Zeitung Heute : Das hat ein Nachspiel

Korruption in München: Die Schmiergeldaffäre um Karl-Heinz Wildmoser und Sohn bringt die Stadt vielleicht in Schwierigkeiten. Auch Sportminister Otto Schily ist alarmiert. Schließlich muss alles verhindert werden, was die Weltmeisterschaft im Jahr 2006 gefährdet.

Robert Ide

DER FUSSBALL-SKANDAL

Otto Schily ist kein Fan von 1860 München. Der Sport- und Innenminister der Bundesregierung ist der Spielvereinigung Unterhaching treu, einem Münchner Provinzverein, der sich derzeit durchs Mittelfeld der Zweiten Fußball-Bundesliga spielt. Vielleicht war Schily ganz froh darüber am Mittwoch, dem Tag nach der Aufdeckung eines der womöglich größten Bestechungsskandale des deutschen Fußballs rund um den Präsidenten des TSV 1860 München, Karl-Heinz Wildmoser, und dessen Sohn. Dennoch zeigte sich Schily entsetzt und „schockiert“, weil der Skandal um die mögliche Verschiebung des Bauauftrags für die AllianzArena, das neue Münchner Fußballstadion, durch die Wildmosers etwas betrifft, das Schily und seiner Regierung am Herzen liegt: die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland.

Eilig forderte Schily umfassende Ermittlungen und eine Neuordnung der Vereinsspitze beim TSV 1860. „Nur durch umfassende und schnelle Aufklärung kann verhindert werden, dass ein Schatten auf die Ausrichtung der WM fällt“, sagte Schily. Im Münchner Stadion sollen sechs Spiele des Turniers stattfinden, darunter das Eröffnungsspiel und ein Halbfinale.

Allein die Äußerung des Innenministers zeigt, wie schwer die mögliche Korruption in Millionenhöhe dem Sportland Deutschland zu schaden droht – und damit dem Wirtschaftsstandort. Im Sportausschuss des Bundestages warnten Politiker aller Parteien vor den Folgen für das Sport- und Kulturereignis. „Der Schaden ist schon da, wir müssen ihn jetzt so gering wie möglich halten“, sagte der Sportexperte der Grünen, Winfried Hermann, auf Nachfrage. „Die Bundesrepublik darf weder eine Bananen- noch eine Löwenrepublik werden“, sagte Hermann in Anspielung auf den TSV 1860, der einen Löwen im Wappen trägt.

Bei den Parteien und in den anderen WM-Städten herrschte auch am Tag nach der Festnahme der Wildmosers und zweier weiterer Verdächtiger Entsetzen. Nach Informationen aus Senatskreisen wurde in Berlin eine Überprüfung aller Verträge der Stadiongesellschaft des Olympiastadions angeordnet. Die Stadien in Berlin und Leipzig werden von der öffentlichen Hand finanziert.

In München dagegen sind die beiden Vereine FC Bayern und TSV 1860 Gesellschafter der neuen, noch im Bau befindlichen Arena. Diese Struktur stößt in der Politik auf Kritik. „Die Vermischung von Vereinsinteressen und Interessen der Stadt München halte ich für sehr bedenklich“, sagt Manfred Schaub, der im SPD-Parteivorstand zuständig für Sportpolitik ist. Wenn führende Vereinsvertreter wie Wildmoser auch an städtischen Projekten wie einem Stadionbau beteiligt seien, müsse man sich Sorgen machen. Der Bund beteiligt sich in München lediglich an der Finanzierung der Infrastruktur rund um das Stadion, das – nach dem umstrittenen Bauauftrag an die Firma Alpine – insgesamt 280 Millionen Euro kosten soll.

Dass die Fußball-Weltmeisterschaft in ihrer Gesamtheit von dem Skandal berührt ist, schließen die Organisatoren nicht mehr aus. „Die Schlagzeilen gehen in die ganze Welt“, sagte Franz Beckenbauer, Cheforganisator der Fußball-WM und Aufsichtsratschef des FC Bayern. Beim Bau des Stadions am Münchner Stadtrand, der in einem Jahr abgeschlossen sein soll, könnte es lediglich zu Verzögerungen kommen, wenn die Baufirmen nicht zur Kooperation mit den Ermittlungsbehörden bereit sein sollten, berichten Insider.

Franz Beckenbauer hatte am Vorabend der Festnahme noch gemeinsam mit 1860-Chef Wildmoser den 60. Geburtstag von Torwart-Legende Sepp Maier gefeiert. Von den Entwicklungen am Dienstag und Mittwoch zeigte er sich ebenso überrascht wie der Vize des WM-Organisationskomitees, Wolfgang Niersbach. „Wir haben uns schon in der Bewerbungsphase nirgendwo in örtliche Gegebenheiten eingeschaltet“, sagte Niersbach. „Das war stets Sache der Stadt und des Stadionbetreibers.“

Dem öffentlichen Eindruck, die WM habe zwei Jahre vor Anpfiff ihren ersten Skandal, können die Verantwortlichen jedoch schwer entgegentreten. In der Zentrale des Fußball–Weltverbandes Fifa in Zürich wurde am Mittwoch hastig nach Deutschland telefoniert, doch Stellung wollte niemand nehmen. Fifa-Generalsekretär Urs Linsi ließ sich von Mitarbeitern informieren.

Auch in Deutschland machen sich Sportfunktionäre Sorgen um das Image des Landes. Schließlich bewirbt sich mit Leipzig gerade eine deutsche Stadt um die Austragung der Olympischen Spiele 2012. Auch hier gab es bereits Affären um Provisionsgeschäfte und offenbar fingierte Rechnungen. Nun, nachdem sich die Lage – auch durch das Einschreiten von Minister Schily – beruhigt hat, belastet der Münchner Bauskandal die Organisatoren. „Wir brauchen eine schnelle Aufklärung im Interesse des Landes und des Sports“, sagte der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, Klaus Steinbach, dem Tagesspiegel. Auch wenn es sich in München möglicherweise nur um Verfehlungen Einzelner handle, stehe „die Glaubwürdigkeit Deutschlands als Ausrichter großer Sportereignisse auf dem Spiel“. Am 18. Mai entscheidet das Internationale Olympische Komitee, ob Leipzig für die Endauswahl zugelassen wird. „Die Sache in München ist ganz schlechte Werbung“, stöhnt ein hochrangiger Sportfunktionär. Otto Schily dürfte es wohl ähnlich sehen.

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