Zeitung Heute : Das hässliche Gefühl

Beziehungsdrama: Die eine geht fremd, der andere verknallt sich. Auch in der Eifersucht reagieren Frauen und Männer total verschieden. Morgen ist Valentinstag – also reißen Sie sich mal zusammen!

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Letzte Woche in der „Ostfriesen Zeitung“: Wegen eines Bombenanschlags auf seine ExFrau ist ein Mann aus Südbrookmerland zu sechs Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt worden. Im Juni 2004 hatte der 51-Jährige seine selbst gebastelte Paketbombe vor die Wohnungstür seiner ehemaligen Freundin gelegt.

Die seltsame Sendung war mit Silvesterböllern, Glassplittern, Schaschlikspießen, einem Stückchen Wunderkerze und Brennspiritus gefüllt. Durch einen Zufall war der Spiritus ausgelaufen: Die Explosion blieb aus, die Bombe verpuffte. Der Plan des Mannes ging buchstäblich in Rauch auf. Mit der bizarren, lebensgefährlichen Aktion hatte er seine Ex-Freundin für immer entstellen wollen. Das Motiv: rasende Eifersucht.

Eifersucht, gibt es ein hässlicheres Gefühl? Eifersucht gilt als Zeichen von Charakterschwäche, wie Neid, Gier oder Habsucht. Unsichere Menschen sind eifersüchtig, Menschen mit Minderwertigkeitskomplexen. Zugleich ärgern sich die Betroffenen selbst über ihre Gefühle, „weil sie modern sein wollen, die Eifersucht aber ein unmodernes Gefühl ist, kleinlich, besitzergreifend, engherzig und von Abhängigkeit zeugend“, wie der Paartherapeut Hans Jellouschek meint.

Genau genommen aber war sie nie sonderlich beliebt, die Eifersucht. Für Shakespeare, der seinen Othello aus Eifersucht Desdemona erdrosseln ließ, war sie ein „grünäugiges Ungeheuer“, das die Liebe, von der es lebt, verhöhnt. Und der Philosoph Friedrich Schleiermacher urteilte knapp: „Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.“

Du siehst deine Freundin auf der Party flirten, und plötzlich ist es da, dieses mulmige Gefühl im Magen – jetzt bloß gelassen bleiben, denkst du, sei großzügig, sei einfach normal. Aber nein. Es ist stärker, dieses niedrige, neurotische, stechende Gefühl. Du willst es nicht wahrhaben, versuchst es zu verstecken, kämpfst dagegen an. Wahre Liebe eifert schließlich nicht. Oder?

Oh doch, sagen neuerdings viele Experten. Zum Beispiel David Buss, Evolutionspsychologe an der Universität in Austin, Texas. Jahre lang hat der Wissenschaftler die dunkle Leidenschaft erforscht, mit Fragebögen, mit Elektroden, in unterschiedlichen Ländern, auf verschiedenen Kontinenten. Das Fazit des Evolutionspsychologen: „Liebe ohne Eifersucht ist keine Liebe.“ Mehr noch, es gibt keine einzige Gesellschaft, sagt der Experte, in der es die Eifersucht nicht gibt: „Sogar bei den Ammassalik-Eskimos in Grönland, die oft als Kultur gerühmt werden, der Eifersucht völlig unbekannt sei, kommt es vor, dass ein Ehemann einen Nebenbuhler tötet, der mit seiner Frau geschlafen hat.“ Offenbar treibt William Shakespeares „grünäugiges Ungeheuer“ auf der ganzen Welt sein Unwesen.

Und natürlich in fast jedem von uns: 80 Prozent der Deutschen zumindest geben zu, hin und wieder Eifersucht zu spüren. Dabei scheinen Frauen und Männer das Gefühl zwar in gleicher Intensität zu empfinden – nur, was den Auslöser betrifft, der die heftigsten Eifersuchtsattacken hervorruft, da scheiden sich die Geschlechter, wie David Buss in einem seiner Versuche herausfand. Der Psychologe schloss Testpersonen an einen Lügendetektor, registrierte ihren Puls und klebte eine Elektrode auf den Muskel über der Augenbraue; runzeln wir verärgert die Stirn, zieht sich dieser Muskel zusammen.

