Zeitung Heute : Das große Fressen

Essen global: Was Biomöhren und der Hunger in Afrika miteinander zu tun haben. Ein guter Film macht schlechte Laune.

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Von Ariane Bemmer Im Morgengrauen öffnet sich die Tür zur Hühnchenmasthalle in der Steiermark, Hände mit Handschuhen greifen in die verschlafene Vogelmenge. In garderobenhakenähnliche Schlaufen werden sie an den Füßen aufgehängt, zu einer Betäubungsdusche gefahren, danach hackt ein Messer in ihren Kopf, sie werden von Maschinen geputzt, ausgenommen, zerteilt und eingeschweißt. Man findet sie so im Kühlregal. Die Deutschen essen 736 Millionen Kilogramm Hähnchenfleisch pro Jahr.

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Im Nordosten von Brasilien, wo der Boden hart ist von der Sonne, schöpft ein kleiner Mann Wasser aus einer schlierigen Pfütze, das er den Kindern geben wird, auch wenn sie davon krank werden. Eine Kamera filmt den Mann, der einen alten Strohhut trägt. Er sagt, dass sie hier hungern. Manchmal helfe ihnen die Regierung, aber manchmal auch nicht. Die Kamera läuft, die Sonne scheint, der Mann schweigt. Ein Mensch, der extrem hungert, nimmt Tag für Tag weniger als 1400 Kilokalorien zu sich. Das entspricht dem Nährwert eines Chicken Burgers.

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Zwei Szenen aus dem Film „We feed the World“, wir ernähren die Welt. 96 Minuten über Essen und Globalisierung, Überfluss und Mangel. Keine davon ist überraschend, aber alle sind ein Schlag ins Gesicht. Gedreht wurde von März 2004 bis April 2005, 75 Drehtage, 84 Stunden Material, 130 Stunden im Schneideraum. Anlass: ein Gespräch mit Jean Ziegler, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung und Autor des Buches „Imperium der Schande“ (Bertelsmann Verlag).

In Österreich ist „We feed the World“ bereits angelaufen, 190 000 Menschen haben ihn gesehen, damit ist er schon jetzt der erfolgreichste österreichische Dokumentarfilm. Dabei ist seine Botschaft so vorhersehbar wie unbeliebt. Erwin Wagenhofer, der Filmemacher, spricht sie ernst ins Telefon. „Wir müssen uns fragen: Wie wollen wir leben? Und: Wie wollen wir, dass die anderen leben?“Große Fragen also, aufgehängt an Hühnerzucht oder Treibhausgemüse. Fragen, die bekannt sind und um deren Antwort sich die Menschen gerne drücken. Was kann man schon tun?

Erwin Wagenhofer sagt, das habe eine philosophische Dimension, und es fange bei der Wortwahl an. Wir sollen uns nicht Verbraucher nennen, als käme nach uns nichts mehr. Wir benutzen Nahrung, sagt Wagenhofer. Und was benutzt er? Wagenhofer kauft Äpfel und Karotten nur aus der Umgebung, kein Gemüse aus Südeuropa, Fleisch ohnehin nur selten. Er gehe zwar in den Supermarkt, gucke aber immer, wo etwas her kommt. Brot holt er beim Öko-Bäcker und Gemüse wochenends auf dem Bauernmarkt.

Aber was kaufen, wenn ausgewiesene Bio-Äpfel aus Chile neben gespritzten aus Deutschland liegen? Was, wenn es Kartoffeln nur aus Frankreich gibt oder Tomaten aus Spanien, Gurken aus Israel? „Ein Mal pro Woche ein Bio-Apfel aus Chile“, sagt Wagenhofer, „das ist nicht Bio“. Bio sei, nach der Saison zu essen und von Bauern, deren Gemüse Zeit hatte, Geschmack zu entwickeln.

Im Film sagt ein Agrar-Manager, das Traurige an Hochleistungslandwirtschaft sei, dass die Geschmäcker verloren gingen. Man hört es und will heulen, denn es stimmt. Hochleistungslandwirtschaft ist auch Vernichtung von Genuss.

Das will man natürlich nicht, aber die Liste möglicher Konsequenzen ist voller Fragezeichen. Was erreicht man mit dem Boykott von Firmen, die unökologisch und ausbeuterisch agieren? Ändern sie sich oder werden sie noch unökologischer und ausbeuterischer? Ist man wirklich umweltbewusst, wenn man auf der Suche nach unbehandeltem Obst und Gemüse im Auto das Umland durchkreuzt? Soll man Obst aus regionalen Treibhäusern essen, wenn deren Energieverbrauch viel größer ist als bei den südeuropäischen Treibhäusern? Ist die Rolle des aufgeklärten Konsumenten nicht zu aufwendig?

Halt, stopp, falsche Richtung! Für Wagenhofer ist die Besinnung auf die guten Lebensmittel keine Pflicht, keine Last. Sie ist ein Gewinn. Weil das Essen wieder schmeckt. Wagenhofer sagt, der ganze Körper stelle sich um. Es sei, als würde man mit dem Rauchen aufhören. Eine Art neues Leben.

