Das große Interview : „Ersparen Sie mir weitere Fragen“

Wo ist der Sternenhimmel am schönsten? Gibt es Gott? Was, wenn Aliens kommen? Und was spricht gegen Computer an der Börse? Harald Lesch kann fast alles erklären.

Harald Lesch
Harald LeschFoto: dpa

Herr Lesch, Gratulation: Gerade gab es für Sie auch noch den bayrischen Fernsehpreis. Keiner kann Wissenschaft schöner erklären.

Tja, ohne Brille wäre das nicht passiert!

Wie meinen Sie das?

Mit zehn Jahren habe ich mich mal bei der Nasa beworben – natürlich mit Foto. Als Kind schielte ich, wie man in Hessen sagt, vom linken Auge in den rechten Hosensack. Ich bekam eine nette Antwort, in der man mir erklärte, sie nähmen nur Amerikaner. Außerdem dürften Testflieger keine Brille tragen. Aber ich könne doch Astronom werden.

Das muss 1970 gewesen sein, kurz nach den ersten Mondlandungen.

Ich wusste alles über das Apollo-Programm: Wie schwer die Saturn-5-Rakete war, wie viel Neil Armstrong zum Zeitpunkt des Mondflugs wog, dass er der beste Testflieger war, den die Amerikaner je hatten. Vor knapp zwei Jahren habe ich ihn sogar kennengelernt. Ich wurde zu einer Fernsehsendung in Österreich eingeladen. Sie sagten mir, Alexej Leonow würde kommen …

…der erste Mann, der frei im Kosmos schwebte…

…und der dabei beinahe gestorben wäre, weil sich sein Anzug so aufblähte, dass er fast nicht mehr durch die Luke passte. Leonow sollte da sein und Neil Armstrong. Ich habe sofort zugesagt.

Entsprachen die alten Helden Ihren Erwartungen?

Leonow ist eine Stimmungsgranate, der kann einen ganzen Saal zum Schunkeln bringen. Und Armstrong ist unglaublich cool, so ein Clint-Eastwood-Typ: „Irgendjemand musste das Ding ja auf dem Mond landen, da habe ich es halt gemacht.“ Für mich waren das Götter.

In den 70er Jahren kam Star Trek ins Fernsehen, besser bekannt als Raumschiff Enterprise.

Ich habe Perry-Rhodan-Hefte gelesen, ich habe Star Trek gesehen.

Und was sagt der Astrophysiker heute zu der Serie?

Völlig unwahrscheinlich, und zwar alles. Den Antrieb Materie – Antimaterie kann man vergessen. Interstellares Reisen wird immer eine Angelegenheit sein, die nur mit Generationen-Raumschiffen zu bewältigen ist. Diejenigen, die losfliegen, werden nicht diejenigen sein, die ankommen.

Das ist ja furchtbar. Geht es nicht schneller?

Keine Chance, schneller als mit Lichtgeschwindigkeit breiten sich in diesem Universum allenfalls schlechte Nachrichten aus. Und es gibt keine Rückfahrkarte, denn, wer mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs ist, für den schlägt die Relativitätstheorie zu. Für einen selbst sind dann vielleicht nur zwei Tage vergangen, aber auf dem Heimatplaneten sind es 70 000 Jahre.

Ihre Eltern hatten eine Gastwirtschaft in Gießen. Was dachten die denn über Ihren Berufswunsch?

Als ich die Unterlagen für Astrophysik anforderte, da waren sie schon beunruhigt. Physik mag ja noch angehen, aber Astronomie?

Da geht es um Dinge, die weit weg sind oder lange her. Im Fernsehen haben Sie mal erklärt, wenn man nachts auf einen Kanal wechselt, auf dem kein Programm läuft, dann sieht man so ein Schneegestöber…

…und ein Teil davon ist Hintergrundstrahlung.

Was nach Ihrer Erklärung ein Flackern des Urknalls ist, dem Anfang der Welt und der Zeit.