Nun hielt der Forscher seinen verkabelten Versuchskaninchen zwei Szenarien vor Augen: Einmal sollten sie sich vorstellen, ihr Partner würde sich in einen anderen verlieben – ohne Sex, rein platonisch. Im zweiten Teil des Versuchs bat er die Testpersonen, sich auszumalen, ihr Freund oder ihre Freundin habe leidenschaftlichen Sex mit einem Nebenbuhler oder einer Nebenbuhlerin.

Es zeigte sich: Brüteten Männer über die Vorstellung, ihre Frau würde das Bett mit einem Konkurrenten zerwühlen, schlugen die Messgeräte wie verrückt aus – viel heftiger als bei der reinen Gefühlsverirrung. „Ihr Herzschlag beschleunigte sich um beinahe fünf Schläge pro Minute“, berichtet Buss – das passiert zum Beispiel auch, wenn man rasch drei Tassen Kaffee trinkt. Der Stirnmuskel über dem Auge zog sich zusammen „wie ein Akkordeon“.

Bei den Frauen war es genau umgekehrt: Ihre Stressreaktionen waren am stärksten bei dem Gedanken, ihr Mann verliebe sich in eine andere. Einen One- Night-Stand empfanden sie als weitaus weniger verletzend.

Buss erklärt sich den Unterschied mit Blick auf unsere Entwicklungsgeschichte: Für den Ur-Mann in der afrikanischen Savanne war es keine Katastrophe, wenn sich seine Frau in einen anderen verguckte. Der größte genetische Albtraum trat erst ein, wenn sie mit dem Kerl fremdging und ihm ein Kuckuckskind unterschob. Nicht nur hatte es der Mann, dem dieses Schicksal ereilte, versäumt, seine Gene an die nächste Generation weiterzugeben. Er jagte und sammelte darüber hinaus auch noch für das Kind eines anderen Mannes – und das bedeutete für ihn so etwas wie die Höchststrafe der Evolution.

Bei der Ur-Frau verhielt es sich anders: Der Mann konnte und kann sich nie sicher sein, dass das Kind, das er bekommt, auch sein Kind ist (Stichwort Vaterschaftstest) – bei der Frau liegt diese Sicherheit stets bei 100 Prozent. Ein einmaliger Seitensprung ihres Mannes bereitete der Ur-Frau deshalb weniger Kummer als die Gefahr, er könne sich gefühlsmäßig an eine Rivalin binden und sie dafür in der nahrungsarmen Steppe mit der Aufzucht des Nachwuchses im Stich lassen. Heute, wo es an jeder Straßenecke einen Bäcker gibt, stellt das zwar kein unüberwindbares Problem mehr dar: Die Frau braucht den Mann als Jäger und Ernährer nicht mehr unbedingt – das aber, argumentieren Evolutionstheoretiker, können ja unsere Gene nicht wissen.

Aus dieser Sicht ist Eifersucht keine Krankheit, sie stellt keine Charakterschwäche dar, sondern ist emotionales Wissen, das uns die Evolution mit auf den Weg gegeben hat: Eifersucht als Abwehrstrategie, von der Natur ins Leben gerufen, um den Partner am Fremdgehen zu hindern.

Okay, gut, und warum bastelt der eine dann Paketbomben für seine Ex-Frau, während der nächste in ihr eine Freundin fürs Leben findet? Wie gelingt es manchen, gelassen zu bleiben, während andere durchdrehen, wenn sie ihren Freund auf der Party mit der Unbekannten flirten sehen? Warum reagieren Deutsche anders als, sagen wir, Iraner? Spätestens an dieser Stelle sind die Evolutionsbiologen mit ihrem Latein am Ende. Kultur und Erziehung kommen ins Spiel.

So fand die Psychologin Christine Harris von der Universität San Diego heraus, dass Menschen in anderen Regionen der Welt auf die Szenarien von David Buss auch anders reagieren. Bei chinesischen Männern zum Beispiel war es so, dass nur 25 Prozent die sexuelle Untreue am schlimmsten fanden – für die restlichen 75 Prozent war die emotionale Untreue viel unerträglicher.