Der Kronzeuge des Films dagegen lacht, wenn man ihn nach Einkaufsgewohnheiten fragt. „Ich kann Ihnen verraten, wie ich einkaufe“, sagt Jean Ziegler, Jahrgang 1934. Aber man solle nicht glauben, dass man mit verändertem Konsumverhalten den Hunger auf der Welt stille. Der werde produziert durch ungleiche Handelsbeziehungen: Europas und Amerikas Bauern erhalten laut Ziegler mehr als eine Milliarde Euro Zuschüsse – pro Tag. Und in Afrika ruinieren eben diese hochsubventionierten Produkte aus den westlichen Industrienationen den dortigen Markt. Gleichzeitig verhungern laut Welthungerhilfe pro Minute elf Kinder. Das zu ändern sei Aufgabe für Weltbank, Welthandelsorganisationen und Politik, sagt Ziegler. Die Einkäufe des Einzelnen seien höchstens ein ganz kleiner Beitrag.

Trotzdem: Ziegler, Vegetarier wegen der Moral, kauft Max-Havelaar-Produkte aus Schweizer Migros-Supermärkten. Das sind fair gehandelte Waren, das heißt, die Erzeuger bekommen gutes Geld für ihre Produkte. In Deutschland gibt es seit 1992 ein vergleichbares Unternehmen: Fairtrade. Fairtrade-Produkte werden meist in kleinen Läden verkauft, aber immer häufiger findet man ihr Transfair-Siegel auch in Supermärkten. Auf Flügen von Air Berlin wird fair gehandelter Kaffee ausgeschenkt, und ab Juni will Lidl acht fair gehandelte Produkte anbieten. Eine nicht ganz einfache Situation für die Fairtrade-Gemeinschaft, denn der Billig-Discounter gehört mit seiner rigiden Personalpolitik ins Lager der Gegner. Außerdem wissen sie bei Fairtrade: Je größer die Nachfrage, je umfangreicher die angeforderten Mengen, desto schwieriger werden die Kontrollen.

Im Film sieht man Peter Brabeck in seinem Genfer Büro vor einem großen Gemälde an einem schwarzen Schreibtisch. Er ist 62 Jahre alt, braun gebrannt mit kräftigen Stoppelhaaren. Seit er 1968 bei Nestlé anfing, ist er vom Produktspezialisten zum obersten Chef aufgestiegen. Nestlé ist der weltgrößte Lebensmittelkonzern, Besitzer oder Anteilseigner von Maggi, Thomy, Bärenmarke, Rowntree Mackintosh, Wagner Pizza, Mövenpick, Schöller, Häagen-Dazs, Buitoni-Pasta, Kitkat, Lion, Herta-Wurst und Perrier, Vittel, San Pellegrino und Contrex. Das Menschenrecht auf Nahrung nennt Brabeck eine Extremposition.

Jean Ziegler dagegen sagt – im persönlichen Gespräch – über Brabeck und die anderen Weltkonzernleiter, dass sie nach Feudalherrenart die Menschen ausnutzen, um Profit zu maximieren. Die 500 größten Firmen hätten im Jahr 2004 fast 52 Prozent des Weltbruttosozialprodukts erwirtschaftet. Das Streben nach noch mehr sei schlecht, sagt er, unmenschlich. Er wisse zwar um die Ohnmacht, die viele Menschen fühlen, angesichts der übermächtigen Konzerne, aber dieses Gefühl sei in Demokratien nicht berechtigt. Wir könnten wählen, sagt Ziegler, und Regierungen beauftragen.

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In Rumänien ziehen Esel Holzkarren zum Feld, gemäht wird mit der Sense, gerade ist Erntezeit für Auberginen, die sind krumm und haben Dellen. Karl Otrok hält eine in der Hand. Die schmecken besser, sagt er, als die glatten. Er hält eine Vergleichsfrucht hoch. Otrok war, als der Film gedreht wurde, Produktionsleiter von Pioneer in Rumänien. Pioneer ist der weltgrößte Saatguthersteller. Mit Saatgut von Pioneer sind die Auberginen prall. Aber das Saatgut trägt nur eine Ernte. Die Bauern müssen es Jahr um Jahr neu kaufen. Sie werden abhängig.

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In Otrok ist nach den Dreharbeiten in Pension gegangen. Otrok sagt einen Satz, mit dem Reklame für den Film gemacht wird. Er sagt: „We fucked up the west, and now we are coming to Romania, we will fuck all the agriculture here.“ Erst haben wir den Westen kaputt gemacht, jetzt ruinieren wir euch. Es geschieht mit Ansage, und es ist alles legal.

Fairtrade-Produkte u.a. bei Karstadt, Real, Extra, Wal Mart und im KaDeWe. Biosupermärkte u.a.: LPG, Mehringdamm 51, Berlin-Kreuzberg, Bio Company, Schönhauser Allee 65, Berlin-Prenzlauer Berg.

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