Wenn diese Theorie vom Urknall stimmt – und dafür spricht sehr viel – dann ist jedes Volumen im Universum Teil des Urknalls, jeder Kubikzentimeter enthält 400 Lichtteilchen von diesem ursprünglichen Strahlungsereignis. Einen Teil dieser kosmischen Hintergrundstrahlung sehen Sie dann im Fernsehen.

Sie sagen, beim Urknall ist das ganze Universum aus einem einzigen Punkt entstanden. Wie groß soll denn der gewesen sein?

10 hoch minus 35 Meter. Nicht sehr groß also. Meine Güte, Sie stellen auch gleich die schlimmsten Fragen. Schauen Sie auf Ihren Finger: Ein Gramm von Ihnen besteht aus 10 hoch 24 Teilchen, das sind eine Million Trillionen Teilchen. Nehmen Sie eines dieser Teilchen und blasen es zur Größe eines Fußballstadions auf. Das ist ein Atom. Und nun gucken Sie in diesem Atom, wie groß ist denn der Kern? Der ist so groß wie ein Reiskorn im Mittelpunkt des Anstoßkreises. Ja, so ein Atom ist ganz schön leer und der Kern knackig klein.

Sind wir da bei Ihrem Punkt?

Da sind wir erst bei 10 hoch minus 15 Metern, wir müssen noch zwanzig Größenordnungen unter einen Atomkern.

Und wann soll dieser Punkt mit großem Knall auseinandergeflogen sein?

Heute vor 13,7 Milliarden Jahren. Da hat sich das Universum in seine Existenz geworfen. Wahrscheinlich war es das ewige Nicht-Sein leid.

Und was war davor?

Da verlassen wir den Boden der Physik, kommen in den Bereich der metaphysischen Spekulation.

Wo strebt denn das Universum hin? Zerreißt das irgendwann?

Ja, das wird so ein Tag sein, an dem man aufwacht und denkt, bleib ich mal lieber im Bett. Weil das Universum nämlich verschwunden ist. Die Sonne ist dann allerdings schon lange erloschen.

Ohne Sonne wäre ja schon schlimm genug. Aber das Ende des Universums, da kann man ja nicht mal mehr in ein anderes Sonnensystem fliehen!

Genau. Das dauert noch hundert Milliarden Jahre, dann wird es wohl auch keine Astronomen mehr geben, sondern nur noch Alkoholiker, weil, wenn du abends in den Himmel guckst und da ist nichts mehr, kannst du dir auch gleich die Kante geben.

Wenn Sie im Sommer auf der Wiese liegen, gucken Sie da überhaupt noch nach oben?

Also wenn ich meine Frau neben mir habe, kann mich der Sternenhimmel beeindrucken. Mich allein dahinzulegen und irgendwie vor mich hin zu meditieren – bin ich nicht der Typ dazu.

Und erklären Sie ihr dann alles ganz genau, wie viele Sterne man sehen kann zum Beispiel?

6000 kann man mit bloßem Auge in einer superdunklen Nacht sehen, aber allein in der Milchstraße sind es 100 Milliarden.

Gibt es in Deutschland einen besonders guten Platz zum Sternegucken?

In den Alpentälern sind Sie besser vom Restlicht abgeschirmt. Den beeindruckendsten Sternenhimmel hat man auf der Nordhalbkugel wohl über der Sahara. Weil da weit und breit nicht viel ist, die Luft ist klar und trocken, die Sterne funkeln nicht, sondern leuchten stabil. Auf der Südhalbkugel wiederum können Sie ein paar Begleitgalaxien direkt beobachten, die Magellan’schen Wolken, es gibt schöne Sternbilder wie das Kreuz des Südens. Im Grunde genommen ist es aber egal. Wenn man die Fragen, die der Himmel stellt, wirklich an sich heranlässt, dann kann man nur auf die Knie gehen.

Für jemanden, der gerade eben noch behauptet hat, dass ihn der Sternenhimmel herzlich wenig interessiert, klingen Sie jetzt geradezu euphorisch.

