Zeitung Heute : Das große Hinken

Bei der WM stürmen die Azzurri ins Finale – und in Rom in den Ruin. Italien zwischen Fußballeuphorie und Fußballskandal

Paul Kreiner[Rom]

Der Erste ist schon weg. Fabio Capello hat den Hut genommen. Nein, bei Juventus Turin, der taumelnden „Alten Dame“, will er nicht mehr Trainer sein. „Noch vor zwei Monaten“, gibt Capello zu, „war ich überzeugt davon, meine Trainerjahre bei Juve zu beschließen.“ Aber vor zwei Monaten, da waren jene Abhörprotokolle noch nicht in der Welt, und der Skandal, der Italiens gesamte jüngere Fußballgeschichte in Frage stellt – es geht um Spielmanipulationen bei Juventus Turin, AC Mailand, Lazio Rom und AC Florenz, und Dutzende Verbandsfunktionäre, Clubmanager und Schiedsrichter sind verwickelt –, dieser Skandal also war erst im Werden. Den Meistertitel, den er und Juve gerade noch geholt haben, den kann Fabio Capello inzwischen vergessen. Das ganze System ist eingestürzt.

Es war ein rechtes Hinken. In den deutschen Arenen stürmten die Azzurri von Sieg zu Sieg – und im römischen Gerichtssaal geradewegs in den Offenbarungseid. Vier Stunden lang hatte sich an diesem Mittwochabend Juventus Turins Verteidiger nach allen Regeln der Kunst bemüht, seinen Verein aus dem Skandal herauszureden: Der damalige Juve-Generaldirektor Luciano Moggi, der sich seine Schiedsrichter systematisch nach Bedarf bestellt und nach Gefallen honoriert hatte, der sei ja nur ein Angestellter gewesen, er habe überhaupt keine rechtliche Vertretungsbefugnis für Juve gehabt, sprich – der Club selbst war unschuldig. Doch am Ende des Plädoyers, ganz überraschend, stellt der Richter eine Frage: „Also, Avvocato, welche Strafe halten Sie für angemessen?“ Und der Anwalt: „Die Rückstufung in die B-Liga. Mit genauso vielen Strafpunkten wie für die anderen.“

Die Beobachter im Fußballprozess fielen fast von den Stühlen: Ein Schuldbekenntnis, noch dazu ein so klares, hatte niemand erwartet. Doch an diesem Abend, keine 24 Stunden nach dem Triumph über Deutschland, tat ausgerechnet ein offizieller Verteidiger das Tor zur Hölle auf, zumindest sehen es so die mindestens zwölf Millionen Juve-Fans: Er bahnte den Weg in den Zwangsabstieg, in den kontrollierten jedenfalls. Der Anwalt bot ein Geständnis an, um auch noch den Sturz in die dritte Liga zu verhindern. Und der Richter wird den einsamen Vorstoß bei der Zuteilung des Strafmaßes zu werten wissen. Denn die anderen 29 Angeklagten beharren wortreich auf ihrer Unschuld, alle zusammen.

Und genau während die Azzurri in Duisburg ihre letzten Trainingsrunden vor dem großen Finale liefen, zogen sich im römischen Olympiastadion, wo das Tribunal stattfindet, die sechs Richter um Cesare Ruperto zur Beratung über ihr eigenes Finale zurück: Am Tag nach dem Endspiel, vielleicht gnadenhalber am zweiten Tag danach, wollen sie ihr Endspiel abpfeifen. Day after, Jüngstes Gericht, Tag des Zornes, Tag der Zähren…

Rom hier, Berlin dort. Italiens Fußballkommentatoren sprechen bereits von einem „Raumschiff Deutschland“: Glücklicherweise seien die Nationalspieler örtlich weit entfernt von ihrer zusammenbrechenden Heimat. Nur unter diesem „Realitätsverlust“ könnten sie überhaupt noch arbeiten und siegen. Und in den römischen Bars geht die Theorie um, die Azzurri wollten und müssten sich geradezu mit Siegen „dopen“ oder „bekiffen“, um die Ungewissheit über das Danach auszuhalten.