Auch was wir in unserer Kindheit erleben, entscheidet darüber, wie eifersüchtig wir als Erwachsene sind. Beispiel: Einzelkinder neigen, wie der holländische Psychologe Bram Buunk von der Universität Groningen in einer Studie mit 200 Frauen und Männern festgestellt hat, am wenigsten zur dunklen Leidenschaft – ganz entgegen dem Vorurteil.

Etwas sensibler sind da schon die Erstgeborenen, die irgendwann die Liebe ihrer Eltern teilen mussten. Den stärksten Hang zur Eifersucht jedoch haben Zweit- oder Drittgeborene. Offenbar gibt die Erfahrung, als Kind einmal exklusive Liebe und Aufmerksamkeit erfahren zu haben, einen Menschen fürs ganze Leben ein Gefühl der Sicherheit. Spätere Geschwister dagegen haben von Anfang an gelernt, dass man für Liebe kämpfen muss.

Aber für die Liebe zu kämpfen, ist das etwa schlimm? Wie hässlich ist die Eifersucht wirklich? Ist sie nicht auch ein großer Liebesbeweis, ein Ausdruck von Leidenschaft?

Doch, das ist sie. Eifersucht muss nicht hässlich sein, im Gegenteil, sie wird es erst, wenn sie über das Ziel hinausschießt. Wenn schon der leiseste Verdacht Misstrauen auslöst. Wenn wir anfangen, unserem Partner grundlos nachzuspionieren, wenn wir ihn am liebsten wegsperren würden. Ganz zu schweigen davon, wenn die Eifersucht zu Gewalt führt. Das allerdings ist oft der Fall: Das häufigste Motiv, das Ehemänner nennen, die ihre Frauen umgebracht haben, ist sexuelle Eifersucht. Das legen jedenfalls einige US-Statistiken nahe.

Vor allem die grundlose, zerstörerische Eifersucht ist es, die das Gefühl in Verruf gebracht hat. Dabei verhält es sich mit der Eifersucht wie mit der Angst: Angst als solche brauchen wir zum Überleben. Krankhafte Angst macht umgekehrt das Leben unmöglich.

Evolutionspsychologen wundern sich übrigens nicht darüber, dass gerade Gefühle wie Eifersucht und Angst so leicht spontan außer Kontrolle geraten. Diese Emotionen, sagen sie, ähneln Feuermeldern, die lieber Fehlalarm geben, als im Ernstfall zu versagen. Lieber einen Betrug zu viel sehen, als einen zu übersehen. Aus diesem Grund schlittert die Eifersucht so leicht ins Überzogene, Krankhafte.

Was bei diesem Übergang biochemisch mit uns passiert, hat man erst kürzlich entdeckt. So entnahm die Psychiaterin Donatella Marazziti von der Universität Pisa hochgradig eifersüchtigen Studenten, deren Gedanken täglich mindestens eine Stunde lang einzig und allein um die Sorge kreisten, ihr Partner könne sie betrügen, eine Blutprobe und stellte fest: Der Spiegel eines Botenstoffs namens Serotonin lag bei den Liebeskranken am Boden.

Ein ähnlicher Befund zeigt sich bei Zwangspatienten, Menschen, die zum Beispiel die Neigung haben, sich 39-mal am Tag die Hände zu waschen. Bei den krankhaft Eifersüchtigen, vermutet die italienische Forscherin, bekommen die Gedanken und Handlungen einen ähnlich zwanghaften Charakter: Ständig wittern die Betroffenen den Betrug, jede Verhaltensweise des Partners gibt Anlass zu Misstrauen, immer wieder kontrollieren sie dessen Jackentaschen, Handy oder Portemonnaie. Behandelt man die „Eifersuchtspatienten“ mit Medikamenten, die das Serotonin im Kopf auf Trab bringen, lässt das neurotische Verhalten nach. Und auch Psychotherapeuten versuchen in langen Sitzungen die zwanghaften Gedanken Stück für Stück zu durchbrechen.

Doch die Eifersucht ist hartnäckig. Ein Patentrezept, das uns für immer von ihr kurieren könnte, ist nicht in Sicht. Der US-Autor Ambrose Bierce riet zur Gelassenheit. Er hielt die Eifersucht für eine „unnötige Besorgnis um etwas, das man nur verlieren kann, wenn es sich sowieso nicht lohnt, es zu halten“.

Ob er damit Recht hat?

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