Zeitung Heute : Das gute alte Berlin neu entdecken

Brigitte Grunert

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Na klar, Berlin ist Spitze, war immer so. Selbst zu Mauerzeiten haben wir uns selbstverständlich mit Metropolen wie London, New York und Paris verglichen, wenigstens im Westen. Das war natürlich nichts gegen heute. Das Regierungsviertel, der Hauptbahnhof, der Pariser und der Potsdamer Platz haben Hauptstadt- und Weltstadtflair. Unsereiner reibt sich immer noch die Augen, die jungen Leute aber wissen rein gar nichts mehr von den toten Mauerwinkeln.

Trotzdem: Berlin bleibt eine polyzentrische Stadt. Jeder Stadtteil hat sein eigenes Gesicht. Köpenick ist anders als Spandau oder Pankow, Kreuzberg anders als Zehlendorf. Das hat weniger mit Ost-West-Prägungen zu tun als viele meinen. Wer anno dunnemals im Berliner Westen zu Hause war, für den endete Berlin bereits am Alexanderplatz. Ganz Berlin ging zwar in den Zoo, aber richtige Weddinger oder Friedrichshainer setzten keinen Fuß auf den Kurfürstendamm.

Na schön, die Rentnerin wundert sich über alte Bekannte, die aus purer Ost-West-Gewohnheit auf die Volksbühne schwören, aber das Renaissance-Theater ignorieren und umgekehrt. Doch das verwächst sich. Eine Verwandte war 15 und ging in Bernau zur Schule, als die Mauer fiel. Mittlerweile ist sie mehrmals innerhalb Berlins umgezogen, Ost- und Westbezirke spielten bei der Wahl der Wohnung keine Rolle, lächerlich fände sie das.

Unsere Wilmersdorfer Freundin, seit Jahrzehnten Amerikanerin, besucht regelmäßig ihre Heimatstadt. Sie und ihr Mann staunen immer, wie sich die Stadt häutet und doch dieselbe bleibt. Kürzlich hat sie zum ersten Mal der jüngste Sohn begleitet. Der ist nichts als Amerikaner, aber er war so begeistert von der Vielfalt, dass wir unsererseits staunten. Metropole, quirlige Szeneviertel, ruhige Wohnviertel, Kieze, Kultur und Natur, Seen und Wälder, in denen man Wildschweinen begegnet. Er hatte sich gar nicht vorstellen können, was Berlin alles ausmacht. „Also Oma, hier könnte ich auch leben“, erklärte er. Schön, dass das waschechten Berlinern mal gesagt wird.

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