Die Zeitungen reagieren zwiegespalten in diesen Tagen. Sie räsonieren über das „ewige Duell“ zwischen den Fußballnationen Italien und Frankreich. Sie erzählen von verflossenen Medici-Königinnen in Paris und behaupten historisch etwas verwegen, Italien habe der „Grande Nation“ sogar einen Kaiser geschenkt: den kleinen Korsen Napoleon nämlich. Autoren klettern auf dem kulinarischen Dach der Welt herum und vermessen aufs Akribischste, welcher Gipfel höher ragt: der italienische beim Schinken, der französische beim Weißwein, beim Käse, nun ja: Brie und Camembert gegen Mozzarella und Parmesan, hm, schwer zu entscheiden, auf jeden Fall zwei zu null für Italien. Doch ein paar Anstandsseiten hinter all diesen Fröhlichkeiten analysieren die Blätter, wie wohl die künftige A-Liga aussieht ohne Juventus, ohne Mailand, ohne Lazio und Florenz; es existieren bereits fertige Listen.

Denn die Sportgerichtsbarkeit, das hat Richter Cesare Ruperto in der vergangenen Prozesswoche bereits deutlich gemacht, wird sich in ihrer „Gerechtigkeitsfindung“ nicht aufhalten lassen – auch wenn die Attacken von außen schon wieder losgehen. „Politische Verfolgung“ vermutet wie üblich Silvio Berlusconi, auch Präsident vom AC Mailand. Als er noch Ministerpräsident war, gehörte es zu seinem Standardprogramm, gegen die „linken Richter“, die „roten Roben“ herzuziehen. Der Justizminister in der Nachfolgeregierung macht das etwas feiner im Ton, aber nicht minder klar in der Sache.

Die Regierung, sagt der notorisch beifallshungrige Populist Clemente Mastella, könne sich in den Sportprozess nicht einmischen: „Aber ich glaube, dass die Mehrheit der Tifosi eine Amnestie verlangt. Und als Tifoso frage auch ich mich: Ist es denn gerecht, dass ein Cannavaro und ein Del Piero in der C-Liga spielen, nach all dem, was sie erreicht haben? Machen wir es da nicht so wie Großbritannien, wo Churchill den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat und als Dank dafür abgesetzt wurde?“

Dabei wollen selbst einige der Nationalspieler von einer Amnestie nichts wissen. „Wer Fehler begangen hat, soll dafür bezahlen“, sagt Gennaro Gattuso vom AC Mailand: „Alles andere wäre ungerecht gegenüber den Millionen Tifosi, die eine Entscheidung erwarten.“

Die Tifosi. Sie haben eine Nacht lang gefeiert nach dem Triumph über Deutschland. Sie haben ausgelassen gesungen, sie haben „Italia! Italia!“ gerufen und in Roms Brunnen geplantscht, es war ein lange vermisster Ausbruch an Begeisterung, ein Befreiungsakt. Aber dass die Euphorie angehalten hätte, war nicht festzustellen. Die Zahl der grün-weiß-roten Fahnen an den Balkonen der Häuser ist nicht nennenswert gestiegen, die Zahl der Autos, die sich dauerhaft mit der Nationalfahne schmücken, auch nicht, und Roberto, der Barbetreiber an der Ecke, sagt: „Ja, schon, die Unseren waren sehr gut, mit Sicherheit besser als die Deutschen. Aber vorher haben sie sich vor allem mit Glück durchs Turnier gezockt. So gigantische Fußballnationen wie Australien und die Ukraine zu bezwingen… Die Deutschen haben Argentinien niedergeworfen, das war ein anderes Kaliber.“

Kein Barista könnte sich solche Äußerungen leisten, wenn er nicht wüsste, dass er zumindest bei einem Teil des Publikums auf Anklang stößt. Und wenn sie bei Espresso, Tramezzini und Prosecco die Partie gegen Deutschland durchdiskutiert haben, dann kommen sie in der Bar auf das große Finale in Berlin. Dann singen sie Loblieder auf die Franzosen, auf den „absoluten Ballkünstler“ Zinedine Zidane, auf Lilian Thuram, Patrick Vieira und David Trezeguet. Ach so, die gehörten oder gehören ja auch zu Juventus. Und schon sind sie wieder beim anderen Thema. Es lässt keinen los.

„Nase zuhalten und durch!“, ruft die Zeitung „La Repubblica“. Dreizehn Spieler der aktuellen Nationalmannschaft gehören zu jenen Clubs, die in Rom derzeit vor Gericht stehen; allein acht Finalisten stammen aus dem Kader der Juve. Sieben, so rechnet die „Repubblica“ vor, werden „sicherlich mit Juventus nicht absteigen“. Auf Deutsch: Sie verlassen den Verein.

