Zeitung Heute : Das hat Konsequenzen

Wie eine Berliner Hauptschule auch die Eltern zum Unterricht ruft – und welchen Erfolg sie damit hat

Susanne Vieth-Entus

Regina Hein ist eine lebhafte Frau. Gesprächig und optimistisch. Aber das half ihr kaum, als ihre Tochter die Freude am Lernen verlor. Das war in der Grundschule, als sich Misserfolg an Misserfolg reihte; als Cindy zu den Schlusslichtern gehörte und Heulkrämpfe bekam, sich verschloss und schließlich so schlechte Zensuren hatte, dass für sie nur noch die Hauptschule in Frage kam. Das ist jetzt ein Jahr her, aber seitdem ist alles anders geworden. Besser.

Regina Hein sitzt mit drei anderen Eltern in einem kleinen hellen Raum der Berlin-Lichterfelder Nikolaus-August- Otto-Hauptschule. Sie sind zusammengekommen, um über eine Erfolgsgeschichte zu berichten: über ein Elternseminar, das sie absolviert haben, damit ihre Kinder an der Schule aufgenommen wurden. Ein Seminar, das bundesweit einzigartig ist und das seit den Vorgängen an der Neuköllner Rütli-Hauptschule große Beachtung findet. Denn es wächst die Überzeugung, dass die besten Lehrer wenig ausrichten, wenn die Eltern ihren Kindern nicht vermitteln, die Schule ernst zu nehmen und sich an Regeln zu halten.

Neben Regina Hein sitzen nicht nur die Eltern Thomas Güldenpfennig, Petra Stachowicz und Tülay Usta, sondern auch die Lehrerin Eva Schmoll. Sie hat vor vielen Jahren gemerkt, dass es keinen Sinn hat, Elternabende anzusetzen, zu denen keiner kommt. Dass es keinem dient, Eltern immer nur dann herbeizuzitieren, wenn es mal wieder Ärger mit ihrem Kind gibt. Sie hat sich überlegt, wie man den Eltern helfen könnte und damit auch der Schule; hat sich alle möglichen Elterntrainings-Kurse angesehen und fand so ein Programm aus den USA. Es hat ihr so gut gefallen, dass Eva Schmoll es auf die Bedürfnisse von Eltern an Schulen zugeschnitten hat.

Regina Hein und die anderen Eltern, die um den Tisch sitzen, können es gar nicht abwarten, von ihren Erfahrungen mit dem Seminar zu berichten. Sie stoßen sich gegenseitig an und lachen wie eine verschworene Klassenbande, wenn sie sich daran erinnern, wie das war, als sie erfuhren, dass die Nikolaus-August-Otto-Hauptschule ihre Kinder nur aufnehmen würde, wenn sie – die Eltern – zehn Mal für jeweils zwei Stunden zu einem Seminar kommen würden.

Während andere Hauptschulen nicht eine einzige freiwillige Anmeldung von Siebtklässlern haben und jedes halbwegs zivilisierte Kind mit Kusshand nehmen, wagte es diese Lichterfelder Schule, auch noch Bedingungen zu stellen.

Eigenartig fand das auch Regina Hein. Sie ist 48 Jahre alt, Physiotherapeutin, hat zwei Kinder großgezogen, und es kam ihr doch einigermaßen anmaßend vor, dass sie nun ein „Elternseminar“ besuchen sollte. Aber da die andere erreichbare Hauptschule nicht einmal den Drogenhandel in den Griff bekam und die nächste Gesamtschule Cindy ablehnte, blieb ihr keine andere Wahl. Dann eben: auf zum Elternseminar.

Was Regina Hein da gelernt hat? Eigentlich ganz banale Dinge. Zum Beispiel, „dass Zuhören wahnsinnig wichtig ist“, sagt sie. Nicht nur so mit halbem Ohr. Und nicht auf später vertrösten. „Man darf nicht sagen: Erst wird gegessen. Nicht sagen: Ich muss erst noch telefonieren. Sondern sich gleich hinsetzen und anhören, welchen Ärger und welche Enttäuschungen das Kind mitgebracht hat aus der Schule, von den Lehrern, den Mitschülern. Und auch nachfragen.“ Das hat dazu geführt, dass Cindy sich geöffnet hat, mit sich reden ließ und sogar wieder Lust bekam, zur Schule zu gehen, sich anzustrengen, Regeln einzuhalten, Ordnung zu machen. Und da diese Entwicklung flankiert war von Lehrern, die sich intensiv kümmerten, wurden die Zensuren besser.

Jedes Elternteil erzählt eine andere Geschichte, aber wenn sie sagen sollen, was ihnen bei dem Elternseminar besonders geholfen hat, dann fällt das Wort „Konsequenz“. „Ich habe gelernt, konsequent zu sein“, sagt Tülay Usta. Ankündigungen einhalten, Forderungen durchziehen. Und auch Thomas Güldenpfennig glaubt, dass im Konsequent-Sein der Schlüssel einer guten Erziehung liegt und dass er genau dies anhand von Rollenspielen und Gesprächsrunden gelernt habe. Güldenpfennig, der bei den Wasserbetrieben arbeitet, wundert sich noch heute darüber, dass „man so viele Weiterbildungen macht, aber nie eine für seinen eigenen Nachwuchs“.

Aber funktioniert so ein Seminar, wenn man Eltern dabei hat, die kaum Deutsch können? Daran hat Regina Hein keinen Zweifel. Sie erzählt von einer Mutter aus Uganda, die nur wenig Deutsch und Englisch konnte und dennoch richtig gut bei dem Seminar mitgemacht habe. Mit Händen und Füßen habe man sich verständigt. „Wir sind zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen“, ist ihr Eindruck. Und nachdem die Eltern von Ostern bis zum Sommer das Seminar besucht hatten, waren sie schon alte Bekannte, als sie sich bei der ersten Elternversammlung der Siebtklässler im August trafen.

Das Seminar muss aber nicht nur sprachliche, sondern auch kulturelle Hürden überwinden, damit die Eltern wirklich für die Schule und damit für die Bildung ihrer Kinder gewonnen werden können. Deshalb wird auch ein aus Syrien stammender Lehrer dabei sein, wenn jetzt Lehrer zu Elternseminarleitern an weiteren 14 Schulen ausgebildet werden. Der Syrer spricht auch Kurdisch und Türkisch.

Die Eltern, die da in der Lichterfelder Schule zusammensitzen, haben keinen Zweifel daran, dass es sinnvoll ist, das Seminar verpflichtend an möglichst vielen Berliner Schulen einzuführen. Sie kommen immer noch alle sechs Wochen zu Auffrischungsrunden zusammen – auch wenn Regina Heins Tochter inzwischen zu den Klassenbesten gehört und auch wenn die andere Muter in der Runde, Petra Stachowicz, erzählt, dass sie inzwischen wieder gelernt hat, mit ihrem Sohn zu lachen. „Alles ordnet sich neu“, sagt sie, während Regina Hein schon die Pläne für einen Elternstammtisch ausheckt.

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