Zeitung Heute : Das große Tabu

So frei unsere Gesellschaft mit Körpern umgeht – den Männerrock tragen noch immer nur die Mutigsten

Susanna Nieder

In der Mode geht fast alles. Frauen in Hosen? Eine Selbstverständlichkeit. Nackte Brüste? Bis zum Abwinken. Menschen, die sich auf Werbefotografien in erotischen Posen herumräkeln? Gang und gäbe. Selbst Männer werben zunehmend unbekleidet für Luxusgüter wie Düfte und Mode; es wurden sogar schon männliche Geschlechtsteile auf Werbefotografien gesichtet. Wenn unsere Gesellschaft so frei und tabulos mit dem Körper umgeht, warum ist dann eine so simple Sache wie ein um die Hüften geschlungenes Stück Stoff ein Tabubruch, den die wenigsten Männer riskieren?

Das New Yorker Metropolitan Museum widmet dem Phänomen des Männerrocks diesen Winter die Ausstellung „Bravehearts – Men in Skirts“. Sponsor ist Jean Paul Gaultier, der international bedeutendste Verfechter des Männerrocks. Seit fast 20 Jahren schickt er ihn in immer neuen Variationen über den Laufsteg, ohne allerdings damit die gesellschaftliche Anerkennung dieses Kleidungsstücks wesentlich vorangetrieben zu haben. Seinem Engagement entsprechend sind viele seiner Entwürfe auf Fotos oder als Ausstellungsstücke zu sehen, andere stammen von so unterschiedlichen Designern wie Dolce & Gabbana und Dries van Noten, Donna Karan und Paul Smith.

Manche sind überkandidelte Showstücke wie das tiefrote Satingewand mit Schleppe von Vivienne Westwood, das Papstgewand von John Galliano für Dior oder die knallbunte Kombination aus wadenlanger Pumphose, knielangem Faltenrock und Tüllbesatz von Walter van Beirendonck. Andere sind Klassiker wie die androgynen Entwürfe von Rudi Gernreich aus den sechziger Jahren. Für junge Menschen empfahl er quietschgelbe, gürtelbreite Miniröcke, für alte bodenlange Gewänder aus bunt gemusterten Stoffen. Damals glaubte der Österreicher, der 1964 mit seinem busenfreien „Monokini“ half, die Frau aus den Körper formenden Unterkleidern der Fünfziger zu befreien, dass Kleidung im Jahr 2000 nicht mehr nach Geschlechtern unterschieden würde. Frauen, so prophezeite er, würden Hosen tragen und Männer Röcke. Wie man weiß, ging nur der erste Teil in Erfüllung.

Es scheitert nicht am Aussehen

An der Ästhetik kann das nicht liegen, denn dass Männer in Röcken albern oder feminin aussehen, ist ein Vorurteil, das sich bei näherem Hinsehen nicht aufrecht erhalten lässt. Sieht ein Geistlicher in einer Soutane etwa albern aus? Ganz im Gegenteil. Der strenge Schnitt mit hoch geschlossenem Stehkragen, betonten Schultern und geradem Rock verleiht seinem Aussehen Würde. Und ein Mann, der am Strand nur ein Tuch um die Hüften geschlungen trägt, wirkt der feminin? Wohl kaum! Dass Männer im Kilt nicht nur maskulin, sondern geradezu martialisch daherkommen, kann jeder bestätigen, der Mel Gibson in „Braveheart“ oder Liam Neeson in „Rob Roy“ gesehen hat. In der ersten Szene mag man noch stutzen, dann hat sich das Auge an den Aufzug gewöhnt und assoziiert ihn mit dem kriegerischen Verhalten der Träger.

Wäre eine solche Korrektur der Sehgewohnheiten nicht auch im täglichen Leben möglich? In der New Yorker Ausstellung werden viele zeitgenössische Entwürfe gezeigt, die absolut tragbar wirken. Eine Kombination aus Pullunder, gewickeltem dunkelblauem Jeansrock und Kniestrümpfen von Pringle of Scotland zum Beispiel. Knapp knielange Röcke mit großen, aufgenähten Cargotaschen von Utilitkilts zu schweren Schnürstiefeln. Ein eleganter, bodenlanger Rock zum akkurat geschneiderten Sakko von Bespoke, dem Label des britischen Designers Ozwald Boateng. So unterschiedlich die Stile sein mögen, es sieht alles kleidsam und bequem aus.

Trotzdem schafft es der Männerrock nicht in die Kleiderschränke der westlichen Hemisphäre – dabei hat er im Gegensatz zur Hose für die Frau eine Jahrtausende alte Tradition und wird in vielen Ländern der Welt auch heute getragen. Doch als Frauen in den Sechzigern endlich Hosen anziehen durften, kam das neue Kleidungsstück gleichzeitig mit größerer Freiheit, der Öffnung von Bildungsangebot und Arbeitsmarkt. Sie gewannen nie gekannte Privilegien und mussten nicht fürchten, dabei ihre Femininität einzubüßen. Yves Saint Laurent, der den Smoking für die Dame salonfähig machte, empfand den Kontrast zwischen „männlichem“ Kleidungsstück und Trägerin sogar als förderlich für die feminine Ausstrahlung.

Mit dem Männerrock, der wie gesagt außerordentlich maskulin wirken kann, ist jedoch kein gesellschaftlicher Zugewinn verbunden. Wie Männlichkeit sich in der westlichen Welt zu präsentieren hat, war in den letzten 100 Jahren genau festgelegt: nüchtern, in gedeckten Farben und mit sehr wenig Raum für Spielereien. Noch heute kann ein Mann wie der englische Fußballer David Beckham eine ganze Lawine von Zeitungsartikeln auslösen, nur weil er, obwohl heterosexuell, häufig die Frisur wechselt, sich gelegentlich die Fingernägel schwarz anmalt und ein Mal von den Paparazzi in einem Sarong (einem Tuch, das Männer in Südostasien um die Hüften tragen) erwischt wurde. Kein Artikel über Metrosexualität, in dem er nicht als Kronzeuge herhalten muss. Dieses Schlagwort machte im letzten Sommerloch die Runde und bezeichnet Heterosexuelle, die etwas mehr auf ihr Äußeres achten, als Männern in unserer Gesellschaft derzeit zugestanden wird. Weiß der Teufel, was erst los wäre, wenn sich Wladimir Klitschko im Kilt zeigen würde oder Joschka Fischer im wadenlangen Wickelrock!

„Viele haben Angst, es könnte ihre Männlichkeit in Frage gestellt werden, wenn sie einen Rock tragen“, sagt die Züricher Designerin Sandra Kuratle, die seit 1996 unter dem Label Amok ausschließlich Männerröcke herstellt. Rund 60 Modelle hat sie im Programm, von elegant bis Techno ist jeder Stil vertreten. Ihre Abnehmer sitzen in den fünf größeren Städten der Schweiz, das Geschäft läuft gut, Tendenz steigend. Sie kann schwer bestimmen, welcher Typ Mann Röcke trägt, doch eins ist sicher: Es sind selbstbewusste Männer, die sich nicht in der Auswahl ihrer Kleider einschränken lassen wollen und dafür in Kauf nehmen, mit ihrem Outfit aufzufallen. Dabei scheint das Risiko gering zu sein: „Die häufigste Reaktion sind Komplimente“, sagt Kuratle.

Ähnliches berichtet Robert Landinger vom Münchner Label Men in time, das er seit vier Jahren zusammen mit seiner Lebensgefährtin Doreen Anders betreibt. Bis nach Russland, Portugal, die Türkei und die USA verkaufen sie ihre Männerröcke, und im Gegensatz selbst zu Gaultier ist Landinger der Ansicht, dass dem Männerrock die Zukunft gehört: „In fünf bis zehn Jahren wird sich der modebewusste Mann morgens fragen: Was will ich heute anziehen – Rock oder Hose?“ Zwischen 15 und 70 Jahre alt sind seine Kunden, vom Oberförster bis zum Architekten ist alles dabei. Interessanterweise machen Homosexuelle, sonst oft Vorreiter männlicher Modetendenzen, nach seiner Schätzung nur 15 Prozent seiner Kunden aus. Ein Drittel der Käufe werden dafür von Frauen für ihre Männer getätigt. Ein allen gemeinsames Kriterium kann er jedoch nennen: „Im Gegensatz zu vielen ihrer Geschlechtsgenossen legen Männer, die Röcke tragen, Wert auf gepflegte Unterwäsche und Socken.“

„Bravehearts – Men in Skirts“ noch bis 8. Februar 2004 im Metropolitan Musem New York. Infos über Amok unter www.amok.ch , über Men in time unter www.menintime.de .

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