Zeitung Heute : Das hat Italien nicht verdient

Marcel Reif blickt täglich auf die Spiele voraus

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Ach, es könnte doch alles so schön sein, bella sozusagen in Italien. Es ist doch eigentlich wunderbar, dieses kindliche Gemüt, mit dem die Italiener den Fußball begleiten. Er ist es, der das Land beschäftigt, tagaus, tagein. Und dann stehen sie im Café, trinken ihren Espresso und quasseln sich den Mund fusselig über Fußball. Der Bauarbeiter, der Banker, nichts geht über Fußball, na gut, fast nichts, aber dann kommt schon sehr schnell der Fußball. Sie haben Besseres verdient als das, was ihnen der Fußball zurückgibt. Der Fan wird betrogen, er sitzt in maroden Stadien, weil in die niemand investiert. Er wird übers Ohr gehauen, und zwar nicht von irgendeinem Zweitligisten, der den Abstieg verhindern möchte, nein, es sind die Großen, die betrügen, Juventus, ausgerechnet. Und die Schiedsrichter mischen mit.

Ob die Skandale die WM-Teilnehmer belasten? Immerhin wissen viele nicht, was sie erwartet, wenn sie nach dem Sommer wieder heimkommen. Wer noch alles verwickelt ist. Oder atmen sie auf, weil sie weg sind von daheim? Man wird sehen. Dabei sind die Voraussetzungen so gut wie lange nicht mehr. Trainer Lippi hat an die 50 Spieler getestet und eine Mannschaft geformt, die, nun, wir wissen ja ziemlich genau, wozu die fähig ist. Zum Beispiel vier Tore zu schießen. Vier Tore, du lieber Himmel, das war beim Trainervorgänger Trapattoni fast die Ausbeute eines Jahres. Sie haben Buffon, einen grandiosen Torwart, sie haben Cannavaro, Nesta, Zambrotta, Totti, Camoranesi, Del Piero, Inzaghi, Männer, deren Können auch fern des Stiefels jeden Freund des Fußballs erfreut. Wenn man sie spielen lässt. Und Lippi lässt sie spielen, zwängt sie nicht in destruktive Spielsysteme, wie das der fußballerische Altstalinist Trapattoni noch tat. Und siehe da, schon macht es Spaß, den Italienern zuzusehen, zumindest so lange, wie sie nicht gegen Deutschland spielen.

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