Ich bin nicht nur Physiker, ich bin auch Philosoph. Und da beschäftigt mich nicht so sehr der Moment, an dem alles begann, sondern die Frage, wieso das nicht ein vollkommen ödes Universum geworden ist. Wenn man sich das jetzt wirklich als Explosion vorstellt, dann entsteht dabei ja nicht unbedingt eine Tasse aus Meißner Porzellan, das treibt alles in Trümmern auseinander. Wie kann überhaupt etwas geworden sein? Und dann organisiert sich die Materie nicht nur in Form von Gaswolken, sondern auf Planeten gelingt sogar die Transformation in lebendige Materie. Da wabert hinter all diesen physikalischen, geologischen, biologischen und chemischen Fragen so ein bisschen die Sinnfrage hoch.

Sie glauben an einen obersten Designer?

Ich bin Protestant, und da ist die Hypothese Gott eine unheimlich tragfähige Hypothese. Es kommen einfach zu viele Dinge zusammen, wo man als Naturwissenschaftler steht und sagt: Das kann nicht wahr sein! All diese wahnsinnigen Zufälle, die passieren mussten und vor allen Dingen jene, die nicht passieren durften. Kein Stern vorbeigeflogen, keiner explodiert, und das alles über eine Stabilitätszeit von 4,56 Milliarden Jahren…

…solange existiert unser Planet…

…ja, und je mehr Wissenschaft ich betreibe, desto mehr denke ich, das ist ja unglaublich!

Das Welterklärungsmodell der Kirche ist leichter zu verstehen. Man muss es nur glauben.

Aber wir können Geld damit verdienen, weil unsere Theorien, wenn sie durch Experimente bestätigt sind, sich in Technologie verwandeln. Es gibt in diesem Teil der Welt, in dem wir leben, keinen Millimeter Platz mehr, der nicht von menschlichem Einfluss geprägt ist. Selbst diejenigen, die mit den ganzen Naturwissenschaften nichts zu tun haben wollen, setzen sich morgens vor ihre Tastatur und benutzen elektronisches Gerät – und sei es, um sich ein Horoskop zu erstellen.

Und wir können heute Prozesse anstoßen, die wir in ihren Konsequenzen nicht mehr durchschauen. Ist das nicht gerade das Problem?

Sie haben recht, die zunehmende Geschwindigkeit führt in den Bereich des Unkontrollierten. Ich habe mich kürzlich in einer „Kosmos“-Sendung mit dem neuen Transatlantik-Kabel beschäftigt, das die Handelszeit zwischen den Börsen von New York und London um sechs Millisekunden verringern soll.

Das ist weniger als ein Augenzwinkern.

Für ein Augenzwinkern brauchen Sie 300 Millisekunden. Die Börsen handeln dann mit einem Drittel der Lichtgeschwindigkeit. 70 Prozent aller Transaktionen an amerikanischen Börsen werden von Computern abgewickelt. Früher, als das Geschäft noch von Maklern auf Zuruf betrieben wurde, galt Schallgeschwindigkeit, 330 Meter pro Sekunde. Ein Drittel Lichtgeschwindigkeit sind dagegen 100 000 Kilometer pro Sekunde. Wir sollten den Computern verbieten, irgendeine Transaktion an irgendeiner Börse durchzuführen.

Geschwindigkeit allein ist doch noch keine Gefahr.

Dieses Tempo hat uns ein Finanzsystem beschert, das in seinem Volumen viel zu groß ist für den Welthandel. Wir haben grob 80 Billionen Dollar Weltbruttosozialprodukt, und wir haben rund 100 Billionen Dollar an Aktien und Fonds. Daneben haben wir 650 Billionen Finanzderivate, und 950 Billionen sind Devisengeschäfte. Dieses Geld braucht kein Mensch. Aber es übt Druck aus. Und warum haben wir diese Volumina? Weil Computer handeln wie Geisteskranke. Nicht verstandene Wissenschaft bedeutet auch nicht verstandene Technologie. Und am Ende steht eine Gesellschaft vor Instrumenten, von denen sie sagt, toll, das nehme ich. Ohne zu wissen, was sie damit anrichtet.

Damit wir wissen, was auf uns zukommt: Was ist denn derzeit das heißeste Eisen der Astrophysik?

