Zeitung Heute : Das große Welken

Wenn die letzten Blätter gefallen sind

Ursula Friedrich

Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten….“ So fängt ein Herbstgedicht von Rilke an. Hatten wir je einen so schönen Oktober wie dieses Jahr? Ich stehe auf meiner Terrasse und betrachte meinen Garten, der so bunt und leuchtend ist wie nie, die Sonne scheint, Spinnweben blitzen am Zaun, und mein missratener Rasen ist bedeckt von Blättern in allen Farben. Rosa und rot vom Kirschbaum, golden von der Forsythie, Kupferrotes hat die Felsenbirne gespendet, Zitronengelbes die Birke. Ich mag nicht zusammenrechen, noch nicht.

Die Geranien blühen noch. Die Margeriten auch. Wann habe ich sie gekauft, heimgetragen? Ich rechne die Zeit zurück – den kurzen Sommer, die vielen Regentage. Die Rosen in den großen Töpfen gehören eingewintert, kürzer geschnitten. Noch nicht. Die Lieschen sind noch eifrig beim Knospenbilden. Ich muss sie ins Klo stellen, kühl nach Norden, zum Ausblühen. Noch nicht. Sie verlieren im Hausinnern so schnell ihren Glanz.

Späte Sämlinge vom Borretsch leuchten blau, so viel Gurkensalat und Kartoffelsuppe kann ich in diesem Spätherbst nicht mehr zubereiten. Sie müssen erfrieren. Wie die Reste der Ringelblumen.

Noch. Noch nicht. Noch hinschauen, bewundern, alles so lassen, wie es ist. Ach, ein paar Tage. Am letzten Oktobertag wache ich auf, und der Zauber ist vorüber. Keine Blätter mehr an den Bäumen. Im Himmel welken keine fernen Gärten. Es ist vorbei. Die großen Horte des Phlox müssen tief hinuntergeschnitten werden. Auch der Mohn. Alles, was hoch ist. In den Gartenzeitungen steht zwar manchmal der Rat, alles stehen zu lassen, weil es im Raureif wunderschöne bizarre Formen annimmt. Aber wir hier in Alpennähe haben mehr Schnee als Raureif, der Schnee drückt alles zusammen, das sieht in den Tauphasen unordentlich und faulig aus. Ich lasse lieber im Staudenbeet die Blätter liegen und verteile aus bereit stehenden Säcken frische Erde über die sommermüden Pflanzen. Und stelle mir vor, wie die Pflanzen und Spinnen und Würmchen sanft darüber schlafen.

„Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren lass die Winde los…“. Auch ein Gedicht von Rilke. Eher traurig.

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