weltklasse-Bildungssystem haben will, muss man auch bereit sein, zu investieren“, sagt Zwozdesky. So wendet er jährlich einen Etat von rund 2,5 Milliarden Euro auf. Mit dem Motto „für die Bildung klotzen und nicht kleckern“ ist Alberta wie auch Kanada insgesamt gut gefahren. Das dokumentieren die hervorragenden PISA-Ergebnisse. Bei diesem internationalen Vergleich von Schulleistungen belegte die Westprovinz in der Kategorie Lesefähigkeit Platz eins – noch vor Gesamtsieger Finnland.

Zu den guten Ergebnissen tragen Lern-Angebote im Internet bei. Auf speziellen Webseiten wird der Lehrstoff didaktisch aufbereitet dargeboten. Das 1993 von der kanadischen Industrie und Mitarbeitern der Telekombranche ins Leben gerufene Programm „Computer für Schulen“ sorgt für die nötige Ausstattung. Von Firmen, Behörden oder privaten Nutzern aussortierte Computer oder Drucker werden aufgearbeitet und an Schulen, Büchereien sowie registrierte, nicht kommerziell arbeitende Lern-Organisationen gegeben. Insgesamt 650 000 Computer wurden auf diese Weise landesweit verteilt, jährlich kommen derzeit 100 000 Geräte hinzu. Für Computer- und Internet-Nutzung werden kostenlose Lehrgänge angeboten.

Für den Anschluss von 16 500 Schulen und 3500 Bibliotheken ans Internet sorgte „SchoolNet“. Dieses Projekt fördert auch die Entwicklung von spezieller Lern-Software. Die Regierung investierte in den letzten drei Jahren mehr als 70 Millionen Euro in die Digitalisierung kultureller und archäologischer Schätze. Das Netzwerk „CA*Net4“ verbindet Universitäten, Schulen, Museen oder Regierungsstellen miteinander.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar