Zeitung Heute : Das Grüne liegt so nah

Bei den „Umwelt-Detektiven“ lernen Berliner Grundschüler die Natur vor ihrer Haustür kennen

Silke Zorn
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Und, was hast Du da? Fehmi (vorne) und seine Mitschüler bestimmen Bodentiere aus dem Wald. Obwohl der in Berlin nicht weit ist,...

Es gibt Armbanduhren, Eieruhren und Stoppuhren – aber was, zum Kuckuck, ist eine Bein-Uhr? Volker Schneider, Projektleiter der „Umwelt-Detektive“, zieht eine Zeichnung hervor und zeigt sie den Kindern, die ihn im Garten der Schöneberger Teltow-Grundschule umringen. In der Mitte ist ein Ziffernblatt zu sehen, doch statt Zahlen steht dort „0 Beine“, „6 Beine“, „8 Beine“ und „viele Beine“. Daneben sind allerlei Tiere abgebildet, die sich den Kategorien zuordnen lassen: Fadenwürmer und Springschwänze, Milben und Erdläufer, Saftkugler und Steinkriecher. „Sie alle leben bei uns im Wald“, sagt Schneider, „und den habe ich Euch heute mal mitgebracht.“

Dass Großstadtkinder Natur erleben, ist nicht mehr selbstverständlich – auch nicht in einer so grünen Metropole wie Berlin. Im März 2009 startete die Bürgerstiftung Berlin deshalb ihr Projekt „Die Umwelt-Detektive“, das von der Boeing International Corporation gefördert wird. Gemeinsam mit der Umweltpädagogin Isabell Hollenbeck, Volker Schneider vom Verein Baumschlau und weiteren ehrenamtlichen Paten erkunden Schüler der Teltow-Grundschule und der Kreuzberger Fanny-Hensel-Grundschule die Stadtnatur. Sie besuchen den nahe gelegenen Naturpark Gleisdreieck, fahren in den Grunewald, bestimmen Bäume und basteln ein Herbarium. „Viele Kinder machen heute kaum noch Naturerfahrungen, sondern sitzen vor dem Fernseher oder dem Computer“, sagt Leonie Silber von der Bürgerstiftung. „Wir möchten ihnen die Möglichkeit geben, ihren Kiez und seine grünen Ecken kennenzulernen.“ Was unterscheidet einen gesunden von einem kranken Baum? Wie sieht ein Blatt unter dem Mikroskop aus? Und wie verändert sich die Natur im Wechsel der Jahreszeiten? Schritt für Schritt sollen die Schüler wieder ein Gespür für die Umwelt vor ihrer Haustür bekommen.

Im „Detektiv-Workshop“ an der Teltow-Grundschule geht es derweil hoch her. Volker Schneider hat eine durchsichtige Plastikbox mitgebracht, in der Erde, Blätter, Wurzeln und Rinde liegen. Was man erst auf den zweiten Blick sieht: Darin stecken auch viele kleine Kriech- und Krabbeltiere. Schneider verteilt Pinzetten, Pipetten und Lupen, stellt ein Mikroskop bereit. „Nehmt Euch ein Tier heraus und beobachtet es genau“, sagt er. „Wie groß ist es? Wie viele Beine hat es? Wie bewegt es sich?“ Der 11-jährige Mahmoud entscheidet sich für eine kleine Schnecke, die er vorsichtig in einen Plastikbecher mit Luftlöchern setzt. Fehmi, im roten Fußballtrikot, hat einen Wurm in seiner Dose. „Welches Tier ist das?“, fragt er. „Guck doch auf die Bein-Uhr“, kommt die Antwort prompt von Volker Schneider. Fehmi sucht und wird fündig: „Da, ein Schnurfüßer!“ „Könnte stimmen“, meint Schneider schmunzelnd. Salija versucht derweil, die Beine einer flinken Assel unter dem Mikroskop zu zählen. Gar nicht so leicht bei dem Hin- und Hergerenne. „Die ist aber ganz schön schnell“, staunt die 11-Jährige. „Die will ins Dunkle“, erklärt Schneider. Klar, schließlich ist sie nachtaktiv.

Der engagierte Berliner ist seit Jahren in Sachen Umweltpädagogik aktiv. Und er kennt die Schwierigkeiten im Umgang mit den Kindern, von denen viele aus benachteiligten Familien stammen. „Den meisten fällt es schwer, bei der Sache zu bleiben“, sagt er. „Sie brauchen klare Ansagen, ein Ziel vor Augen.“ Das Verständnis für Natur und Umwelt fehle ihnen völlig. „Sie fahren vielleicht mal im Sommerurlaub ans Meer, aber den Wald vor ihrer Haustür kennen die wenigsten.“

Umwelt-Patin Katharina Richter hilft den Schülern derweil beim Bestimmen eines weiteren Waldbewohners. Sie studiert Stadt- und Regionalplanung an der Technischen Universität und hat die Fünftklässler schon zur Waldschule im Plänterwald und in den Botanischen Garten begleitet. Auch weitere Ehrenamtliche sind inzwischen mit von der Partie, erzählt Leonie Silber von der Bürgerstiftung, „zum Beispiel ein Hobby-Ornithologe und ein Tiermedizin-Student.“ Der hat zur Freude der Kinder sogar schon Mal seinen Hund mitgebracht – und eine echte Schlange. Bei der dürfte die Bein-Uhr allerdings überflüssig gewesen sein.

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