Zeitung Heute : Das Hässliche lieben

Sigrid Kneist

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Charlotte und ich haben ein neues Lieblingstier. Sobald eine von uns nur seinen Namen nennt, schauen wir uns an und brechen in Lachen aus. Es ist ein ganz besonderes Tier. Ein ganz besonders hässliches Tier nämlich. In seiner Hässlichkeit wirkt es extrem lächerlich, gleichzeitig aber auch seltsam zerbrechlich, so dass es uns von Herzen rührt. Manche nennen es das hässlichste Tier der Welt. Es ist der Nacktmull! Dieser lebt unter der Erde und ist blind. Charlotte sagt, er sieht aus wie eine Weißwurst mit Pfötchen und Schwänzchen. Ich finde die Beschreibung noch ein wenig geschmeichelt. Außergewöhnlich groß und hervorstehend sind die Zähne des Nagers. Sie liegen vor den Lippen; so kann er sich gut durchs Erdreich beißen. Beeindruckt ist Charlotte vom Sozialgefüge des Mulls: Wenn sich zwei der tierischen Weißwürste in den unterirdischen Gängen begegnen, krabbelt immer das rangniedere Tier unter dem ranghöheren durch. Die Hierarchie im Erdreich ist damit genauer geklärt als in unserer Familie.

Kennen gelernt haben wir den Nacktmull im Fernsehen. In einer der vielen Tiersendungen, die in der Gunst der Neunjährigen ganz oben stehen. Vorbei sind die Zeiten von Biene Maja. Trickfilmtiere ziehen nicht mehr, sie müssen schon naturalistisch über den Bildschirm kommen. Und die Natur kann eben manchmal ziemlich hässlich sein.

Dieses veränderte Fernsehverhalten mache ich noch ganz gerne mit. Aber neben den Viechern hat Charlotte eine weitere TV-Vorliebe entwickelt – die Viva-Charts. Die sind nur schwer erträglich. Nein, die sind unerträglich. Die halte ich nicht aus. Aber zum Glück mein Mann, der ist da abgehärteter. Die Aufgabe des mitschauenden Elternteils muss er übernehmen; das macht er tapfer und engagiert. Ab und zu wird er sogar zum Kauf einer CD inspiriert. Was ihn aber schwer nervt, ist die Dauerwerbung für Klingeltöne und Display-Bildchen oder -Animationen. Für Letztere hätte ich eine Idee: Wie wär’s mit einem Nacktmull? Da hat man immer was zu lachen.

Nacktmulle gibt es in Deutschland nur in den Zoos von Dresden und München. Der Tierpark Friedrichsfelde verfügt dagegen über eine andere Sensation – drei Elefantenbabys. Die haben irgendwann auch große Zähne.

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