Zeitung Heute : Das Hartei

Alles Schwächlinge außer ihm: Jürgen Wilhelm Möllemann liest aus seinem Buch

Robert Birnbaum[München]

Rote Teppiche. Doch, die liegen wirklich aus im Fünf-Sterne-Hotel „Vier Jahreszeiten“ in München: Gegenüber an der Maximilianstraße Cartier und Hermès, drinnen poliertes Messing, geschliffene Spiegel. Der Autor schreitet gemessenen Schrittes zum Büchertisch vor dem Salon Diana, nimmt sein Werk sorgsam in die Hand, die Kameras klicken. „Bitte noch einmal ganz zu mir, Herr Möllemann!“ „Bitte schön“, sagt Jürgen W. Möllemann und dreht sich bereitwillig ein Stück nach rechts.

Das mit den vielen Kameras zeigt schon, dies ist keine gewöhnliche Buchvorstellung. Hat der Autor ja auch für gesorgt. Vorabdruck im „Stern“ mit penibler Auswertung aller „Stellen“, am Vorabend Fernsehtalk mit Gabi Bauer, weitere Talkrunden fest gebucht. Man hat also vorher gewusst, wonach man suchen muss auf den 256 Seiten „Klartext“. So heißt das Buch. Nach der Stelle, an der Hans-Dietrich Genscher als Leuteschinder entlarvt wird zum Beispiel oder als eitler Fant, der den Friedensnobelpreis habe haben wollen, ersatzweise den Karlspreis. Nach der Stelle, die Otto Graf Lambsdorff bescheinigt, dass er andere nur als „baltische Stiefelknechte“ betrachte. Und nach den Stellen, natürlich, über „Dr. Westerwelle“. Den Unzuverlässigen. Den Zauderer. Den Jämmerling. Den Wortbrüchigen. Das Weichei.

Der Autor kann sich nach dieser Vorarbeit auf den Rest beschränken, und das tut er auch. Um von der nächsten halben Stunde einen Eindruck zu haben, genügt es zu wissen, dass da Sätze fallen wie „Der Streit um die künftige Weltordnung hat begonnen“, die „Abschaffung des demokratischen Obrigkeitsstaats“ kommt vor sowie die Forderung: „Deutschland muss seiner europäischen Innenpolitik Ziele und Strategie geben.“ Das könnte mal ein Parteiprogramm werden.

Aber so weit sind wir noch nicht, und so weit, sagt Möllemann jedenfalls, sei er auch noch nicht. Man muss das nicht glauben. „Der will sich erst als Märtyrer aufbauen“, hat vor kurzem einer vermutet, der mit ihm vor etwas längerem noch dicke war. Die gesamte FDP-Spitze sieht ihren Ex-Kumpel sowieso längst auf dem Weg. Die wollten ihn ja auch loswerden, sagt der, das sei doch klar.

Es ist schwierig, in Möllemanns Gegenwart gegen solche Art Klarheit Einwände zu erheben; zum Beispiel den, dass jemand ja wohl nicht im Ernst an eine Zukunft in der FDP denken kann, deren Führungsleute er soeben schriftlich zu hinterhältigen, verblendeten Memmen erklärt hat. Man wird, wenn man solche Einwände erhebt, nämlich ganz schnell selbst als fester Bestandteil in die Verschwörungstheorie integriert. Eine Theorie, die immerhin den Mossad als Gegner einschließt. Das ist ja, neben der versuchten Hinrichtung des einstigen Gönners Genscher, das tollste Stück in diesem Buch: Wie da erzählt wird, dass ein „Mann ohne Namen“ in Jerusalem Guido Westerwelle „beim langen Warten auf die Audienz bei (Israels Ministerpräsident) Ariel Scharon“ beiseite genommen habe und „unmissverständlich“ seinen, Möllemanns, Kopf gefordert habe. Einer vom Mossad, dem israelischen Geheimdienst. Einer, der etwas gegen „Dr. Westerwelle“ in der Hand gehabt haben müsse, derart, dass dieser Dr. Westerwelle sich hinterher nur zitternd und weinerlich daran erinnert habe, was man ihm in Israel zugemutet habe.

Dass von denen, die bei dieser Reise dabei waren, sich keiner an ein langes Warten auf eine Audienz erinnern kann und nicht an einen Mann ohne Namen – komm doch keiner dem Möllemann mit Details! „Es ist so!“, raunzt er im Salon Diana ins Mikrofon. „Millionen Menschen in Deutschland haben sich gefragt: Warum dieser abrupte Bruch zwischen Möllemann und Westerwelle?“ Kurze Pause. „Es muss einen Hebel gegeben haben.“ Noch mal kurze Pause. „Da ist nicht nur Rauch, da ist auch Feuer!“

Es ist so, denn es muss so sein. Dass Westerwelle im Nahen Osten einfach zu der Einsicht gekommen sein könnte, dass das Spiel seines damaligen Stellvertreters mit dem Antisemitismus der Wirklichkeit nicht gerecht wird – ausgeschlossen. Sonst hätten ja alle Recht und Jürgen W. Möllemann Unrecht. Aber das kann überhaupt nicht sein. Nicht in der Welt des Jürgen W. Möllemann, nicht in der „Klartext“-Welt. In der nur ein Klartext fehlt, nämlich was aus alledem werden soll. Das sagt er nicht. Raunt von „neuen Wegen“, raunt vom „Abgeordneten, der niemandem gehorsam sein muss“, von Aussöhnung mit der liberalen Familie. Nach diesem Buch? „Wir sind im Grenzbereich dessen, was man sich noch gegenseitig zumuten kann“, sagt Möllemann ungerührt. Gegenseitig, bitte schön! Niemand habe so viel einstecken müssen wie er, jetzt dürfe er doch auch mal austeilen, hat er Gabi Bauer gesagt.

Möllemann, der Schmerzensmann. So würde er gerne gesehen. Vielleicht ist er es sogar. Nur ganz anders, als er es gerne gesehen hätte. Er habe keine Abrechnung geschrieben, sondern eine nüchterne Bilanz, hat Möllemann in München versichert. Man kann das Buch tatsächlich so lesen. Es ist dann die Bilanz eines Mannes, der zwei Parteichefs der FDP geschafft hat und sogar so weit war, dass seine Gegner mit zusammengebissenen Zähnen einen „18“-Button ans Revers steckten. Fast hätte er es geschafft. Mit Tricksen und Wortbruch und allem, was so üblich ist bei der FDP. Und dann hat ihn der dritte Parteichef erledigt. Mit seinen eigenen Methoden. Dieser „Dr. Westerwelle“. Das Guidolein. Das Weichei.

Aber das darf nicht wahr sein in der „Klartext“-Welt. So wie es nicht wahr sein darf, dass wirklich alles vorbei sein soll. Nicht ob, nur auf welche Weise er weiter Politik machen werde, stehe noch nicht fest, sagt Möllemann. Vorher hat er ernst und fest in die Kameras geblickt, hinter dem „Klartext“-Stapel. Er hat sich nach rechts gedreht, wenn einer ein Bild von rechts wollte, nach links für die Kameraleute auf der linken Seite, dann hat er das linke Auge zugekniffen. Das freut die Kameraleute, ein gutes Bild. „Noch mal so zwinkern, ein letztes Mal“, sagt einer. Möllemann zwinkert. Ein letztes Mal.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar