Zeitung Heute : Das große Weh

       Der Jobkahlschlag kann jeden treffen: Was bei einer Kündigung zu beachten ist

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Von Regina-C. Henkel

Denken Sie nicht, das kann Ihnen nicht passieren. Es ist schon ganz anderen passiert, sogar den ganz Großen: Middelhoff, Sommer, Scharping. „Gestern noch gefeiert, heute gefeuert“ ist in der anhaltenden Wirtschaftsflaute kein ungewöhnliches Schicksal. Kein Arbeitnehmer ist davor gefeit. Die Big Player geben ihre betriebsbedingt Kündigungen praktischerweise gleich in Tausenderpacks bekannt: Rund 140000 Arbeitsplätze fallen in diesem Jahr allein in den DAX-Unternehmen weg. Noch schlimmer die Entlassungswelle im Mittelstand. Nach Schätzungen des Inkasso-Unternehmens Creditreform werden dieses Jahr etwa 40000 Betriebe Konkurs anmelden. Am Schicksal dieser Firmen hängen rund eine halbe Million Arbeitsplätze – und noch viel mehr an all den kleinen Unternehmen, die die Kurve gerade noch einmal kriegen wollen. Auch dort wird Kostenmanagement derzeit vor allem als Synonym für die Senkung der Personalausgaben verwendet.

Kein Wunder, dass in den Büros und Betrieben die Angst umgeht. 55 Prozent der Arbeitnehmer, das hat eine Umfrage des Internet-Karriereportals Jobscout 24 ergeben, fürchten ganz konkret um ihren Arbeitsplatz. Und dieses Gefühl ist nicht aus der Luft gegriffen. Nach Untersuchungen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) verlieren jede Stunde etwa 60 Beschäftigte in Deutschland ihren Arbeitsplatz.

Die Folgen sind dramatisch – nicht nur für die Entlassenen. Auch wer die eigene Kündigung derzeit nicht zu befürchten braucht, nimmt zwangsweise am „Roller Coaster Ride“ teil. So nennen Amerikaner die emotionale Berg- und Talfahrt, die der Job-Verlust beim Betroffenen auslöst und in die letztlich die gesamte Belegschaft einbezogen ist.

Die Personalexperten der Düsseldorfer Outplacement-Beratung von Rundstedt & Partner haben ein Phasenmodell für die Gefühlszustände entwickelt, die sich bei einer Kündigung typischerweise abspielen (siehe Grafik). Nicht ohne Grund beginnt das W-Modell (die Assoziation mit „Weh“ oder „Wut“ ist durchaus beabsichtigt) weit vor dem Freisetzungsgespräch zwischen Chef und Mitarbeiter. Wer Glück hat, erlebt „nur“ die Talfahrt des Betriebsklimas. Carolin Fischer, Consultant bei von Rundstedt & Partner, weiß: „Schon mit dem Auftauchen erster Gerüchte, ob sie berechtigt sind oder nicht, entstehen Ängste.“

Für die gereizte Stimmung, das gegenseitige Beobachten und den destruktiven Wettbewerb, der sich in der gesamten Belegschaft aufbaut, macht Fischer vor allem die Vorgesetzten verantwortlich: „Viele Chefs drücken sich davor, die Wahrheit zu sagen und lassen die Leute durch die Hölle gehen.“ Um der quälenden Ungewissheit zu entkommen, bleibe in solchen Fällen nur couragiertes Handeln: „Gehen Sie zu Ihrem Chef und fragen: Stehe ich auf einer Liste? Wenn ja, wann ist es so weit und was kann ich tun?“ Schlimmeres als die bittere Wahrheit könne man kaum erfahren, sagt Fischer.

Folgenschwere Versäumnisse

Außerdem kommen ja auch wieder andere Zeiten, und da ist es gut, wenn einen der Chef in guter Erinnerung hat. Offensives Handeln lohnt sich sowieso immer – auch wenn der eigene nicht mehr von der Streichliste wegzubekommen ist. Zumindest über das Wann und Wie des Abschiednehmens kann noch gestritten werden. Und das sollten Arbeitnehmer auch wirklich tun. Der Spielraum für die Verhandlungen wird nicht nur vom Arbeitgeber vorgegeben. Auch der Gesetzgeber redet beim Thema Kündigung ein gewichtiges Wörtchen mit. Fachanwälte für Arbeitsrecht haben deshalb zur Zeit Hochkonjunktur. Ihre Unterstützung in Anspruch zu nehmen, zahlt sich in aller Regel in Cent und Euro aus. Auch für diejenigen übrigens, die keine Versicherung abgeschlossen haben und bereits für die Erstberatung bares Geld auf den Tisch legen müssen. Juristischer Beistand kann unverzichtbar sein. Denn eines gilt für jeden Gekündigten: Es bleibt nicht viel Zeit. Zur Einhaltung von Widerspruchsfristen und zur Wahrung von Ansprüchen müssen bestimmte Termine unbedingt eingehalten werden. Wenn ein Fachanwalt ein Auge darauf hat, können folgenschwere Versäumnisse vermieden werden (siehe Beitrag links).

Hinzu kommt, dass Gekündigte üblicherweise irrational reagieren. Merkmale der W-Phase unmittelbar nach dem Entlassungsschock sind Ignoranz und unlogisches Verhalten. Die gesamte Persönlichkeit ist erschüttert. Life-Event-Forscher behaupten, dass der Verlust des Jobs nach dem Tod eines nahen Angehörigen und dem einer anderen wichtigen Bezugsperson auf Platz drei der Stress auslösenden Ereignisse steht.

Die übliche Empfehlung, die Entlassene zu hören bekommen, lautet deshalb: „Bewahren Sie einen klaren Kopf“. Die Worte sind leicht gesagt und fast ebenso schnell sind sie als Nummer-Eins-Empfehlung in ein Ratgeber-Buch aufgenommen. Tatsächlich aber sind Gekündigte zunächst überhaupt nicht aufgeregt, sondern regelrecht gelähmt.

Wie ferngesteuert verlassen die meisten das Büro, wenn sie die Botschaft vom Ende des Beschäftigungsverhältnisses erhalten haben. Nicht wenige arbeiten weiter, als sei nichts passiert. Kein Wort zum Kollegen, kein Anruf beim Betriebsrat oder beim Anwalt. Und einen Termin mit dem Arbeitsamt zu machen, kommt nur den allerwenigsten in den Sinn. Dabei kann jeder die Behördenhilfe in Anspruch nehmen, der Fragen zum Arbeitsmarkt oder zum Arbeitsförderungsrecht hat. Die kostenlose Beratung ist nicht an den Status „arbeitslos“ gebunden.

Im Gegenteil: Den Mitarbeitern der Bundesanstalt für Arbeit ist es am liebsten, wenn Arbeitslosigkeit gar nicht erst eintritt. Wenn der Beitragszahler noch innerhalb der Kündigungsfrist erste Schritte für einen Anschlussjob unternimmt, sehen die Arbeitsberater die größten Chancen für einen lückenlosen Übergang in eine neue Beschäftigung.

„Warum gerade ich?“

Genau das sagen auch die meisten privaten Jobvermittler. Und Manfred Brücks vom Personaldienstleister Adecco gibt den konkreten Tipp: „Sich bei einem Zeitarbeitsunternehmen zu bewerben, ist doppelt sinnvoll. Selbst wenn es nur eine Übergangslösung sein sollte, so entsteht wenigstens keine Lücke im Lebenslauf. Und es ist ja auch nicht ausgeschlossen, dass die neue Aufgabe genau die richtige ist."

Doch die meisten Geschassten verhalten sich anders. In der nächsten Phase stellt sich nämlich eine Art Erleichterung ein: Endlich ist Schluss mit der Ungewissheit. Erst danach, so haben die Fachleute der Outplacement-Beratung von Rundstedt & Partner bei ihren Klienten quer durch alle Hierarchieebenen beobachtet, entwickeln sich expressive Gefühle wie Zorn oder Wut. Christoph Eichhorn, Personalberater und Autor des Buches „Souverän durch Self-Coaching – Ein Wegweiser nicht nur für Führungskräfte“ (Vandenh. u. R., Göttingen 2001, 23 Euro 90) rät in dieser Situation: „Auch wenn Sie Ihrem Chef jetzt mal richtig die Meinung sagen wollen, so ist dieser Wunsch zwar verständlich, aber machen sollten Sie es nicht. Immerhin könnte Ihr zukünftiger Arbeitgeber irgendwann mit ihrem Ex-Chef Verbindung aufnehmen wollen. Der würde dann kein gutes Bild von Ihnen beschreiben.“ Doch irgendwo müssen die Gefühle hin. Angst vor der Zukunft, Wut und Verzweiflung und vor allem die automatisch auftauchenden Fragen „Warum gerade ich?“, „Was habe ich falsch gemacht?“ und „Wie geht es jetzt weiter?“ brauchen ein Ventil.

Die Familie als seelischen Mülleimer zu benutzen, verbietet sich. Berufsfindungsberaterin Uta Glaubitz empfiehlt, einen ruhigen Ort zu suchen und zehn Gründe aufzuschreiben, warum man eigentlich längst selbst hätte kündigen sollen. Etwa: Eigentlich verdiene ich sowieso zu wenig, eigentlich weiß mein Chef meine Arbeit nicht zu schätzen und eigentlich kann ich viel mehr, als ich bislang zeigen konnte. Diese Überlegungen helfen nach Überzeugung von Glaubitz, sich von der Krise abzuwenden und auf die jetzt notwendigen Schritte nach vorn zu konzentrieren. Ihre Tipps für den Anfang: „Zeugnis besorgen, Lebenslauf auf Vordermann bringen, wieder mit dem Joggen anfangen. Das macht das Hirn frei und stellt einen wieder auf die Füße.“

Besonders Letzteres hält die Beraterin für konstruktiver, als über die Ungerechtigkeit der Welt zu lamentieren oder sich aus lauter Verzweiflung dem erstbesten Karriereberater für teures Geld an den Hals zu werfen. Glaubitz ist davon überzeugt: „Karriereberater können helfen. Doch man sollte bei der Auswahl genau so viel Sorgfalt walten lassen wie bei der Wahl des Ehepartners."

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