Längst schauen sich wachsame Beobachter ausländischer Vereine bei den angeklagten italienischen Clubs um. Schnäppchen winken, das Überangebot an italienischen Weltklassespielern, vermuten Experten, werde zu einem Verfall der Preise führen. Fußballer, die heute für 35 Millionen Euro gehandelt würden, seien nach den Zwangsabstiegen morgen nur noch 15 Millionen Euro wert. Das Geld fehle dann vor allem den Turinern, den Hauptbeschuldigten, beim Wiederaufbau einer neuen, natürlich wieder einer Spitzenmannschaft. Denn ein Abstieg in die B-Liga, das bedeutet nach Rechnungen von Fachleuten einen Verlust an Einnahmen um mindestens ein Viertel – durchschnittlich etwa 60 Millionen Euro – und dies auch nur unter der Voraussetzung, dass die privaten Fernsehanstalten nicht auf einer Neuverhandlung ihrer Verträge bestehen.

Auf die Spieler selbst und deren persönliche Qualitäten ist bisher nicht der Hauch eines Schattens gefallen. Und wenn, dann hat man in kollektiver Verdrängung einfach die Sonne zurechtgerückt – ominöse Wettgeschichten sollen einen Gianluigi Buffon während der WM nicht verdunkeln. Dass er der Beste im Tor ist, das steht für Italien unverrückbar fest. Und das einzige Tor, das Buffon in Deutschland bisher kassiert hat – der unglückliche Tritt seines eigenen Verteidigers Cristian Zaccardo –, das gilt in den Kommentaren mittlerweile gar als „Hommage“ an den Welttorhüter.

Und noch einem haben sie die Generalabsolution erteilt, in den Bars, in den Bussen, in den Medien: dem Nationaltrainer Marcello Lippi. Seine acht Jahre bei Juventus Turin – von 1994 bis knapp zur Skandalsaison 2004/2005 – werden zur Legende eines „reinen“ Fußballs verklärt (die diesbezüglich eher misstrauische Staatsanwaltschaft hat sich bisher auf die Untersuchung jener einen Saison beschränkt).

Als Nationaltrainer hielt man Lippi für verschroben, seine Konzepte für schräg. Wenige Tage vor der WM hätte Lippi im Zuge des Skandals um ein Haar seinen Job verloren. Die Medien verdächtigten ihn vorübergehend einer profitorientierten Personalpolitik zugunsten der Spieler-Agentur seines Sohnes Davide. Und Sportkommissar Guido Rossi reiste Hals über Kopf zur zuständigen Staatsanwaltschaft nach Neapel, um sicherzugehen, dass von dort keine bösen Überraschungen drohten. Dann gab Rossi eine hundertprozentige Ehrenerklärung für Lippi ab – was diesen aber nur aus dem juristischen Strafraum gerettet hat. Nach Auftakt der WM nahmen ihn dann nämlich die Sportzeitungen in die Mangel. Sie traten geradezu Volksbegehren los und Leserbriefaktionen, um den störrischen Marcello Lippi zum Einsatz einzelner Spieler zu drängen oder ihm bestimmte „Ideal-Aufstellungen“ nahe zu bringen. Und sie schimpften über ihn, weil er seinerseits über die Journalisten geschimpft hatte. Wenn er auch nur jene gemeint hatte, die ihn nachts auf dem Handy anriefen, um seine Aufstellungspläne fürs nächste Spiel zu erfahren.

Jetzt leisten sie dem Helden von Deutschland allesamt Abbitte – eine Art Klinsmann-Effekt auf Italienisch. Jetzt hat Lippi freie Hand. Und schon will man ihn wieder binden. Als Nationaltrainer solle er unbedingt bleiben, verlangen sie alle. Italien braucht in diesen surrealen Zeiten offenbar dringend einen realen Strahlemann, wenn schon alle anderen gehen.

Doch was wird Lippi tun? Vielleicht, wie er es früher einmal angekündigt hat, von Berlin ins heimatliche Viareggio zurückkehren, in sein Boot steigen, das dort vor Anker liegt, und einfach hinausfahren, irgendwohin, Hauptsache: Ruhe.

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