Da gibt es drei. Eines ist die Suche nach extrasolaren Planeten. Seit die großen Satelliten Kepler und Corot da oben sind, haben wir ungefähr 3000 Kandidaten entdeckt. Und jeden dritten, vierten Tag kommt ein neuer Kandidat dazu. Es geht um Astrobiologie und die Frage, wann finden wir die nächste Erde um einen Stern so ähnlich wie die Sonne?

Wie wahrscheinlich ist denn, dass sich auf einem dieser Planeten Leben entwickelt hat?

Einfaches Leben halte ich für höchstwahrscheinlich. So etwas wie wir, das ist eine ganz seltene Kombination. Wer hat schon die Zeit, 4,56 Milliarden Jahre in aller Ruhe seine Bahnen zu ziehen.

Extrasolare Planeten sind also Nummer eins der heißen Eisen…

…Nummer zwei ist die dunkle Materie, die selbst nicht strahlt, keinerlei Wechselwirkung mit Licht hat. Die Astronomen suchen nach einer besonderen Form von dunkler Materie, die sehr schwer sein muss. Ohne sie würde es uns gar nicht geben, wäre die Milchstraße auseinandergeflogen.

Dann bleibt ja vielleicht doch alles beim Alten, und das Universum fliegt nicht auseinander, wie von Ihnen prognostiziert.

Leider gibt es nicht genug dunkle Materie, um das grundsätzlich aufzuhalten. Das dritte Thema ist die dunkle Energie, über die wir sehr wenig wissen. Ersparen Sie mir deshalb weitere Fragen.

In Ihrer Jugend flogen noch Astronauten zum Mond. Welche dunkle Energie treibt eigentlich heute Studenten zu Ihnen in die Vorlesung?

Die haben natürlich Probleme mit persönlichen Helden. Aber grundsätzlich sind wir heute eher besser aufgestellt. Diese ganze Weltraumbegeisterung in den 60ern und frühen 70ern hat ja erst zur Gründung von Max-Planck-Instituten in der Astrophysik geführt.

Wenn es schon keine echten Astronauten gibt, die zum Helden taugen, bleibt die Science Fiction. Das Raumschiff Enterprise haben Sie uns schon zerlegt. Wie finden Sie „Zurück in die Zukunft“?

Für Zeitreisen gibt es keine Chance. Um in irgendeine Zeit zu reisen, müsste man das Universum in den Zustand bringen, in dem es war. Oder sein wird. Dafür braucht es mehr Energie, als das Universum zur Verfügung stellt.

Was ist mit dem Einschlag eines großen Asteroiden wie im Film „Deep Impact“?

Das wird passieren, nicht in Bälde, dafür gibt es keinen Hinweis, aber irgendwann. Und dann sollten wir ihn ablenken können, am besten, bevor er die Mars-Bahn erreicht. Dafür gibt es ja schon Programme wie das Europäische „Don Quijote“.

In „Contact“ mit Jodie Foster nehmen Außerirdische per Radiosignal mit der Erde Kontakt auf.

Ein wunderbarer Film. Natürlich kann es passieren, dass wir eines Tages ein außerirdisches Radio-Signal auffangen. Und dann werden wir den Sender mit allem untersuchen, was wir haben.

Wir senden jetzt schon jede Menge Signale ins All. Was, wenn uns einer hört und mal vorbeischaut? Dann sind doch wir die Indianer!

Auf der Erde waren die Entdeckten tatsächlich immer die Gelackmeierten. Aber es gibt auch die hoffnungsvollere Variante. Wenn da draußen wirklich jemand sein sollte, der sich so weit entwickelt hat, dass er imstande ist, uns zu besuchen, dann muss der daheim alle Probleme gelöst haben.

Sie meinen, da kommen dann die Guten?

Das ist eine interessante Frage: Wie muss eine Zivilisation beieinander sein, die die Herausforderung einer interstellaren Reise besteht? Ich denke, es muss ihr zum Beispiel gelungen sein, Verteilungsgerechtigkeit zu gewährleisten. Sonst wäre ihr Modell kosmisch längst am Ende.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

9 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben