Zeitung Heute : Das große Brutto-Netto-Rätsel

Eine Gehaltsabrechnung richtig zu lesen, ist nicht leicht. Doch weil immer wieder Fehler vorkommen, kann sich die Mühe lohnen

Regina-C. Henkel

Deutschlands Lohnbuchhalter warten mit Spannung darauf, dass sich auf der Website www.bundesanzeiger.de etwas tut. Genauer gesagt, dass nach einem Mausklick auf den Quicklink „BGBl online“ die Nur-Lese-Version des Bundesgesetzblatts Nr. 60 auf ihrem Computerbildschirm erscheint. Das nämlich bedeutet für knapp 200 000 angestellte Buchhalter, etliche Tausend freiberufliche Steuer-Experten und vor allem Zigtausende IT-Spezialisten den Startschuss, die Ärmel ganz besonders hoch zu krempeln. Nachdem der Bundestag am vergangenen Freitag die Steuerreform zur Agenda 2010 verabschiedet hat, müssen jetzt die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass die Steuervergünstigungen auch tatsächlich bei den Arbeitnehmern ankommen.

Wie hoch die Steuerlast für den einzelnen Beschäftigten ausfällt, ist in Cent und Euro nachvollziehbar. Arbeitgeber drucken allmonatlich Lohn- und Gehaltsnachweise für ihre Mitarbeiter aus. Doch viele Arbeitnehmer interessieren sich nur für den Auszahlungsbetrag, der aufs Konto überwiesen wird.

Das ist verständlich, denn mit den vielen Abkürzungen, Ziffern und Einzelbuchstaben kann der Normalbürger nur selten etwas anfangen. So verlassen sich viele Arbeitnehmer darauf, dass die Lohnbuchhaltung schon weiß, was sie tut. Doch auch für Buchhaltungsprofis ist die Monatsabrechnung eine permanente Herausforderung.

Dass sich dabei menschliche, technische oder organisatorische Fehler einschleichen können, ist ein offenes Geheimnis. Thomas Kähler von der Datev GmbH in Nürnberg, deren Softwareprogramm die Abrechnungen von mehr als sieben Millionen Arbeitnehmern erledigt: „Die Lohnbuchhaltung kann trotz EDV-Unterstützung leicht zum Albtraum werden.“ Und zwar nicht nur für die Experten für Steuer- und Beitragsprozente.

„Lohnbuchhaltung ist das pralle Leben“, sagt Rechtsanwalt und Steuerprofi Thomas Müller. „Den Arbeitnehmer interessiert in der Regel natürlich nur, dass oben – bei den Bruttobezügen – möglichst ein hoher, in der Mitte – bei den Steuer- und Sozialversicherungsbeiträgen – ein möglichst niedriger und unten – beim Netto – demzufolge dann wieder ein möglichst hoher Betrag erscheint“, sagt der Berliner Rechtsanwalt.

Dabei können Abrechnungsfehler im Lohnbüro durchaus zu Lasten des Arbeitnehmers gehen: „Werden etwa Beitragssenkungen bei der Krankenkasse einzutragen vergessen, führt der Arbeitgeber zu hohe Beiträge ab, die dann bei der Kasse verschwinden und meistens auch dort bleiben. Krankenkassen machen kaum Plausibilitätsprüfungen.“ So lautet Müllers Rat: „Alles durchlesen und überprüfen. Vor allem bei Kleinbetrieben, bei denen die Abrechnungswerte nicht automatisch gepflegt werden.“ Zudem empfiehlt Müller: „Überwinden Sie Ihren inneren Schweinehund und geben Sie die Einkommenssteuererklärung ab. Zu viel gezahlte Lohnsteuer kann man sich so wiederholen.“

Gelegenheiten, dass sich kleine Fehler einschleichen, gibt es zu Hauf. Ständig ändert sich irgendeiner der vielen Parameter, aus denen sich der monatliche Auszahlungsbetrag an den Mitarbeiter zusammensetzt. Mal ist es die Höhe des Krankenkassenbeitragssatzes, mal gibt es Urlaubsgeld oder gar eine Gehaltserhöhung, mal läuft ein Arbeitgeberdarlehen aus, und mal hat der Rentenversicherungsträger eine Berechnungsgrundlage geändert. Oder aber der Arbeitnehmer hat erkannt, dass es sich auch für ihn lohnt, mit Vermögenswirksamen Leistungen (VWL) ein Sparguthaben aufzubauen.

Last but not least sorgt immer wieder auch das Bundesfinanzministerium (BMF) für Neuerungen. Etwa dieser Tage im Kontext der Steuerreform. Der parlamentarische Teil ist mit dem Bundestagsbeschluss erledigt, jetzt muss Bundespräsident Johannes Rau das Gesetz noch unterschreiben und zum 1. Januar 2004 in Kraft treten lassen.

Doch was ab Januar 2004 vom eigenen Gesamt-Brutto übrig bleibt, erfährt der Arbeitnehmer erst, wenn er die erste Lohn- oder Gehaltsabrechnung nach der Steuerentlastung vor Augen hat. „Das kann bis zum Februar dauern“, vermutet eine Sprecherin des Bundesanzeigers. Der simple Grund: Bevor die Buchhalter in den Betrieben, Steuerfachkanzleien und ausgelagerten Abrechnungsunternehmen die neuen Nettoeinkünfte der Arbeitnehmer ausrechnen können, müssen die Fachleute im Finanzministerium die so genannten Steuerformeln erarbeiten und dafür sorgen, dass sie im Bundesanzeiger amtlich verkündet werden. Der Kölner Fachverlag ist seit 1948 für die Publizierung aller gesetzlich vorgeschriebenen Bekanntmachungen und Gesetze der Bundesrepublik Deutschland verantwortlich. Und BMF-Sprecher Heyder-Rentsch ist zuversichtlich, dass sein Ministerium dem Verlag die Daten „noch vor Jahresfrist“ liefern kann.

Für die Buchhalter-Zunft und Zigtausend IT-Spezialisten, die die neuen Rechenformeln in Softwareprogramme übersetzen müssen, ist das kaum ein Trost. Für sie bedeutet der Bundestagsbeschluss vom vergangenen Freitag jede Menge Überstunden. Während es sich viele andere Berufsgruppen zwischen den Jahren eher gemütlich machen, müssen (auch) sie sich ins Zeug legen. Die Programmierer für die Buchhaltungssoftware müssen zum Beispiel neue Rundungswerte eingeben. „Das ist eklatant programmwichtig“, erklärt ein auf Steuersoftware spezialisierter IT-Fachmann. Seine Branche wartet ebenso sehnsüchtig auf das Bundesgesetzblatt Nr. 60 wie Buchhaltern, die nach wie vor mit gedruckten Vorlagen arbeiten – und nicht selten die Fehler ausbügeln, die fachlich unbeleckten Anwendern preiswerter Steuersoftware widerfahren ist. Professionelle Lohnbuchhaltung erfordert eben viel Wissen.

„Dabei passiert das meiste im Hintergrund“, sagt Katrin Knospe, Lohnbuchhalterin bei der Berliner Steuerberaterin Ute Zemann-Zipser. Lohnbuchhaltung erfordere „ständige Weiterbildung im umfangreichen Lohnsteuer- und Sozialversicherungsrecht“. Rechtsanwalt Müller unterstreicht diese Aussage. Seiner Erfahrung nach schaden sich allzu sparsame Unternehmer unter Umständen selbst, denn: „Verrechnet sich der Arbeitgeber zu Gunsten des Arbeitnehmers bei den Sozialabgaben, darf dieser unterlassene Abzug nur in den nächsten drei auf die fehlerhafte Abrechnung folgenden Gehaltszahlungen nachgeholt werden.“

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